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Donnerstag, 14.01.2016

Neue Forschung bringt Solarworld wieder an die Sonne

In Freiberg werden jetzt Rekorde gemacht. Bessere Produkte sollen folgen.

Von Stephan Schön

Die Welt von Solarworld

Zweiseitig. Diese Solarzelle kann zusätzlich auch von hinten das reflektierte Licht in Strom umwandeln. Eine neuartige Verknüpfung der einzelnen stromfressenden sonnenhungrigen Bauelemente bleibt Firmengeheimnis und darf nicht gezeigt werden.
Zweiseitig. Diese Solarzelle kann zusätzlich auch von hinten das reflektierte Licht in Strom umwandeln. Eine neuartige Verknüpfung der einzelnen stromfressenden sonnenhungrigen Bauelemente bleibt Firmengeheimnis und darf nicht gezeigt werden.

© Thomas Kretschel

Helene ist seit zwei Jahren hier. Laura auch. Freiberg braucht sie. Aber sie sind befristet bei Solarworld bis 2017. Und, wenn sie dann mal wieder weg sind, dann soll es der Firma richtig gutgehen.

Helene und Laura sind zwei millionenschwere Zukunftsprogramme des Bundes. Sie könnten mit viel Forschung die nach wie vor wirtschaftlich angeschlagene Solarbranche in Deutschland wieder fit machen. So fit, dass sie sogar den Dumpingpreisen aus China trotzt. Das geht aber nur mit neuer Technik und noch mehr neuen Technologien. Der Strom von der Sonne muss billiger werden.

Dafür stehen alleine Helene rund 20 Millionen Euro bis 2017 zur Verfügung. Laura dann nochmals 16,5 Millionen Euro. Die Hälfte kommt vom Bund, die andere von Firmen. Nun, nach der Halbzeit von Helene und Laura, ist Solarworld mit seinen Partnern von Industrie, Instituten und Hochschulen bereits ein ganzes Stück weiter. Das konzerneigene Forschungszentrum von Solarworld befindet sich in Freiberg. Am Mittwoch gab das Unternehmen dort einen neuen Weltrekord bekannt. Mehr Strom aus Sonnenlicht schaffe derzeit niemand, verkündet Forschungsdirektor Holger Neuhaus. Mit 22,04 Prozent Wirkungsgrad komme man dem Ziel von Helene schon ziemlich nah. Dort sind 22,5 Prozent vorgesehen.

Die Welt von Solarworld

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In Freiberg hat der Konzern seine größte Fabrik. Hier arbeiten rund 1200 Mitarbeiter. Die Konzernzentrale indes befindet sich in Bonn.

Weltweit hat die Unternehmensgruppe drei Produktionsstandorte mit insgesamt 2730 Mitarbeitern. Das sind Freiberg in Sachsen, Arnstadt in Thüringen und Hillsboro in den USA.

Die Forschung ist in Freiberg konzentriert. Alle neuen Produkte und Technologien kommen von dort.

An der Börse ist Solarworld seit 1999, gegründet wurde das Unternehmen nur ein Jahr davor.Quelle: Solarworld

Heutige gute Solarzellen haben standardmäßig einen Wirkungsgrad von etwa 20 Prozent. „Unsere Computersimulationen zeigen aber, es wären sogar 24 Prozent drin“, berichtet Holger Neuhaus. Was er aber auch sagt, das alles passiere bisher nur im Labor. Im Freiberger Forschungszentrum von Solarworld arbeiten 120 Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker unter seiner Leitung an einer lichten Zukunft.

Bis die neuen Solarzellen dann aus den Labors auf Dächer und an Wände kommen, dauert es aber etwa 15 Monate. Viel Zeit kostet es, die nötige Qualität der Solarzellen zu erreichen. Die Firma muss letztlich eine Garantie von 30 Jahren für elektrische Leistung übernehmen. Allein die Schnelltests, die diese 30 Jahre simulieren sollen, dauern derzeit sechs Monate. „Viel zu lange. Das muss schneller gehen“, sagt denn auch der Forschungschef und kündigt auch hierfür neue Entwicklungen an.

Nur mit Qualität und Leistung könne den Billigprodukten Konkurrenz gemacht werden, sagt Neuhaus. Ohne es zu nennen, er meint damit vor allem China. Gerade die chinesischen Dumpingpreise waren es, die vor drei Jahren die deutsche Solarbranche nahe an den Abgrund getrieben hatten. Solarworld stand 2013 kurz vor der Insolvenz. Der Aktienwert wurde fast auf null gesetzt. „Wie ein Wunder. Wir haben überlebt, und wir haben es geschafft“, sagt Holger Neuhaus. Geschafft, das heißt, seit dem 30. September steht erstmals wieder ein Gewinn in den Büchern. Im vergangenen Jahr wurden Solarmodule für über ein Gigawatt Leistung verkauft, so viel wie nie zuvor.

Das ist auch Lauras Verdienst. Mit ihr sollen einzelne Solarzellen zu besseren Systemen werden. Solche, die letztlich Strom wie auch Wärme intelligent verteilen und speichern. Diese Systeme entscheiden mit darüber, wie viel Sonnenlicht dann wirklich genutzt werden kann.

Ein Beispiel dafür sind zweiseitige Solarzellen mit der sogenannten „Bifacial Perc-Technologie“. Solarworld produziert sie seit Jahresbeginn als weltweit erstes Unternehmen. Diese ganz speziellen Lichtsammler können mit ihrer Rückseite das vom Boden reflektierte Licht einfangen. Versuchsanlagen bringen erstaunliche Werte. Selbst die Rückstrahlung einer ganz normalen Wiese liefert sechs Prozent mehr Strom. Ein Solarmodul über einem Betonparkplatz zum Beispiel bringt sogar zehn Prozent mehr. Und diese zweifach lichtfressenden Zellen kosten nur unwesentlich mehr.

Auf diese Art, mit Prozent um Prozent mehr Lichtstrom, meldet sich das Unternehmen zurück am Markt. So sollen die reinen Erzeugungskosten für Solarstrom durch die begonnenen Forschungsprojekte von derzeit 13 Cent je Kilowattstunde auf neun Cent sinken. Doch der Vorsprung bleibt immer nur kurz, und er ist klein, wie Entwicklungschef Holger Neuhaus weiß. Denn weltweit nutzt mehr als die Hälfte aller Solarfirmen deutsche Anlagen für die Fertigung. „Das ist gut für Deutschland, schlecht für uns“, sagt Neuhaus. „Wir müssen halt besser sein, und immer einen Tick schneller.“ Helene und Laura helfen ihm.

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