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Donnerstag, 22.10.2015

Nächstenliebe ist menschlich

Zur Debatte um die ARD-Sendung „Dunkles Deutschland“ und zur Stimmung in Meißen schreibt Bauunternehmer Ingolf Brumm, der das Brandhaus in der Rauhentalstraße saniert hat, einen offenen Brief.

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Ingolf Brumm (2.v.l.)  gemeinsam mit Pfarrer Bernd Oehler (r.) beim Einzug der ersten Bewohner in das nach einem Brandanschlag wieder hergerichtete Wohnhaus im Meißner Rauhental.
Ingolf Brumm (2.v.l.) gemeinsam mit Pfarrer Bernd Oehler (r.) beim Einzug der ersten Bewohner in das nach einem Brandanschlag wieder hergerichtete Wohnhaus im Meißner Rauhental.

© Christoph Scharf

  • Ingolf Brumm (2.v.l.)  gemeinsam mit Pfarrer Bernd Oehler (r.) beim Einzug der ersten Bewohner in das nach einem Brandanschlag wieder hergerichtete Wohnhaus im Meißner Rauhental.
    Ingolf Brumm (2.v.l.) gemeinsam mit Pfarrer Bernd Oehler (r.) beim Einzug der ersten Bewohner in das nach einem Brandanschlag wieder hergerichtete Wohnhaus im Meißner Rauhental.
  • Ein Famiklienvater aus Afghanistan gehört zu den neuen Bewohnern in der Meißner Rauhentalstraße.
    Ein Famiklienvater aus Afghanistan gehört zu den neuen Bewohnern in der Meißner Rauhentalstraße.

Es ist schon zum „Haare raufen“: Da erscheint ein Bericht zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland, in welchem auch Meißen Handlungsort war, und sofort ist man der Meinung, dass Meißen dabei zu Unrecht in ein düsteres Licht gerückt wurde. Nun ist an sich das Thema alles andere als ein Werbefilm für jede darin vorkommende Region, nur habe ich den Eindruck, dass diejenigen, die darüber reden und schreiben, ihn entweder nicht verstanden oder nicht bis zu Ende gesehen haben.

Denn dieser Film endet durchaus mit einer sehr positiven Botschaft, welche insbesondere durch den Einzug der ersten Flüchtlingsfamilien und deren Begrüßung durch die Diakonie und das Bündnis „Buntes Meißen“ geprägt war. Auch die ersten Kontakte zu den Nachbarn, die anfangs alles andere als freudig aufnahmebereit waren, wurden geknüpft als ein Zeichen „dass es geht“, ohne sich das Haus anzustecken und sich gegenseitig nur mit Hass zu begegnen.

Seit Montag, dem 12. Oktober, gingen bei uns über 300 schriftliche und mündliche Bekundungen ein und – bis auf ganze zwei Ausnahmen – alle durchweg mit positivem Inhalt! Wir erhalten Nachrichten selbst aus Brasilien, Übersee, Amerika und natürlich auch aus Orten von Oberbayern bis Sylt. Der allgemeine Tenor ist: „Jetzt wissen wir, dass es in Sachsen und Meißen doch nicht so finster ist wie immer angenommen und dass es hier durchaus viele ungenannte Bürger gibt, die sich persönlich aufopfern“ und uns dafür Dank und Anerkennung aussprechen.

Dass dies im Film, auch meiner Meinung nach, sicherlich zu kurz gekommen ist, ist schade. Auch die guten Erfahrungen mit der von der Stadt bevorzugten dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen hätten verdient, erwähnt zu werden. Aber dennoch, die Grundaussage ist klar: Es gibt in Deutschland ein Problem, ein Problem, was nicht neu ist, das viele Ursachen hat, mit denen sehr unterschiedlich ungegangen wird.

Aus den Briefen an Ingolf Brumm

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„Wir waren total erschrocken“

Wir, meine Frau und ich, waren im Spätherbst letzten Jahres seit langer, langer Zeit wieder einmal in Ihrer geliebten Stadt. Uns sind die Augen über gegangen. So viel Schönes ist entstanden! Wir sind aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. ... Meißen ist so ein bezauberndes Kleinod geworden, dass die Meißner wirklich allen Grund haben, ein bisschen stolz darauf zu sein.

Als meine Frau und ich dann von diesen grässlichen Vorgängen gegen die Asylunterkunft und dem grölenden Mob auf der Straße hörten und sahen (wir wissen nun, dass es sich um Ihr Haus handelt), waren wir total erschrocken. Uns tat das richtig weh! Es passte einfach nicht zu dem entzückenden Bild, das wir von Ihrer Stadt hatten..., denn nach unserem Empfinden müsste so ein schönes Städtchen gerade mit viel Offenheit und Freude andere willkommen heißen und momentan besonderes jene, die ein Asyl brauchen, weil ihr Leben durch Krieg und Bürgerkrieg völlig aus der Bahn geworfen wurde.

Gott sei Dank sind da in Meißen solche Meißner wie Sie und Ihre Frau, die liebevoll Herzen und Hände öffnen und Fremde willkommen heißen. Und ... es ist auch schön zu hören ..., dass es noch viel andere Meißner gibt, die in ihrem Denken und Empfinden an Ihrer Seite stehen.“

„Vielen Dank für Ihre Zivilcourage“

Wir waren sehr beeindruckt von Ihnen und Ihrem Verhalten und etwas geschockt über das Verhalten vieler Menschen, die meinen, auf die Straße gehen zu müssen ... oder Sie wegen Ihres Engagements bedrohen zu müssen.... Wir wollen Ihnen ein kleines Zeichen setzen und Ihnen danken für Ihr Engagement.

Mit herzlichen Grüßen aus Basel und vielen Dank für Ihre Zivilcourage und Ihr Engagement

Niccel und Emil Steinberger

„Oberflächlichkeit und Verblendetheit ablegen“

Ich habe die Sendung hier in Brasilien im Internet über die ARD-Mediathek gesehen. Ich hoffe doch sehr, dass viele Meißner sehr bald umdenken und ihre Verblendetheit und Oberflächlichkeit ablegen.

Sie haben meinen Respekt.

Viele Grüße aus Sao Paulo

„Abfackeln hilft keinem“

Mir ist bewusst, dass der Zuzug vertriebener Kriegsflüchtlinge in diesem Maße Probleme aufwirft und nicht mehr lange so weiter gehen kann. Daher sehe ich die Haltung u.a. der Kanzlerin zwiegespalten. Aber Gehirn-amputierte Nazis und deren Schreie kotzen mich an. Noch schlimmer ist, dass weite Kreise der „Bevölkerung“ dies unterstützen und mit ihren Kindern an den widerlichen Maskenzügen teilnehmen. Ein Abfackeln von Gebäuden hilft keinem, sondern sorgt dafür, dass Wohnraum noch knapper und teurer wird. ...

Es ist eine Schande, wenn man bedenkt, dass viele aus der DDR 1989 an der Zonengrenze um Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland nachgesucht haben, mit Geld und Sachleistungen vollgestopft wurden und dankbar für Bananen und Orangen waren. Vielleicht fragen sich mal die auf diesen Zügen mitmarschierenden und schreienden Rentner, wer ihnen heute ihre Renten bezahlt. ... Das Geld stammt ausschließlich aus dem westdeutschen Rentensystem und wurde von schwer arbeitenden Demokraten und Nicht-Nazis angespart. Ich finde, wer 1989 selbst Asylant war, sollte heute da Maul nicht zu sehr aufreißen. Die westdeutsche Bevölkerung musste 1989 in vielen Dingen zurückstecken für den Osten. Damals gab es keine Brandschatzungen und Demonstrationszüge gegen die Ostflüchtlinge.

„Nicht alles tiefbraun“

Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Dafür, dass Sie in Ihrer Heimatstadt ganz selbstverständlich für ein Mindestmaß an Menschlichkeit einstehen und dass Sie sich dabei nicht einschüchtern lassen. Dass Sie Meißens Bewohnern die Möglichkeit geben, durch Ihre Unterkunftsmöglichkeit die Ängste vielleicht ein wenig abzubauen und Asylsuchende kennenzulernen. Und nicht zuletzt dafür, dass durch Sie viele Menschen in Deutschland sehen konnten, dass eben nicht ganz Ostsachsen tiefbraun ist. Ich wünschen Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermögen.

„Sie geben unserem Land ein freundliches Gesicht“

Menschen wie Sie geben unserem Land ein freundliches Gesicht und geben mir und meiner Familie die Hoffnung, dass der rechte Mob niemals die Mehrheit erlangt.

In der Hoffnung, dass Ihr Beispiel viele inspiriert, möchte ich Ihnen meinen tief empfundenen Dank aussprechen.

„Ihre Arbeit wird Früchte tragen“

Viel zu selten werden einzelne Personen erwähnt, die sich in dieser dunklen Zeit klug und mutig der Herausforderung stellen. Ich möchte Ihnen (und Ihrer Familie) meinen tiefsten Respekt aussprechen. Es ist wirklich bemerkenswert, wie Sie sich engagieren. Es sind Menschen wie Sie, die Hoffnung schenken. Ich denke, dass Ihre Arbeit Früchte tragen wird...

Ich wünschen Ihnen allen viel Kraft und habe endlich jemanden gesehen, der die Stadt Meißen würdig vertritt.

„Sie geben mir den Glauben an das Gute im Menschen zurück“

Ich komme zwar selbst nicht aus Sachsen, habe aber Verwandte in der Gegend um Meißen. Daher kenne ich diesen Flecken Erde recht gut und finde es sehr schade, dass zur Zeit hauptsächlich negativ darüber berichtet wird. Sie geben mir ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen zurück.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für Ihre Arbeit!

„Fühlen Sie sich nicht allein“

Es ist wirklich nicht so ganz einfach verschiedene Kulturen „an einen Tisch“ zu bekommen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Migranten/Kriegsflüchtlinge haben teilweise derart viel Leid erlebt, da möchte nicht ein Nazi mit denen tauschen. Sollten sie aber mal!

Ich bin Krankenschwester. Es ist für mich Herzenssache, mit Sinn und Verstand ganz selbstverständlich auf Menschen zuzugehen. Mir ist es egal, wie jemand aussieht, welcher Religion er angehört, welche Sprache er spricht usw. Mir ist nur wichtig, alle gleich lieb zu behandeln, auch wenn man zunächst mit Hand und Fuß eine gemeinsame Art der Verständigung finden muss.

Fühlen Sie sich nicht allein! Geben Sie nicht auf! Die lieben, mitfühlenden Menschen sind in der eindeutigen Mehrheit.

„Ich schäme mich“

Mit Entsetzen und Wut habe ich gesehen, wie sich die Lage in meiner Heimat entwickelt hat, seit ich weggezogen bin, und schäme mich sehr für die unfassbar vielen Menschen, die rechten Rattenfängern hinterherlaufen. Viel schlimmer finde ich allerdings die komplette Passivität der Landes- und Kommunalregierungen in Sachsen bzw. im Landkreis Meißen. Das vollkommende Heraushalten und damit Gewährenlassen solcher menschenverachtenden Gruppierungen macht mich fassungslos.

Umso wichtiger finde ich es, dass es solche Menschen wie Sie gibt, die trotz aller Anfeindungen und Drohungen das Richtige tun, dem Mob entgegen stehen und das tun, was der reine moralische Menschenverstand gebietet. ...

Ich möchte Ihnen zumindest ein klein wenig das Gefühl geben, dass Sie nicht allein stehen, sondern es sowohl im Landkreis Meißen als auch anderswo Menschen aus Ihrer Region gibt, die mit Ihnen auf der richtigen Seite stehen.

„Viele haben der Stadt Meißen geholfen...“

Gerade mal zwei Jahre ist es her, das die Stadt von einem heftigen Hochwasser heimgesucht wurde und laut Medienberichten viele Menschen in große Not versetzte. Erfreulich war aber offensichtlich die breite Solidarität und Hilfsbereitschaft in ganz Deutschland. Auch ich fühlte mich mit dem Leid der Menschen verbunden und unterstützte die Stadt Meißen mit einem mittleren dreistelligen Euro-Betrag, obwohl mir als Ruheständler nur ein überschaubares Einkommen zur Verfügung steht.

Umso enttäuschender, ja abscheulicher finde ich nun die Reaktion der Mitbürger Ihrer Stadt. Die Vorstellung, mit meiner damaligen Spende einen dieser braunen Hetzer unterstützt zu haben, macht mich wütend und zornig.

Zum Glück hält mich Ihr soziales Engagement bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise davon ab, die Einwohner der Stadt in einem generalverdächtigen Blick zu sehen.

Die Zuschriften sind schon sehr bemerkenswert, sie bringen ihre Sorgen um unsere Stadt zum Ausruck, oft aus der Sicht von weit her. Sie äußern aber gleichzeitig ihre Zuversicht, dass wie Lösungen finden werden. Wir veruchen auf allle Anschreiben zu antworten, auch darauf haben wir bereits erste Reaktionen erhalten. Im Anhang befinden sich von den über 200 vorliegenden Anschreiben einige Auszüge, die für sich sprechen und nicht weiter kommentiert werden brauchen.

Es kommt langsam Leben in die Rauhentalstraße 14 und das sollten wir nutzen, darüber nachzudenken, wie wir alle mit diesem großen Problem, das wir alle direkt oder indirekt mit zu verantworten haben, zum Wohle aller fertig werden. Es wird viele Probleme und Rückschläge geben, aber einen Stadt, die zwei Hochwasser, auch Dank Hilfe aus aller Welt, in kürzester Zeit überstanden hat, sollte das doch in den Griff bekommen. Freuen wir uns auf ein buntes Meißen und endlich auch mehr Kindergeschrei, denn es wird uns allen gut tun – auch wenn so mancher Schatten zu überspringen ist.

Eigentlich bin ich Bauunternehmer und stehe in harter Konkurrenz, aber wenn man lachende Kinderaugen sieht, welche vielleicht Unvorstellbares sehen mussten, wird man eben zum „Gutmenschen“! „Schiss“ habe ich auch, aber vor allem vor Menschen, die dies nicht verstehen wollen. Nur noch soviel: Ich bin Atheist, aber Nächstenliebe ist durchaus nicht nur eine kirchliche, sondern eine menschliche Tugend – und diese Werte wollen wir doch alle verteidigen.

Ich bedanke mich ausdrücklich bei allen, die uns im Zusammenhang mit den Ereignissen um unser Haus so tatkräftig unterstützt haben und wenn es nur ein Anruf war oder nur ein paar aufmunternde Worte. Am schlimmsten war das Schweigen.

Vielen Dank dem „Bunten Meißen“, Pfarrer Bernd Oehler und der Kirchgemeinde, der Mahnwache für den Frieden (jeden Montag 18 Uhr auf dem Markt) aber auch vielen Freunden, Bekannten und zahlreichen Vertretern der Politik quer durch alle Fraktionen und Ebenen.