Donnerstag, 22.11.2012
Nach Missbrauchsvorwürfen: Charité kämpft um ihren Ruf
Als auf einer Frühchenstation der renommierten Berliner Charité Darmkeime entdeckt wurden, gab es nur schleppend Informationen. Nun soll ein Pfleger ein Mädchen missbraucht haben. Und wieder wird der Fall zunächst verschwiegen. Wie geht es weiter?
Simone Stein-Lücke, Kommunikationsberaterin (r.-l.) Charité-Chef Karl Max Einhäupl, Julia von Weiler, Vorsitzende von Innocence in Danger, und der ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, informieren die Öffentlichkeit über den Stand der Missbrauchsvorwürfe. Foto: dpa
Berlin.Nach Missbrauchsvorwürfen gegen einen Charité-Krankenpfleger wird der Ruf nach Konsequenzen in dem Berliner Uniklinikum immer lauter. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte, es müsste gegebenenfalls auch personelle Folgen geben. Sie sagte im Abgeordnetenhaus, dringend müsse geklärt werden, warum jemand, der schon mehrmals aufgefallen sei, weiter im Kinderbereich arbeitete. „Da funktioniert anscheinend etwas nicht richtig.“ Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Zudem richtete die Charité - Deutschlands größtes Universitätsklinikum - eine Telefon-Hotline ein.
CDU-Generalsekretär Kai Wegner befürchtete, „angesichts des neuerlichen Skandals“ könne der exzellente Ruf der Charité beschädigt werden. Bei der Aufklärung dürfe nichts verzögert werden. Auch Wegner mahnte Konsequenzen an. Am Nachmittag wollte die Charité auf einer Pressekonferenz über den aktuellen Stand informieren.
Charité-Chef schon länger informiert
Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, hat nach eigenen Angaben schon früher von Missbrauchsvorwürfen an der Uniklinik erfahren als bislang bekannt. Er sei am Freitagabend zwischen Tür und Angel von einem Personalrat über einen Fall informiert worden, in dem auch die Worte sexueller Missbrauch fielen, sagte Einhäupl am Donnerstag. Am Vortag hatte er erklärt, erst am Dienstag von den Vorwürfen gegen einen Pfleger erfahren zu haben. Noch am Donnerstagabend sollte es ein Gespräch mit Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geben.
Ein Charité-Pfleger soll eine wehrlose 16-Jährige in der Rettungsstelle des Virchow-Klinikums missbraucht haben. Der Mann wurde vom Dienst suspendiert. Zudem wurde bekannt, dass der 58-jährige Mitarbeiter auch früher Grenzüberschreitungen im Umgang mit Kindern begangen haben soll. Die Charité informierte am Mittwoch eine Woche nach dem jüngsten Vorfall.
Hotline für besorgte Eltern
Am Donnerstag richtete die Charité eine Telefon-Hotline für besorgte Eltern, Angehörige sowie Mitarbeiter ein. Psychologische Fachkräfte stehen für Gespräche bereit. Charité-Chef Einhäupl, sagte, die Sorgen würden ernst genommen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs. Der Fall sei nicht einfach, da der Übergriff schon vor mehr als einer Woche passiert sei, sagte Sprecher Martin Steltner. Beweismittel wie DNA-Spuren gebe es nicht. Der Tatverdächtige sei bislang nicht wegen ähnlicher Fälle strafrechtlich in Erscheinung getreten. Eine Anzeige der Eltern der 16-Jährigen oder der Charité lägen bislang nicht vor.
Senatorin Scheeres ließ mitteilen: „Jetzt müssen unverzüglich alle Fakten auf den Tisch und ich will wissen, wer wann etwas gewusst hat und welche Entscheidung getroffen hat.“ Im Parlament kündigte die SPD-Politikerin an, sie werde den Missbrauch auf die Tagesordnung des Charité-Aufsichtsrats setzen.
CDU-Politiker Wegner sagte, gerade nach dem letzten Kommunikationsdesaster an der Charité sei es inakzeptabel, dass die Charité Missbrauchsvorfälle jahrelang verschwiegen habe. Zuletzt wurde die Charité kritisiert, weil sie über Darmkeime auf einer Frühchenstation erst spät informierte.
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe rief Pflege-Mitarbeiter auf, ihre Arbeit selbst zu überwachen. Die Strukturen des Gesundheitssystems seien unzulänglich. So müsse ein neuer Arbeitgeber nicht einmal zwingend von Straftaten eines Mitarbeiters wissen. Gefordert wurde eine Pflegekammer, die verbindlich berufsethische Standards festlegt. Es müsse aber auch innerhalb von Gesundheitseinrichtungen Frühwarnsysteme geben. (dpa)
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