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Nach 147 Jahren ist Schluss

Samen-Wagner schließt. Damit endet eine sehr lange Familientradition. Die war vor 27  Jahren erst neu aufgelebt.

06.10.2017
Von Cathrin Reichelt

Jahren ist Schluss
Noch erhalten die Gärtner bei Samen-Wagner am Obermarkt Pflanzen, Sämereien und Dekoartikel. Doch in acht Wochen ist Schluss. Das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Deshalb gibt es der Inhaber auf. Sein Großvater hatte es im Jahr 1870 in der Schwäbischen Alb gegründet.

© André Braun

Döbeln. Er hätte gern noch zwei bis drei Jahre weitergemacht. „Aber das Geschäft rentiert sich nicht mehr“, sagt Thomas Wagner, Inhaber von Samen-Wagner. Am Abend des 30. November wird er den Laden am Döbelner Obermarkt für immer abschließen. Bleiben die beiden Läden und das Lager dann leer? „Es gibt Anfragen. Aber es muss passen“, meint der 62-Jährige. Die sechs Wohnungen über den Geschäften sind vermietet. „Die Mieter sollen nicht unter dem Gewerbe leiden“, so Wagner.

Wenn er ein letztes Mal den Schlüssel im Schloss des Ladens dreht, endet eine 147 Jahre währende Familientradition. Großvater Reinhold Wagner gründete das Unternehmen im Jahr 1870 in Gönningen in der Schwäbischen Alb. Dort war er einer von 130 Samenhändlern, die irgendwann in alle Richtungen der Welt auswanderten. Reinhold Wagner wollte nach Russland, blieb aber in Sachsen hängen. „Er hat hier gute Chancen für die Firma gesehen“, so Thomas Wagner. Das Konzept seines Großvaters ging auf. Er züchtete unter anderem Samen für Gurken, Tomaten, Radieschen, Feldsalat, Rettich und die Pirnaer Frühblühende, ein Stiefmütterchen. Sie waren perfekt für die Böden im Dresdner Raum und in der Lommatzscher Pflege, wo Reinhold Wagner die Gärtnereien belieferte.

Im Jahr 1904 eröffnete er an der Ritterstraße in Döbeln einen Laden in dem Haus, in dem sich dann zu DDR-Zeiten der Intershop befand. Vier Jahre später kauften die Großeltern ein Haus am Obermarkt, ließen es abreißen und ein neues bauen. Das Geschäft florierte, bis in der DDR die Repressalien durch den Staat begannen. „Ende der 1950er-Jahre durften wir die Landwirtschaftsbetriebe nicht mehr ohne staatliche Beteiligung beliefern“, so Wagner. 1971 erfolgte die Zwangsverstaatlichung. Fortan gehörte Samen-Wagner zum VEB Saat- und Pflanzgut Quedlinburg und belieferte in Sachsen Wiederverkäufer von Samen. Das waren vor allem Landhandelsgeschäfte und Drogerien. Thomas Wagners Mutter blieb als Angestellte im Geschäft. „Für mich gab es dort keine Perspektive“, sagt Wagner. Er studierte Maschinenbau , war aber stiller Teilhaber in der Firma.

Mit der Verstaatlichung des Unternehmens durfte die Firma ihre eigenen Züchtungen nicht mehr anbieten. Wagner erinnert sich, dass einige Gärtner die Wagner-Samen schwarz nachgezüchtet haben. Aber er weiß nicht, ob es davon heute noch welche gibt. Gleichzeitig freut er sich darüber, dass vor allem die Hobbygärtner verstärkt zu alten Obst- und Gemüsesorten zurückkehren.

Im Jahr 1990 gehörte Thomas Wagner zu den Ersten in Sachsen, die einen Reprivatisierungsantrag stellten. „Da war ich kurzentschlossen“, sagt er. Zu den Samen kam der sogenannte grüne Markt, die Freiland-, Zimmer- und Topfpflanzen sowie später auch die Floristik. „Das passt besser zu einem Stadtgeschäft als der Großhandel“, meint Wagner. Auch der Pflanzenschutz spielte eine große Rolle.

Dafür, dass er sein Geschäft nun aufgeben muss, nennt Wagner verschiedene Ursachen. Zu DDR-Zeiten hatte die Firma allein in Dresden 130 Großkunden. „Heute sind es noch eine Handvoll.“ Im Altkreis Döbeln gibt es keine einzige Gärtnerei mehr. Auch in den Schrebergartenanlagen stehen viele Parzellen leer. Der Bedarf an Sämereien und Pflanzen ist stark zurückgegangen. Dazu komme das große Angebot desselben Sortiments in Baumärkten, Drogerien auf Freilandmärkten und Ähnlichem. „Dabei bleibt der kleine Fachhandel auf der Strecke“, sagt Wagner. Er fühlt sich auch in seiner ursprünglichen Befürchtung bestätigt, dass Kaufland die Kunden eher von der Innenstadt fernhält, als dass es für die City als Magnet wirkt. „Der Discounter mischt sich in alle Sortimente ein. Auch in unseres.“

Den ersten Teil seines Geschäfts schloss Thomas Wagner bereits mit der Einführung des Mindestlohns. Von fünf Mitarbeiterinnen im Jahr 1990 ist noch eine übrig. Dabei hat Wagner keine entlassen. Alle haben einen neuen Job gefunden oder sind in Rente gegangen. Die verbliebene Mitarbeiterin kümmert sich jetzt um den Verkauf der teils stark reduzierten Herbst- und Weihnachtswaren. Dabei will Wagner bis zum Schluss dafür sorgen, dass das Sortiment stimmig ist. Deshalb kauft er auch jetzt noch Ware ein.

Mit Samen-Wagner schließt der letzte Samenhändler in der Region um Leipzig, Dresden und Chemnitz. Auch in den Großstädten gibt es keinen privaten Händler dieser Art mehr.