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Dienstag, 05.12.2017

Mysterium Ufnbank

Ohne Erzgebirge kein Weihnachten im Jägerhof. Oder?

Von Siiri Klose

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  • Im Jägerhof wird‘s gemütlich. | Fotos (PR/SKD): links: Silvia Oertel; re.unten: Claudia Jacquemin | Michael Schmidt; re. oben: Christina Nehrkorn-Stege
    Im Jägerhof wird‘s gemütlich. | Fotos (PR/SKD): links: Silvia Oertel; re.unten: Claudia Jacquemin | Michael Schmidt; re. oben: Christina Nehrkorn-Stege

„Weihnachten im Erzgebirge ist ein Gesamtpaket“, sagt Igor A. Jenzen, Direktor des Dresdner Volkskunstmuseums. Bergmann und Engel gehören dazu, die Reifentiere und die Pyramiden, Leuchterspinnen und Liedgut wie „De Ufnbank“ von Anton Günther, dessen Gitarre frisch restauriert eine Vitrine des Museums füllt, mitsamt Kopfhörern zum Nachlauschen dieser Mundart-Lieder, die selbst Dresdner nicht immer lückenlos entschlüsseln können. Nichtsdestotrotz gehören all diese Zutaten auch zu einer Dresdner Weihnacht, schließlich wurden sie seit dem 19. Jahrhundert schrittweise auf dem Striezelmarkt eingeführt. Im Jägerhof liegen Musterkataloge und Musterstücke des Holzspielzeugs aus, das die Spielzeugverleger in die Städte trugen – wo das Interesse der adligen und bürgerlichen Kundschaft an Kindergeschenken in der Weihnachtszeit in dem Maße wuchs, in dem sie Kindheit als eigenständigen Lebensabschnitt mit eigenen Interessen und Wünschen begriffen. Vorher liefen Minderjährige eher als Erwachsene mit Lernbedarf.

Selbstbewusste Lichthalter

Jenzen ist dem „Mythos Erzgebirge“, wie er es nennt, seit über einem Jahrzehnt auf der Spur. „In den Musterkatalogen finden Sie keine Engel und Bergmänner“, sagt er: „Die waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reine Privatsache der erzgebirgischen Familien.“ Dem streng blickenden Engel ist anzusehen, dass er aus einer protestantisch geprägten Region kommt – was auch zur ersten Funktion des Heiligabends passt: „Im Kirchenjahr ist der 24. Dezember der Adam und Eva-Tag“, sagt Jenzen – die Gelegenheit, sich an den Sündenfall und die eigenen Verfehlungen auf dem Weg zum gottgefälligen Leben zu erinnern. Der Paradiesgarten mit Bäumen, Tieren und einem Zaun drum herum taucht auch auf den Tellern alter Pyramiden im Volkskunstmuseum auf.

„Aber an welchem Punkt entstand das Selbstbild von den armen Erzgebirglern?“, fragt Jenzen sich. Klar habe es im Zuge der Industrialisierung auch im Erzgebirge die bitterarmen Heimarbeiter gegeben, bei denen oftmals die ganze Familie die immer gleichen Tier-Rohlinge für die Spielzeug-verleger vom Spaltreifen spante. Doch gerade die Tradition des Bergmanns als Leuchter wurzelt eher im Reichtum: „Die Knappschaften stifteten den Kirchen massive – und teure! – Zinnfiguren, die ihre Knappschaftsuniform trugen. Und die vor dem Altar äußerst selbstbewusst das Licht hielten“, sagt Jenzen. Später wurden diese Leuchter für den heimischen Weihnachtsabend nachgeschnitzt, „so, wie man es eben in der Kirche gesehen hatte.“

Dass das Erzgebirge das Heimwerkeln nicht für sich gepachtet hat, beweisen wie jedes Jahr die Tannenbäumchen mit Schmuck aus allen möglichen Ausgangsmaterialien – von Suralin bis zu Kaffeepads. Dazu kommen 20 Verkaufsstände mit Weihnachtsschmuck und natürlich: viele Gelegenheiten zum Selberbasteln.

Service:

Was: Weihnacht – Eine Geschichte

Wann: bis 7. Januar, Di-So 10-18 Uhr, 24. & 31.12., 10-14 Uhr

Wo: Museum für Sächsische Volkskunst im Jägerhof, Dresden

Tickets: 5, erm. 4 Euro, bis 17 Jahre frei

Internet: www.skd.museum.de