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Mutige Mission

Die Radebeuler Archäologin Asja Müller reist für ein Jahr zu Ausgrabungsstätten in Europa und Afrika. Allein, im umgebauten Transporter.

06.10.2017
Von Ulrike Keller

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Rollendes Domizil: Auf diesen paar Quadratmetern wird Asja Müller aus Naundorf bis Oktober 2018 wohnen und arbeiten. Möglich machen es raffinierte Umbauten, die auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen sind. Das Fahrzeug gibt ihr enorme Freiheit. Denn damit gelangt sie auch an abgelegene Orte. Vorausgesetzt, sie büßt es nicht unterwegs ein, wie etliche Stipendiaten vor ihr.

© Norbert Millauer

Radebeul. Es bleibt spannend bis zum letzten Moment. Noch am Vortag der Abreise muckert die Batterie. Und auch ein Versicherungsausweis fehlt Asja Müller noch. Doch was ist das schon gegen das große Abenteuer, das die junge Frau aus Radebeul-Naundorf in den nächsten Monaten erwartet?!

Asja Müller ist Archäologin. Ihr Studium absolvierte sie nicht nur zügig, sondern legte auch eine ausgezeichnete Doktorarbeit vor – über die ägyptischen Mumienmasken der römischen Kaiserzeit und deren Funktion im Totenritual. Mit dieser Leistung ergatterte sie ein begehrtes Reisestipendium, das sie nun bis nächstes Jahr Oktober zu zahlreichen wichtigen Ausgrabungsstätten führen soll.

„Es geht darum, eine profunde Monumentkenntnis zu erhalten“, erklärt die gerade 30 Gewordene, die im Luisenstift ihr Abi machte. „Ich schaue mir die Ausgrabungsstätten an, um zu wissen, wie sie in der Landschaft liegen und um die Bautechniken zu studieren.“ Damit erarbeitet sie sich Informationen, die von unschätzbarem Wert sind für ihre weitere Laufbahn als Archäologin.

Stationen plant sie in Ägypten, Sudan und Israel ebenso wie in Jordanien, Libanon und Iran. Dazu kommen zwei ausgedehnte Autorouten. Zum Anfang der Reise geht es durch Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko. Die Schlusstour beinhaltet dann Italien, Sizilien, Tunesien, den Balkan, Griechenland, die Türkei und Zypern.

Für die fahrbaren Strecken hat sie sich einen gebrauchten Transporter zugelegt. „Ein eigenes Fahrzeug macht die Sache wesentlich leichter“, sagt sie. Denn damit kann sie auch sehr entlegene Orte ansteuern. „Man muss nur die Koordinaten herausbekommen, dann findet man über Google Maps alles“, so Asja Müller.

Um für derbe Schotterstraßen und Aufenthalte fernab der Zivilisation gerüstet zu sein, hat sie den Transporter bei der Coswiger Firma GFG umbauen lassen. Ihre Eltern kennen Geschäftsführer Tilo Ruhl gut und wussten, dass er schon einige Sprinter zu halben Wohnmobilen umfunktioniert hat.

„Es ist alles ganz individuell, rückbaufähig und so, dass Du es selbst reparieren kannst“, erklärt er Asja Müller, als sie Mitte September die ersten Umbauten gespannt besichtigt.

Beispielsweise gibt es eine zweite Batterie für die Stromversorgung. Die geschlossene Trennwand zwischen Fahrerbereich und Laderaum ist entfernt, damit man gerade in brenzligen Situationen starten kann, ohne das Auto verlassen zu müssen. 3-Watt-Lampen sorgen für Licht. Der Eckschreibtisch lässt sich mit wenigen Handgriffen in eine großzügige Liegefläche verwandeln. Ein zur sicheren Belüftung eingesetztes Dachfenster ist mit Thermo- und Moskitoschutz versehen. Und auch über einen Dachgepäckträger für ein Sonnensegel als Schattenspender verfügt das Fahrzeug. Asja Müller stellt sich auf Temperaturen um die 40 Grad Celsius ein.

„Das ist Luxus“, schwärmt die Wissenschaftlerin über ihr mobiles Büro und Schlaflager. Damit meint sie nicht nur Raffinessen wie den eingebauten Spannungswandler mit 220 Volt und USB-Anschluss, an dem sie Laptop, Kamera und Handy laden kann. „Man hat seine eigene Privatsphäre“, schwärmt sie. Denn häufig teilen sich bei Ausgrabungen mehrere Kollegen ein Zelt oder Zimmer.

„Vielleicht überlebt das Auto die Reise“, hofft Asja Müller. Einige ihrer Vorgänger-Stipendiaten büßten ähnlich ausgestattete Modelle durch Diebstahl ein. Wenigstens mit Einbrüchen muss sie allerdings rechnen. „Du hast mehrfache Wegfahrsperren drin, mechanische und elektronische, um Zeit zu gewinnen“, erläutert ihr Tilo Ruhl.

Eines ist die Reise gewiss nicht: ungefährlich. Das sorgt vor allem die Eltern der Archäologin. Doch Asja Müller geht es mutig an. Schließlich ist sie schon öfter – Zitat – „rustikaler unterwegs gewesen“, etwa in Ägypten oder auf den griechischen Inseln. „Man muss alles gut planen, Risiken vermeiden und wenn nötig flexibel sein“, schildert sie ihre Erfahrung. Obwohl sie mit 1,75 Metern Körpergröße und blonden Haaren schnell auffällt, sei sie noch nie belästigt worden. „Man muss beim Laufen ein klares Ziel haben und darf sich nicht in Gespräche verwickeln lassen“, beschreibt sie die Strategie, mit der sie stets gut gefahren ist. Dabei bleibe sie aber stets höflich, sagt sie. „Denn als Stipendiatin repräsentiere ich ja ein anderes Land.“

Für die junge Wissenschaftlerin erfüllt sich ein doppelter Traum. Denn auch für ihren großen Wunsch, als Archäologin zu lehren und an Ausgrabungsprojekten mitzuwirken, sieht es nach dem Jahr gut aus. Ihre Mitarbeit in einem Sonderforschungsbereich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wird lediglich für das Reisestipendium unterbrochen. Die Stelle bleibt ihr erhalten.