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Samstag, 07.02.2015

Musik in den Segeln

Kraftsportler, Türsteher, Mechaniker und Erfinder: Rummelsnuff ist vieles, aber vor allem singender Seemann.

Von Kai-Uwe Reinhold

Die Schiffermütze gehört zum Seemann wie die Pfeife. Für Käpt’n Rummelsnuff ist Paffen ein Laster, das er sich noch gönnt.
Die Schiffermütze gehört zum Seemann wie die Pfeife. Für Käpt’n Rummelsnuff ist Paffen ein Laster, das er sich noch gönnt.

© Norbert Neumann

Unter der Schiffermütze ist der Kopf kahl. Die Träger des weißen, gerippten Unterhemdes liegen gespannt über dem monströsen Brustkorb und den muskelbepackten Schultern. Winkelt Roger Baptist die Arme an, türmt sich der Bizeps zum Hügel auf. Wie bei Popeye, wenn er kraftspendenden Spinat isst. Köpfe drehen sich um, sobald er sich durch die Kneipe schiebt. Es wird getuschelt. Was mag dieser kompakte Typ wohl machen? Zuhälter in Hamburg?

Nein, der 48-jährige Kraftsportler ist kein Zuhälter. Eher ein Aufschließer. Im Berliner Berghain, dem Aushängeschild der deutschen Technoklubszene, gewährt oder verwehrt er als Türsteher Einlass nach geheimen Regeln. Aber vor allem ist er als Rummelsnuff, der singende Seemann und Erfinder „derber Strommusik“, bekannt.

Was unter diesem Genre zu verstehen ist, lässt er offen. „Die Menschen, vor allem Musikjournalisten, brauchen immer eine Schublade, in die sie Musik stecken können. Deshalb habe ich die derbe Strommusik erfunden,“ erklärt er mit seiner rauen und voluminösen Stimme. Die einzige Schublade, die der Käpt’n, wie er auch genannt wird, mag, ist die des Seemanns. Das ist seine Rolle. Sie ist mit ihm verwachsen. Sie steckt in ihm und bricht sich in der Musik ihre Bahn. „In meinen Liedern drängt der innere Seemann nach draußen. Das Meer dient mir zur Darstellung von Gefühlen, zur poetischen Aufarbeitung von Geschichten, die untergegangen sind“, sinniert der gelernte Mechaniker und blickt sich im Bautzner Tor um.

Hier würde er gern einmal spielen, sagt er sichtlich angetan vom Ambiente der Neustädter Kneipe. Der verruchte Charme ausgelassener Arbeitertrinkgelage hängt noch in den rustikalen Räumen. Songs wie „Der Heizer“, „Kumpel, Glück auf“ oder all die Seemannslieder würden hier den passenden Rahmen finden. „Es fehlen nur noch die Rauchschwaden“, meint Rummelsnuff und stopft sich seine Pfeife.

Käpt’n vom trocknen Land

Paffen ist eines der wenigen Laster, das er sich noch gönnt. Früher habe er sich bisweilen bis zum Filmriss betrunken. Der Videoclip zum Lied „Sliwowitz“ spielt darauf an. „Seit zwei, drei Jahren will ich mich von solchen Dämonen nicht mehr unterjochen lassen“. Nachdenklich nippt er an der roten Fassbrause. Trinkgelage gehören der Vergangenheit an, die Zukunft liegt auf dem Meer. Zumindest träumt er davon, mit einer kleinen Mannschaft auf einem Kahn die Meere zu beschippern, auch wenn er fern von tiefen Gewässern geboren wurde: in Großenhain, wo er schon in frühen Jahren mit Musik in Berührung kam. Durch seine Großmutter, auf deren Klavier er herumklimperte. Durch seine Mutter Renate Baptist, die beim Schlagerstar Frank Schöbel auf dem Keyboard orgelte. Durch seinen Vater Peter Baptist, der bei Klaus Lenz, dem Altmeister der DDR-Jazzszene, in die Posaune blies. Und nicht zuletzt durch den Fagottunterricht an der Musikschule in Großenhain. „Dort hatte ich auf dem Karl-Marx-Platz mein erstes Open Air mit dem Pionierorchester“, erzählt er grinsend und lässt die Ohren schelmisch wackeln. „Das muss 1977 oder 1978 gewesen sein“.

Zehn Jahre später lebt er in Dresden in einem Neustädter Hinterhof. Anarchie weht durch die Straßen. Rummelsnuff lässt sich von ihr treiben. Er hat sich dem Punk verschrieben. Mit der Volkspolizei gibt es handfeste Kabbeleien, seine Stasiakte wächst. Von der Musik lässt er sich aber nicht abbringen. Mit seinem „Schrotthaufen für elektronisches Gedudel“ tritt er als Keyboarder den „Freunden der italienischen Oper“ bei, die um 1990 ihren punkigen Rock’n’Roll aus den abrissreifen Proberäumen auf die große Bühne des Schauspielhauses bringen. Dort geben sie in ein legendäres Konzert, zu dem über tausend Enthusiasten pilgern. In den späten 90er-Jahren wird es ruhig um ihn, bis er Mitte der Nullerjahre als kraftstrotzender Kapitän wieder auftaucht.

Ein Stück weit hat er sich die Ruhe bewahrt, trotz des ganzen Rummels um Rummelsnuff. Am südöstlichen Rand von Berlin lebt er auf einem Gelände, auf dem alte Lagerhäuser stehen. Abgeschieden vom urbanen Treiben. Auch wenn in Berlin vieles architektonisch „versaut, verkackt, verbaut“ ist, hat der Käpt’n dort seinen Heimathafen gefunden. Der könnte auch woanders liegen. In Dresden? Vielleicht. „Die schönere Stadt ist sie auf jeden Fall.“ Nur behagt ihm der politische Wind in den Straßen nicht, trotz aller Verbundenheit.

Am 8.2. (20 Uhr) spielt Rummelsnuff mit Maat Asbach und Bernd Butz in der „Terrasse am Bischofsplatz“.

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