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Dienstag, 01.03.2016

Mumien in der Notaufnahme

In Kooperation mit dem Krankenhaus Friedrichstadt untersuchen Wissenschaftler der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mittels Computertomografie vier ägyptische Mumien.

Von Nina Schirmer

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Christine Lützner, Radiologieassistentin, mit dem „Patienten“.
Christine Lützner, Radiologieassistentin, mit dem „Patienten“.

© Robert Michael

  • Christine Lützner, Radiologieassistentin, mit dem „Patienten“.
    Christine Lützner, Radiologieassistentin, mit dem „Patienten“.
  • Die Röntgenuntersuchung soll Aufschluss geben über die Art der Mumifizierung, das Geschlecht, Alter und Krankheiten der Verstorbenen.
    Die Röntgenuntersuchung soll Aufschluss geben über die Art der Mumifizierung, das Geschlecht, Alter und Krankheiten der Verstorbenen.

Dresden. Ältere Patienten sind im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt keine Seltenheit. Aber einen so alten wie am Dienstagmorgen haben die Ärzte und Pfleger auch noch nicht gesehen. In der Notaufnahme herrscht großer Andrang, weil jeder einen Blick auf das seltene Untersuchungsobjekt werfen will.
Ganz vorsichtig heben die Mediziner eine Mumie aus dem vierten Jahrhundert nach Christus auf die Untersuchungsliege. Dann fährt das braune Bündel langsam in die große Röhre.

Der konservierte Körper ist einer von vier ägyptischen Mumien aus dem Bestand der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der mittels Computertomografie im Krankenhaus untersucht wird. Das CT soll Aufschluss darüber geben, was über 1 500 Jahre unter Stoffbinden verborgen lag.
„Anhand der Röntgenbilder kann man die Art der Mumifizierung erkennen, beispielsweise ob die Organe im Körper gelassen oder getrennt beigesetzt wurden oder ob das Gehirn entnommen wurde“, erklärt Prof. Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums Berlin, die als Expertin zur Untersuchung der Mumien nach Dresden gekommen ist.

Außerdem kann anhand der Größe der Knochen auf das Geschlecht der Verstorbenen geschlossen werden. Im Fall der ersten beiden Körper, die in die Röhre kommen, ist das allerdings schon kein Geheimnis mehr. Es handelt sich um Porträtmumien, bei denen ein Gesicht am Kopfende aufgemalt ist. Die Bilder zeigen einen Mann und eine Frau.

Im Jahr 1615 hatte der Römer Pietro della Valle die beiden Körper in Sakkara in Ägypten ausgegraben. August der Starke kaufte die Mumien aus dessen Nachlass und ließ sie 1728 von Rom nach Dresden bringen. Der Transport dauerte mehr als ein halbes Jahr. An der Elbe angekommen, präsentierte man die Mumien zunächst im Großen Garten der Öffentlichkeit.
Wurden die Körper damals nicht einmal unter Glas geschützt, werden sie heute nur mit größter Sorgfalt bewegt. „Die Mumien wurden von einer Spedition ganz vorsichtig verpackt und in einem Transporter ins Krankenhaus gefahren“, sagt Kordelia Knoll, kommissarische Leiterin der Skulpturensammlung.

Nur 20 Sekunden dauert das Röntgen der ersten Mumie, dann können die Ärzte um Radiologe Dirk Lehmann einen Blick in ihr Inneres werfen. Auf dem Bildschirm sind deutlich ein Schädel und ein Skelett zu erkennen. Das Stoffbündel macht den Medizinern, anders als manch lebender Patient, keine Probleme. „Die Mumie liegt ruhig und das Bild wird nicht durch einen Herzschlag oder die Atmung gestört“, sagt Lehmann. „So gesehen ein hervorragendes Untersuchungsobjekt.“

Schon ein paar Minuten reichen den Medizinern, um einige Schlüsse aus den Röntgenbildern der ersten Körper ziehen zu können. „Bei beiden sind die Gelenke voll ausgebildet“, sagt der Radiologe. Für die Ärzte ein sicheres Indiz, dass es sich um Erwachsene handelt. In einer der Mumien entdecken sie einen Fremdkörper. Wahrscheinlich hält der Verstorbene einen Metallgegenstand in der Hand. Um was genau es sich handelt, kann auf die Schnelle aber noch nicht ausgemacht werden.
Bei der ersten Mumie fehlen zudem viele Knochen im Torso oder sind nicht mehr dort, wo sie eigentlich hingehören. Wie alt die Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes waren, können die Wissenschaftler nicht auf den ersten Blick schätzen. Dafür müssen sie die Abnutzung der Gelenke genauer untersuchen. Einer der Verstorbenen litt offenbar an Hüftarthrose.

Bis 2018 sollen nun alle Informationen, die die Röntgenbilder zeigen, ausgewertet werden. Dann dürfen auch die Besucher der Skulpturensammlung einen Blick in das Innere der Mumien werfen. Zum Beispiel an einer Medienstation, die ein 3-D-Modell der Körper zeigt.

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