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Mittwoch, 08.07.2015

Mode satt

Paris zeigt die Haute Couture, Berlin setzt bei der Fashion Week auf Kreativität und Avantgarde.

Von Nada Weigelt

Hochzeitskleid mal anders. Im Rahmen der Berliner Fashion Week zeigte die Lübbenauerin Sarah Gwiszcz ihre Neuinterpretation sorbischer Trachten (l). Karl Lagerfeld hat dagegen in Paris bei der Haute-Couture-Schau eine andere Vorstellung einer Braut.
Hochzeitskleid mal anders. Im Rahmen der Berliner Fashion Week zeigte die Lübbenauerin Sarah Gwiszcz ihre Neuinterpretation sorbischer Trachten (l). Karl Lagerfeld hat dagegen in Paris bei der Haute-Couture-Schau eine andere Vorstellung einer Braut.

© dpa

Lieber nackt als in Seide, Daune, Leder, Pelz oder Wolle“ - die Aktivistinnen von der Tierschutzorganisation Peta haben zum Auftakt der Berliner Fashion Week mit Abstand das passendste Outfit. Bei Temperaturen um 30 Grad protestieren sie am Dienstag leicht geschürzt vor dem Brandenburger Tor gegen Tierquälerei in der Bekleidungsindustrie – nur mit einem Hauch von Unterwäsche bekleidet.

Im tiefgekühlten Modezelt auf der anderen Seite des Platzes zeigen gleich die ersten Designer, welche Bandbreite die Mode für den nächsten Frühling und Sommer verspricht. Der in Israel geborene Berliner Modemacher Daniel Blechmann schickt für sein Männerlabel Sopopular die Models mit rußgeschwärzten Gesichtern und in japanisch angehauchtem Purismus auf den Laufsteg. Neben Schwarz, Weiß und Grau gibt es allenfalls Oliv. Überlange Oberteile, oft zwei- oder dreilagig in edlem Materialmix, sind mit raffiniert geschnittenen Hosen kombiniert. Der gute alte Ärmelhalter kehrt als modisches Accessoire zurück.

Bereits seit Montagabend ist auch Potsdam im Rahmen der Berliner Fashion Week unterwegs: Die zweite Edition von Potsdam Now präsentiert drei Tage lang Designer aus der Region und internationale Labels. Eröffnet wurde die Schau am frühen Montagabend von der jungen Lübbenauerin Sarah Gwiszcz, die traditionelle sorbische Tracht neu interpretiert – und erstaunlich modische, coole Entwürfe präsentiert. Bevor es auf dem Laufsteg losging, wurden aber thematisch passend erst einmal Spreewaldgurken an die Gäste verteilt.

Wenig Stars und Sternchen

Kontrastprogramm bei der Österreicherin Lena Hoschek, die mit ihrem kreativ aufgepeppten Landhausstil zu den besonderen Lieblingen des coolen Berlinern Publikums zählt: Neben farbigen Paisleymustern dominieren diesmal hellgrundige Blütenstoffe in romantischem Schnitt. Gegen die fast maskenhaft erstarrten Puppengesichter, die zeitgleich in Paris die neuesten Kreationen von Mode-Ikone Karl Lagerfeld für Chanel präsentieren, wirken Hoscheks Blumenmädchen wie frisch von der Almwiese hereingeschneit. In Paris findet derzeit die Haute-Couture-Woche statt. Große Modehäuser wie Chanel und Dior zeigen bei Defilees aufwendig gearbeitete Kleider und höchst wertvolle Roben, die in feinster Handarbeit entstehen.

Im Me Collectors Room, in dem sonst die „Wunderkammer“ des Wella-Erben Thomas Olbricht lockt, stellte sich zum Auftakt das klassisch-moderne Männerlabel Brachmann vor. Auch Ivanman, Steinrohner und sogar Dorothee Schumacher (Freitag) haben sich für das neue Ambiente zwischen Kristall-Lüster und röhrendem Hirsch entschieden.

Ausgesprochen rar machen sich zumindest zu Beginn Stars und Sternchen - vielleicht auch, weil die Organisatoren mit Rücksicht auf die noch laufenden Haute-Couture-Schauen in Paris den Schwerpunkt eher auf die zweite Halbzeit legen. So steht der mit Spannung erwartete Gemeinschaftsauftritt von rund 30 profilierten deutschen Designern im neuen Berliner Mode Salon im Kronprinzenpalais erst für Freitag auf dem Programm. Initiatoren sind die Modeexperten Christiane Arp und Marcus Kurz. Und auch die Premium, inzwischen Spitzenreiter unter den rund ein Dutzend begleitenden Einzelmessen, öffnet erst am Mittwoch ihre Tore am ehemaligen Güterbahnhof Station-Berlin. „Mit mehr als 1000 Marken und 1800 hochwertigen Kollektionen sind wir inzwischen die weltweit einzige Messe, die Fashion und Lifestyle in dieser Größenordnung und Qualität präsentiert“, sagt Geschäftsführerin Anita Tillmann stolz.

Zalando will Publikumsfestival

Bei der einst bahnbrechenden Messe für Alltagsmode, der Bread & Butter im ehemaligen Flughafen Tempelhof, herrscht dagegen Katerstimmung. Das Unternehmen ist in der Insolvenz, nur wenige Freunde halten dem Gründer Karl-Heinz Müller die Treue. „Wir waren von Anfang an dabei und haben davon profitiert“, sagt etwa Vorstand Emin Cezairli vom türkischen Jeanslabel Mavi. „Deshalb bleiben wir, egal wie groß oder klein es ist.“ Der Online-Anbieter Zalando will als neuer Besitzer die Messe künftig in ein Publikumsfestival umwandeln. Vorerst aber werden in den leeren Hallen des Flughafens die kiloschweren Prachtbände zum zehnjährigen Jubiläum der Bread & Butter verramscht, das Modeangebot erinnert mit Silberschmuck, Ledergürteln und Jogginghosen eher an einen Flohmarkt denn an die glänzenden Zeiten der Müllerschen Großevents.

Das Publikum hat derweil Mühe, sich die Hitze erträglich zu machen. Bei den Herren dominiert behaartes Bein zu kurzen Hosen, die Damen setzen auf zehenteilende Kork-Treter in allen Varianten – strassbesetzt, in Micky-Maus-Form oder mit indianischem Federschmuck. (dpa)

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