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Montag, 10.01.2011 Puschwitz

Mittendrin im amerikanischen Traum

Seit fast vier Jahren setzt der Lausitzer Töpfer Carsten Barchmann in den USA Ideen an der Töpferscheibe um.

Von Miriam Schönbach

Bautz’ner Senf muss noch in den Koffer. Dann geht’s schnell zum Abschiedsbesuch zum Großvater. Schließlich sind die Stunden für Carsten Barchmann schon knapp bis zum Abflug am Dresdener Flughafen in seine amerikanische Wahlheimat Lexington/Kentucky. Dort sitzt der Lausitzer Töpfer seit fast vier Jahren an der Töpferscheibe und vertreibt seine Waren auch noch mit Erfolg. In stillen Momenten wird sich der Sprössling der Puschwitzer Töpferfamilie vielleicht manchmal selbst kneifen, um zu merken: Ich bin mittendrin in meinem amerikanischen Traum.

Der Zufall hilft mit

Schließlich ging Carsten Barchmann 2006 lediglich für ein Vierteljahr nach Amerika, um nach der Lehre andere Techniken kennenzulernen und sein Englisch aufzubessern. Sein Vater Karl Barchmann rät ihm damals zu dem Weg. Danach soll er in die Familientöpferei zurückkehren. Die Barchmanns übernahmen 1866 die bereits 1729 gegründete Puschwitzer Töpferei.

Der Senior hatte für seinen Junior eigentlich Töpfereien in Deutschland, vielleicht noch in Europa im Blick. Doch per Zufall lernt die Familie einen Töpfer kennen, der nach Übersee ausgewandert ist. Er vermittelt die ersten Kontakte für Carsten Barchmann und so landet der Sachse als Keramik-Student bei Susan De May, Professorin für Kunst an der Vanderbilt Universität in Nashville. „Nach Ende des Semesters habe ich mir ein 25Jahre altes Motorrad gekauft und bin damit 6.000 Kilometer im Süden der USA von Töpferei zu Töpferei getourt“, sagt der junge Mann.

Möglicherweise beginnt er auf diesen Touren, seinen Traum von den unendlichen Möglichkeiten fern der Heimat zu träumen. Bei dieser Reise lernt Carsten Barchmann seinen Mentor und Kollegen, Gustave „Fritz“ Wolff, in Lexington kennen. Beide Töpfer verstehen sich auf Anhieb. Den Amerikaner begeistert die Töpfertradition der Barchmanns, den Deutschen fasziniert die amerikanische Lebens- und Arbeitsweise. Doch zunächst geht der Flug nach drei Monaten zurück nach Deutschland. Carsten Barchmann legt hier nicht die Hände in den Schoß, arbeitet in der elterlichen Töpferei und bringt deutsches Handwerk mit amerikanischen Techniken zusammen. Mit dem lang ersehnten Visum packt er wieder den Koffer und kehrt 2007 in die Wahlheimat zurück.

Dort bezeichnet man den Mann aus der Lausitz sicherlich längst als „self-made man“, einen der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. „Ich habe es mir abgewöhnt, viel zu fragen. Wenn ich etwas machen möchte, packe ich einfach zu“, sagt der 28-Jährige. Längst sind er und sein Lehrmeister Firmenpartner und neuen Trends auf der Spur. Hähnchenbräter, Zwiebelsuppen- und Rühreierbereiter finden bei den Amerikanerinnen reißenden Absatz. Die Deutschen mögen lieber Tassen, Kerzenständer und Blumenvase vom Töpfer.

Nicht nur dieses Kaufverhalten unterscheidet die Arbeit zwischen Puschwitz und Lexington. „Wir fahren oft mehr als 500 Kilometer zu den Märkten, die meist über 50000 Besucher haben. 50.000 Kilometer stehen am Ende des Jahres auf dem Tacho des Trucks“, sagt der Selbstständige. Dem Vater genügt für seine Marktware ein Transporter.

Diese Superlative – gemischt mit freien Entscheidungen – reizen Carsten Barchmann an seinem neuen Leben. Im November zum Beispiel war er zu Gast bei der Internationalen Keramik-Konferenz in China, als einer von 70 talentiertesten Keramikern der Welt unter 28 Jahren. Der Weltreisende hat kilometermäßig inzwischen zweimal den Erdball umrundet.

Carsten Barchmann wirkt ausgeglichen, in Puschwitz scheint fast alles ein bisschen klein für den Wahl-Amerikaner zu sein. Um ganz in Ruhe neue Pläne zu schmieden, hofft der Lausitzer nun auf die Greencard, die zeitlich unbeschränkte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für die Vereinigten Staaten. Und auch die Familientöpferei hat er noch im Blick. Sein Vater übernahm den Betrieb damals mit fast 40 Jahren. „Da habe ich ja noch zwölf Jahre Zeit“, sagt Carsten Barchmann schmunzelnd, dann steht er auf: Sein Großvater wartet.