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Mittelständler auf dem Weg nach Übersee

Wenn es um Globalisierung oder Industrie 4.0 geht, halten viele Sachsen mit. Einige trafen am Freitag einen Araber.

07.10.2017
Von Georg Moeritz

ndler auf dem Weg nach Übersee
Chinesischer Standort einer sächsischen Firma: In Suzhou arbeiten 50 Beschäftigte für das Dresdner Unternehmen Xenon Automatisierungstechnik – ein Beispiel für Globalisierung, das bei einer Dresdner Tagung eines arabischen Veranstalters genannt wurde.

© SMWA/Matthias Rietschel

Sie folgen ihren Kunden bis nach China und Mexiko: Die beiden sächsischen Firmen Xenon Automatisierungstechnik in Dresden und FEP Fahrzeugelektrik Pirna haben längst Tochterbetriebe in Übersee aufgebaut. 50 Angestellte in China arbeiten für den Dresdner Mittelständler Xenon. Doch Geschäftsführer Hartmut Freitag vernachlässigt dabei nicht etwa das sächsische Stammwerk – er lässt für elf Millionen Euro neue Hallen in Dresden errichten. Denn ihm werden seine Automatisierungsprodukte aus der Hand gerissen: „Es ist eine Katastrophe! Die Lieferzeit für Roboter ist auf 15 Wochen gestiegen“, sagte der Xenon-Gründer am Freitag bei einer Tagung im Konferenzraum des Mikrochip-Herstellers Globalfoundries in Dresden. Der Boom macht den Fabrikanten auch Kummer, alles muss immer schneller gehen.

Hartmut Freitags Unternehmen Xenon mit 240 Beschäftigten dient dem Freistaat Sachsen als ein Vorzeigebetrieb, wenn Gäste kommen. Badr Al Olama aus dem Emirat Abu Dhabi wollte sich am Freitag darüber informieren, wie eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Mittelständlern und Großbetrieben in Sachsen funktioniert. Schließlich ist der arabische Staat Abu Dhabi der Besitzer des Chipfabrikanten Globalfoundries und will seine Einnahmequellen abseits des Erdöls erweitern. Badr Al Olama leitet die staatliche Luftfahrtsparte, zu der auch die Herstellung von Flugzeugteilen für Airbus und Boeing gehört.

Für die Suche nach Partnern hat Abu Dhabi eine internationale Wirtschaftskonferenz nach dem Vorbild von Davos ins Leben gerufen. Dieser arabische Industriegipfel GMIS soll alle zwei Jahre in Abu Dhabi stattfinden – zwischendurch ergänzt um kleinere Treffen. Dresden war nun am Freitag eine Station, nach Metropolen wie Peking und San Francisco. Allerdings war Badr Al Olama der einzige hochrangige Gast aus dem Ausland. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zählte ihm vor rund 40 Teilnehmern gleich Sachsens Stärken in der Luftfahrtindustrie auf, darunter die Elbe Flugzeugwerke.

Tillich ließ sich bei seinem Vortrag nicht anmerken, dass er als Politiker derzeit viel Kritik zu hören bekommt. Er war vielmehr in seinem Element als Ingenieur und Wirtschaftsförderer und sprach frei über den technischen Fortschritt in den Mikrochipfabriken und beim schnellen Internet. Tillich erinnerte daran, dass Globalfoundries seine Kapazität in Dresden auf eine Million Siliziumscheiben pro Jahr erweitern will. „Die Chinesen sind in der Lage, so etwas auch schnell hochzuziehen“, sagte Tillich. Aber die Sachsen könnten eng mit den Kunden zusammenarbeiten und auf Wünsche rasch reagieren.

Xenon-Chef Freitag bestätigte, dass seine Anlagenbau-Firma flexibel für Kunden wie Infineon, Bosch und Solarwatt arbeitet. Jedes Jahr treffen sich die Ingenieure des Dresdner Unternehmens zu einer eigenen kleinen Konferenz mit drei Partnerfirmen, die dafür das „Innovationsforum AND“ gegründet haben. Mit dabei ist Heinz Martin Esser, der auch den Branchenverband Silicon Saxony mit über 300 Mitgliedsfirmen leitet. Esser stellte die beiden Chipfabriken von Globalfoundries und Infineon als „Leuchttürme“ für Dresdens Wirtschaft dar. Sie bestimmen den Takt, sagte er – viele Mittelständler folgten. Seit etwa acht Jahren seien dank der großen auch kleinere Firmen „in der Lage, global zu agieren“. Zu denen gehört auch die FEP Fahrzeugelektrik Pirna mit fast 600 Beschäftigten. Geschäftsführer Peter Weber liefert Steckverbindungen in Millionenauflage an die Autoindustrie, ist auch für zwei Betriebe in China zuständig und kurz davor, einen in Mexiko aufzubauen. Gerade kleinere Unternehmen könnten neue Prozesse schnell in den Markt bringen, sagte Weber.

Diese Anforderung nämlich kommt von der Industrie, die gerade eine Revolution durch Digitalisierung erlebt. „Wir sind viel zu langsam“, sagte Professor Matthias Putz, der in Chemnitz beim Fraunhofer-Institut IWU für Produktionssysteme der Zukunft zuständig ist. Sachsen könne auf ein Vierteljahrhundert gute Entwicklung zurückblicken, mit guten Netzwerken auch für die Autoindustrie. Doch alles müsse auf den Prüfstand: „Was ist wirklich innovativ? Egal, was Sie jetzt denken: Machen Sie es doppelt so schnell!“, sagte Putz.

Es blieb dem arabischen Manager Badr Al Olama vorbehalten, auf Nachteile der Industrie 4.0 hinzuweisen: „die ernsthafte Bedrohung, Arbeitsplätze zu verlieren“. In der Übergangszeit zur digitalen Welt müsse es Fortbildung für die Mitarbeiter geben. „Das geht nur mit Unterstützung der Regierung“, sagte Al Olama in Dresden.