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Montag, 11.12.2017

Mit Vollgas zum Knochenbruch

Kevin baut permanent Unfälle. Das soll er auch. Der neuartige Einweg-Dummy hilft, Menschenleben zu retten.

Von Jana Mundus

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Händchenhalten ist bei Kevin nicht nötig. HTW-Professor Lars Hannawald setzt den neu entwickelten Dummy regelmäßig auf einen Schlitten – um ihn kaputt zu machen.
Händchenhalten ist bei Kevin nicht nötig. HTW-Professor Lars Hannawald setzt den neu entwickelten Dummy regelmäßig auf einen Schlitten – um ihn kaputt zu machen.

© Christian Juppe

  • Händchenhalten ist bei Kevin nicht nötig. HTW-Professor Lars Hannawald setzt den neu entwickelten Dummy regelmäßig auf einen Schlitten – um ihn kaputt zu machen.
    Händchenhalten ist bei Kevin nicht nötig. HTW-Professor Lars Hannawald setzt den neu entwickelten Dummy regelmäßig auf einen Schlitten – um ihn kaputt zu machen.
  • Die Nachbildung des Beckenknochens besteht aus einem Aluminiumpulver-Epoxidharz. Drumherum ist Silikon. Eine künstliche Muskel-, Fett- und Gewebeschicht.
    Die Nachbildung des Beckenknochens besteht aus einem Aluminiumpulver-Epoxidharz. Drumherum ist Silikon. Eine künstliche Muskel-, Fett- und Gewebeschicht.

Kevin kennt keinen Schmerz. Er spürt auch keine Angst. Damit hat er sich qualifiziert: für den wohl unbequemsten Job, den es an der HTW Dresden gibt. Angeschnallt sitzt Kevin in seinem Sitz. Es wird ihm nichts nützen. Gleich macht es knack. Vielleicht am Oberschenkelknochen, vielleicht am Becken. Mit Sicherheit an einem Halswirbel. Die Wucht des Aufpralls ist einfach zu groß. Kevin hat einen gefährlichen Beruf: Er ist Crashtest-Dummy. Aber ein ganz Besonderer. Der künstliche Mensch bricht sich die Knochen – und soll das auch. Damit echte Menschen sicherer fahren.

Einen schicken Flitzer gibt es für Kevin nicht. Stattdessen sitzt er auf einem Schlitten, der auf Schienen rollt. Mehr braucht er auch nicht. Schließlich wollen die Wissenschaftler an der HTW Dresden mit seiner Hilfe zeigen, welche Folgen der Aufprall eines Unfalls auf den menschlichen Körper hat. „Schon eine Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde kann ausreichen, um schwere Verletzungen zu verursachen“, sagt Lars Hannawald. Er ist Professor für Fahrzeugsicherheit und Unfall-
analytik. Der Prüfstand samt Schlitten wurde komplett an der Hochschule entwickelt. Verschiedene Fachbereiche arbeiteten dafür zusammen.

Ein pneumatischer Antrieb befördert Kevin nun auf seinem Sitz mithilfe von Druckluft in hoher Geschwindigkeit nach vorn. Es endet immer gleich. Egal ob 20 Kilometer pro Stunde oder schneller. Die Fahrt stoppt unsanft an einem Dämpfer. Kevin wird nach vorn gerissen, die Arme wirbeln vor seinem Oberkörper herum. Der Kopf kippt blitzschnell nach vorn.

Knochen aus dem Ersatzteillager

Wenn Kevin sich dabei etwas bricht – kein Problem. „Genau dafür ist er gedacht“, sagt Hannawald. Entwickelt wurde der Dummy ebenfalls an der HTW Dresden. Seine gängigen Kollegen, die die Automobilindustrie nutzt und die viele vielleicht aus Fernsehbeiträgen kennen, sind messtechnische Wunderdinger. Überall an ihnen sind Sensoren angebracht, die sie auch teuer machen. Knapp eine Million Euro kostet solch ein Dummy derzeit. „Unser Kevin ist deutlich günstiger“, sagt der Professor. Um die 10 000 Euro kostet er. Produziert wird die Dresdner Idee, die in Zusammenarbeit mit der TU Berlin entstand, nun von einer Firma in Münster, der CTS Crashtest-Service.com GmbH.

Vertrieben werden Kevin und seine Brüder als biofidele Dummys. Sämtliche eingesetzten Materialen an und in ihnen entsprechen in ihren physikalischen Eigenschaften denen eines realen Menschen. Knochendichte und -struktur sind dem Skelett nachempfunden. Möglich macht das ein Aluminiumpulver-Epoxidharz, aus dem die Knochen gefertigt sind. Die Muskel- und Gewebeschichten werden durch Silikonbauteile nachempfunden. Als Haut drumherum dient Neopren. Körperliche Schäden bei einem Unfall lassen sich so viel realistischer nachempfinden und analysieren, als das bisher bei Dummys aus Stahl und Kunststoff mittels ihrer Sensoren möglich war. Damit Hersteller von Autos am Ende genauer wissen, was mit dem Körper im Fahrzeuginnenraum passiert. Kevins Vorteil: Ist sein Oberschenkel kaputt, kann er ausgetauscht werden.

Die Kevins der neuen Generation

Auf dem Prüfstand im modernen Technikum werden regelmäßig Versuche durchgeführt. Dafür baut Messtechnik-Professor Gunther Naumann Hochgeschwindigkeitskameras um Kevin auf. Die nehmen bis zu 1 000 Bilder pro Sekunde auf, um die Bewegung des Dummys später am Computer auswerten zu können. Hier können die Studenten schon mal für die spätere Praxis lernen, denn in der Automobilindustrie wird ähnliche Technik verwendet.

Der aktuelle Kevin ist nicht das Ende der Schöpfung. Ein paar Meter weiter sitzt schon Kevin Nummer zwei. Der biofidele Dummy wird an der HTW Dresden weiterentwickelt. Noch menschenähnlicher soll er werden – um am Ende kaputt zu gehen.