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Montag, 20.07.2015

Mit Mutti auf Augenhöhe

Kleinkinder können ihren Eltern nicht sagen, welche Wünsche sie haben. Sara Borrmann aus Burkau bietet eine Lösung an.

Von Constanze Knappe

Simon, 19 Monate, hat gut lachen. Er kann seiner Mutti schon lange erklären, was er möchte.
Simon, 19 Monate, hat gut lachen. Er kann seiner Mutti schon lange erklären, was er möchte.

© Steffen Unger

Burkau. Wenn Babys die Hände zusammenschlagen, ist das kein Ausdruck für Begeisterung, den wir Erwachsene als Beifall klatschen kennen. Mit „bitte, bitte“ lässt sich die Geste stattdessen übersetzen. Wie auch „winke, winke“ ist sie den meisten Eltern von Kleinkindern bekannt. Rund 300 solcher Zeichen umfasst das große Buch der Zwergensprache. „Eine Kommunikationsform, mit der Eltern und Kinder einander besser verstehen, so lange Babys noch nicht sprechen können“, sagt Sara Borrmann. Seit Jahresbeginn bietet die Burkauerin Kurse in der Babyzeichensprache an. Die ist angelehnt an die Gebärdensprache, aber viel leichter zu handhaben. Markante Zeichen wie die für die Ohren eines Hasen oder den Rüssel eines Elefanten merkt sich jeder. Es gibt ebenso Zeichen für Essen, Trinken, Baden, Zähneputzen, Fahrzeuge, Bäume, Blumen, das Wetter und… und… und. Es braucht nur ein bisschen Übung dafür.

Weniger Frust im Alltag

In anderen Ländern wie England, Amerika oder Australien ist die Babyzeichensprache so selbstverständlich wie Babyschwimmen oder Babymassage. In Deutschland gibt es das Angebot seit zehn Jahren. Allgemein bekannt ist es deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil. Wenn Sara Borrmann mit ihrem 19 Monate alten Sohn Simon auf dem Spielplatz mit Zeichen kommuniziert, spürt sie schiefe Blicke, mitunter sogar eine mitfühlende Bemerkung, ob denn ihr Sohn behindert sei. Umso größer ist die Verwunderung der Erwachsenen, wenn sie die Gesten erklärt. „Durch die Zeichen spürt man viel mehr, was im Kopf seines Babys vor sich geht und man entdeckt den Kinderblick ganz neu“, sagt Sara Borrmann. Es gehe einem doch selber so. Wenn man sich jemand Anderem nicht verständlich machen kann, nervt das schon ein bisschen, beschreibt die 26-Jährige die Ausgangslage. Mit Babyzeichensprache haben Eltern und Kinder weniger Frust im Alltag. Wer sie einmal richtig versteht, denkt sich eigene Zeichen aus. Ein Spaß für die ganze Familie, wenn die Großeltern ebenfalls einbezogen sind. Es sei einfach niedlich, wenn die Oma so mit dem Kind „redet“. Ab einem Alter von sechs bis neun Monaten, wenn die Motorik entwickelt ist und die Kinder etwas greifen und begreifen, kann man mit der Zeichensprache beginnen. Dass sie die Entwicklung der „richtigen“ Sprache behindert, das ist ein Vorurteil. Das Krabbeln hält Kleinkinder ja auch nicht davon ab, Laufen zu lernen. Mit der Zeichensprache verbinden Babys akustische und visuelle Reize, was beide Gehirnhälften fördert. „Der Sprachschatz ist wesentlich größer. Wenn die Anatomie für das Sprechen dann fertig ausgebildet ist, sprudelt es nur so aus dem Kind heraus“, weiß die Burkauerin.

Ihr Sohn habe auf die Zeichensprache super reagiert, das machte die gelernte Zahnmedizinische Fachangestellte neugierig. Und sie ergriff die Chance, sich beruflich zu verändern. Sara Borrmann, die in ihrer Freizeit die erste Garde des Bischofswerdaer Karnevalclubs trainiert, kann sich keinen familienfreundlicheren Job vorstellen. „Es macht Spaß, man ist flexibel und hat viel mehr Zeit für sein eigenes Kind.“

Vivian König, die fünf Jahre in England lebte, brachte die Babyzeichensprache nach Deutschland und verbreitet sie bundesweit. Sara Borrmann hat dafür eine Ausbildung gemacht und eine Prüfung abgelegt. Als Expertin sieht sie sich aber nicht. „Wenn sich Eltern Zeit fürs Kind nehmen, macht sie das zu Experten für ihr Kind. Egal, ob sie die Babyzeichensprache beherrschen oder nicht. Hauptsache, sie beschäftigen sich mit dem Kind“, erklärt sie.

Coach für andere Eltern

Mit einer Lizenz in der Tasche gibt sie ihr Wissen nun als freiberufliche Kursleiterin weiter – als eine von 150 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Über zwölf Stunden geht ein Eltern-Kind-Kurs, in dem die Zeichen mit Hilfe von Fingerreimen, Spielen und Liedern vermittelt werden. Dazu jede Menge Tipps, wie man die Babyzeichensprache am besten in den Alltag integriert. 96 Euro kostet das. Wer die Babyzeichensprache in kürzerer Zeit erlernen möchte, kann das in einem dreistündigen Workshop ohne Kinder für 30 Euro. Kurse für Fachpersonal wie Hebammen oder Krippenerzieherinnen kosten 120 Euro. „In der Beschäftigung miteinander lernen Eltern und Kinder eine ganz neue Art, sich zu verständigen. Es macht Spaß und gibt positive Nebeneffekte“, sagt die Burkauerin. In Ländern, in denen die Babyzeichensprache selbstverständlich ist, wird sie in Krippen angewendet. In Deutschland ist man noch nicht so weit. Forschungsergebnisse zeigen langfristige Effekte zum Beispiel auch, was das spätere Erlernen von Fremdsprachen sowie die allgemeine Lernbereitschaft betrifft. Ihre Kurse hält Sara Borrmann in Neukirch, Bautzen und Kamenz.

www.babyzeichensprache.com