Sonntag, 05.08.2012
Mit der Sammelbüchse im Internet unterwegs
Crowdfunding heißt die neue Finanzierungsmethode, mit der Künstler und junge Unternehmer an Startkapital kommen.
Platt auf der Matte. Das Duo Couscous aus Dresden hat es geschafft und übers Internet das Geld für ihre erste CD eingesammelt. Foto: Couscous
Wo Couscous singt, da lässt man sich gerne nieder. Das Dresdner Duo – Tine Schulz und Moritz Eßinger – macht melodiösen Pop, ganz klassisch mit Klavier, Geige, Gitarre. Bislang war die Musik eher Hobby, jetzt möchten die beiden ihre erste Platte produzieren. Doch das ist teuer, 4.200 Euro braucht die Band für Studioaufnahmen, Endbearbeitung und Booklet.
Auf der Website Startnext.de bittet Couscous deshalb um finanzielle Unterstützung: „Musik ist unser Leben und dies unser Traum.“ 4.440 Euro sind bis gestern zusammengekommen. Plan übererfüllt. 119 Fans glaubten an Couscous und haben Geld per Internet gegeben – zum Taumerfüllen.
Crowdfunding heißt das neue Zauberwort im Netz, es gilt derzeit als aussichtsreicher Weg, im Internet Geld zu verdienen. Seit 2010 schießen Crowdfunding-Plattformen wie Pilze aus dem Boden, über 400 gibt es mittlerweile weltweit, in Deutschland hat sich Dresden mit Startnext und Seedmatch zu einem kleinen Zentrum entwickelt.
Die bekannteste Plattform kommt aus den USA und heißt Kickstarter.com. Erst drei Jahre ist das Unternehmen alt, kann aber schon beeindruckende Zahlen vorweisen: „Über 23.000 erfolgreich finanzierte Projekte, 20 Millionen private Geldgeber und 230 Millionen Dollar Finanzierungszusagen“, zählt Pressesprecher Justin Kazmark auf.
Aber wer gibt das Geld wofür, und wie funktioniert es überhaupt? Unterscheiden müsse man grundsätzlich zwischen „Crowddonating, Crowdinvesting und Crowdsupporting“, erklärt Andreas Will, Professor für Medienmanagement an der Technischen Universität Ilmenau. ‚Donating‘ bezeichnet das uneigennützige Spenden für die gute Sache, Seiten wie Betterplace.org funktionieren nach diesem Prinzip. Hier dürfen nur Hilfsprojekte eingestellt und beworben werden. Beim Crowdinvesting ist das anders, da geht es um Anteile und Gewinnbeteiligungen. Die Unterstützer werden zu stillen Teilhabern.
Es gilt das Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip
Plattformen wie Seedmatch.de oder Innovestment.de vermitteln den Kontakt zu Start-up-Gründern. „Wir prüfen die eingereichten Businesspläne und treffen eine Auswahl“, sagt Seedmatch-Pressesprecher Peter Schmiedgen. Nur, was innovativ und erfolgversprechend ist, darf sich präsentieren. Außerdem gilt das Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip. Kommt über das Crowdfunding nicht genug Investitionskapital zusammen, erhalten die Investoren ihr Geld zurück. Noch ist das nicht vorgekommen: „Bisher haben wir eine Erfolgsquote von 100 Prozent.“ 13 Start-ups hat Seedmatch seit August 2011 zu einer Finanzierung verholfen, insgesamt haben über 1.000 Nutzer rund 1,25 Millionen Euro angelegt.
Ganz so hoch sind die Erfolgschancen bei den kulturellen Crowdsupporting-Plattformen nicht, hier erreichen nur rund 40 Prozent der Projekte ihr Finanzierungsziel. Dabei treffen auch Startnext.de, Inkubato.de und Visionbakery.de eine Vorauswahl und schütten nur Geld aus, wenn die anvisierte Fördersumme erreicht wurde. Andere Seiten wie Indiegogo.com oder Mysherpas.com weisen dagegen niemanden ab, sondern überlassen die Bewertung der Projekte allein der Community. Die kann sich dann entscheiden, wofür sie Geld ausgeben will: für die Finanzierung von Konzerten, Filmfestivals, Tourneen, Buchideen oder Musikvideos.
Ob die Initiatoren während der mehrwöchigen Laufzeiten auf ihrer jeweiligen Plattform genügend Unterstützer finden, hängt von etlichen Faktoren ab. Entscheidend, erklärt Kommunikationswissenschaftler Will, seien „ein gelungenes Präsentationsvideo und eine präzise Projektbeschreibung“. Außerdem müssen die Gegenleistungen stimmen. Auf persönliche Namensnennung legen die meisten privaten Sponsoren keinen Wert, lieber wollen sie das fertige Produkt zugeschickt bekommen, also Eintrittskarten, Bücher, CDs oder DVDs. Und bei höheren Beträgen sollten noch ein paar ausgefallene Merchandising-Artikel dazukommen.
Potenziale auch jenseits des reinen Finanzierungsmodells
In den USA hat sich Crowdfunding so bereits als neue Form des klassischen Subskriptionsgeschäft etabliert. Kickstarter, einst Ort der brotlosen Künstler, ist mittlerweile zum perfekten Verkaufsumfeld für Games und Unterhaltungselektronik geworden – weil sich durch das Crowdfunding zeitgleich Absatzmärkte erkunden und Fan-Communitys aktivieren lassen. Und die neue Marketingstrategie geht oft auf: Auf über zehn Millionen Dollar Finanzierung und 85000 Vorbestellungen brachte es kürzlich die e-Paper-Uhr Pebble, das Computerspiel Double Fine Adventure erreichte 3,3 Millionen, eine iPhone Docking-Station aus Aluminium schaffte 1,4 Millionen Dollar.
In Deutschland ist man von solchen Umsätzen noch weit entfernt. Das liege nicht nur an der Unwissenheit oder Skepsis der Konsumenten, meint Startnext-Gründer und Geschäftsführer Tino Kreßner. „In den USA sind die Zahlungsprozesse einfacher. Die meisten Amerikaner haben eine Kreditkarte oder nutzen Online-Banking, jeder Zweite hat ein Facebook-Account.“
In Deutschland seien die Ansprüche an den Datenschutz deutlich höher, Kreditkarten und Paypal-Konten wenig verbreitet. „Auf Startnext kann man sich deshalb auch Vorkasse-Belege ausdrucken, mit denen man zur Bank gehen kann – das ist im Sinne des Crowdfundings aber eine Hürde.“
Moritz Eßingers Traum hat sich erfüllt, die Vorfinanzierung für die CD von Couscous steht. Dafür hat er mächtig geworben. Nicht nur im Internet, sondern auch auf Konzerten. Denn live und mit schöner Musik, meint er, erreiche man die Leute immer noch am besten.