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Dienstag, 08.11.2016

Mit den Worten einer jüdischen Zeitzeugin

Die 84-jährige Marianne Degginger kam extra aus der Schweiz, um vor den Curie-Schülern in Görlitz aus ihrem Buch vorzulesen.

Von Nadine Franke

Marianne Degginger liest im Joliot-Curie-Gymnasium darüber, wie sie als jüdisches Mädchen in dem nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs.
Marianne Degginger liest im Joliot-Curie-Gymnasium darüber, wie sie als jüdisches Mädchen in dem nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs.

© pawel sosnowski/80studio.net

Wenn Marianne liest, ist es still im Klassenzimmer. Niemand sagt ein Wort, keiner sieht auch nur für einen Moment auf sein Smartphone. 23 Schüler der neunten bis zwölften Klassen des Joliot-Curie-Gymnasiums blicken gebannt zu der 84-jährigen Frau, die am Montag für eine 90-minütige Lesung in der Schule war.

Was war das für ein Leben als Kind, wenn man jüdisch ist und im Register 1932 als Geburtsjahr steht? Eine Antwort auf diese Frage gibt sie mit ihrem Buch „Marianne, eine wahre Geschichte“, das Marianne Degginger in Form eines Tagebuchs herausgebracht hat. Sie schreibt von ihrem Leben als jüdisch-evangelisches Kind aus Berlin, das zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im brandenburgischen Kleinmachnow aufwuchs und sich mit der Familie in sächsischen Kellern verstecken musste.

Doch während sie liest, stellt sich allen Schülern eine Frage: Warum sind sie nicht geflohen? „Die Frage stellte ich auch meinen Eltern“, sagt Marianne Degginger. „Sie sagten, es ging ihnen lange Zeit zu gut und dass sie immer die falschen Entscheidungen trafen.“ Den gesamten Krieg verbrachte die Familie in Deutschland. Der Vater war nicht jüdisch und konnte die Familie so unterstützen. Seine Briefe waren das Grundgerüst des Buchs. „Meinem Gedächtnis konnte ich nicht immer trauen, aber die Briefe waren eine Orientierung. Denn ich wollte dieses Buch unbedingt schreiben“, erzählt Marianne Degginger, die dafür selbst in den Berliner Archiven recherchierte. Sie hat ihre Vergangenheit für junge Leute aufgearbeitet. „Ich möchte den Jugendlichen etwas mitgeben“, sagt sie, „Damit sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Dafür hält sie diese Lesungen in Schulen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Förderkreis Görlitzer Synagoge statt, in dem die Autorin auch Mitglied ist. „Ich liebe Görlitz“, sagt sie. Der Schweizer Michael Guggenheimer, dessen Vorfahren aus Görlitz stammten, machte sie auf die Stadt aufmerksam. Nun kommt sie für Lesungen an die Neiße, und die Reaktion der Schüler zeigen, dass es sich lohnt. Als Frau Degginger Fragen beantwortet, gehen eine Menge Hände in die Höhe. Artur Meier aus der zwölften Klasse bedankt sich bei ihr und betont: „Wir sind sehr überwältigt.“ Die Schüler hätten die Fragen wohl endlos fortsetzen können. Die Lesung gehört nicht zum Unterricht, sondern die Gymnasiasten nutzten die Chance, die Worte einer Zeitzeugin zu hören.