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Freitag, 25.01.2013

Minus 71,2 Grad: Der Mann aus dem kältesten Dorf der Welt

Vjaceslav „Slawa“ Suchomesov kommt aus dem kältesten bewohnten Ort der Welt. Der Student, der in Stuttgart lebt, erzählt über das kuriose Leben in eisiger Kälte.

Von David Fischer

Für Vjaceslav Suchomesov ist der deutsche Winter eher mild.
Für Vjaceslav Suchomesov ist der deutsche Winter eher mild.

© dpa

Stuttgart. Minus 71,2 Grad! An den Allzeit-Kälte-Rekord in Oimjakon erinnert heute ein Monument - eine Steinsäule, die am Rande des russischen Dorfes steht. «Pol der Kälte» steht dort in kyrillischen Zeichen in den Sockel gemeißelt. Minus 71,2 Grad hatten Bewohner in den 1920er Jahren von einem Thermometer abgelesen, wie der Stuttgarter Student Vjaceslav Suchomesov sein Heimatdorf beschreibt. Bis zum Alter von acht Jahren hat er dort seine Kindheit verbracht.

Geräusche beim Ausatmen

Oimjakon, der kälteste bewohnte Ort der Erde, liegt im tiefen Nordosten Russlands und gehört mit heute rund hundert Einwohnern zu eine der wenigen besiedelten Inseln in der Schneewüste der Republik Jakutien. Sein «kleines Oimjakon», sagt Suchomesov, werde von ausländischen Journalisten häufig mit dem rund 40 Kilometer entfernten gleichnamigen größeren Ort verwechselt. Von den Temperaturen mache dies jedoch keinen großen Unterschied - an beiden Orten hätten sich die Menschen an das Leben mit extremen Temperaturen gewöhnt.

«Minus 60 bis minus 65 Grad waren im Winter ganz normale Temperaturen», sagt der 25-Jährige mit deutsch-russischem Pass, der jetzt in Stuttgart lebt. «Manchmal war es so kalt, dass man beim Ausatmen ein Geräusch gehört hat. Das kam vom Atem, der neben dem Ohr in der Luft gefroren ist.»

Karte

Um draußen in den Minusgraden der arktischen Luftströmungen nicht zu erfrieren, hüllte er sich als Kind in einen Zwiebellook aus mehreren Kleidungsschichten. Erst mit mindestens zwei Unterhemden, zwei T-Shirts, einer Weste und Pelzjacke bekleidet, ließen ihn seine Eltern zur Schule gehen, erzählt er. «Ich lief rum, wie ein Michelin-Männchen», sagt der Student, der sich «Slawa» nennen lässt. Sein Gesicht in einen Schal vermummt und eine traditionelle russische Pelzmütze auf dem Kopf stapfte er jeden Morgen los.

Schulfrei ab 55 Grad minus

Bis zu vierzig Minuten lang marschierte er auf einem Trampelpfad in kniehohem Neuschnee zur Schule in das zwei Kilometer entfernte Nachbardorf Tomtor. Schulfrei hatten die Kinder erst ab 55 Grad unter Null. Durch diese frostigen Erfahrungen sieht sich Suchomesov für den deutschen Winter bestens gerüstet: «Wenn die ersten schon eine Winterjacke anziehen, laufe ich in der Stadt noch im Pulli rum.» Der Mensch sei allerdings ein Gewohnheitstier, sagt er, heute würde ihm schneller kalt, als damals in Russland.

«Heiße Quelle» heißt Oimjakon auf Deutsch. Früher haben vorbeiziehende Rentier-Treiber ihre Herden an einer heißen Therme in der Nähe rasten lassen, berichtet die Onlineausgabe der «Daily Mail». Erzählt wird von Kugelschreibern mit eingefrorener Tinte, tagelangem Gräberschaufeln und festgefrorenen Brillen im Gesicht. Den ganzen Tag über sollen die Bewohner Oimjakons ihre Fahrzeuge laufen lassen, aus Angst, der Treibstoff friere in der Kälte ein. Diese Eindrücke der britischen Zeitung lesen sich wie aus einem Horrorfilm. Jedoch seien sie nicht aus der Luft gegriffen, sagt Suchomesov. «Eine Stunde, bevor mein Vater losfahren musste, machte er ein Feuer unter dem Auto an, damit es auftaut.»

Trotz der Widrigkeiten vermisst er in Stuttgart hin und wieder einen «richtigen» Winter - und die nahezu unberührte Natur Russlands. «Es gab im Umkreis von mehreren hundert Kilometern keine Industrie. Die Flüsse waren die saubersten, die ich je gesehen habe. Überall gab es Wölfe, Bären, Fische und Elche», sagt der 25-Jährige. Auch seine Lieblingsspeise, gekochte Elchzunge, werde zu seinem Leidwesen nicht mehr so oft aufgetischt. Eins wird ihm jedoch in der Zivilisation wohl nie wieder fehlen: Der nächtliche Gang aufs frostige Klohäuschen. (dpa)

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