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Mittwoch, 20.12.2017 Gastkommentar: Was sich ändern muss

Menschen halten und gewinnen

Die SZ hat verschiedene Menschen um Beiträge gebeten, was sich ändern muss. Heute: die Politikerin Franziska Schubert.

Von Franziska Schubert

Franziska Schubert aus Ebersbach-Neugersdorf ist Landtagsabgeordnete der Partei Bündnis 90/Die Grünen.
Franziska Schubert aus Ebersbach-Neugersdorf ist Landtagsabgeordnete der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

© Thomas Eichler

Ein Teufelskreis oder ein Teufel im Kreis? Wirtschaftliche Effizienzkriterien sind nicht alles. Reden wir über ein anderes Denken, Handeln und Fühlen in unserer Heimatregion Oberlausitz!

Ein Teufelskreis ist es dieses Mal also. Bestehend aus Fachkräftemangel, drohender Altersarmut und katastrophalem Image. Die Oberlausitz steht, mal wieder, im Fokus wirtschaftlicher Betrachtungen und Vergleiche. Doch können ökonomische Effizienzkriterien zum alleinigen Maßstab der Bewertung erhoben werden? Können sie alleinige Leitlinien für politisches Handeln sein? Ich sage: nein.

Seit Jahren wissen die Akteure der Region, dass der demografische Wandel da ist und Wege gefunden werden müssen, damit umzugehen. Was braucht unsere Oberlausitz, um sich nicht mehr wie ein Teufel im Kreis zu drehen? Da geht es um ganz praktische Themen, wie zum Beispiel Abwasser. Weniger Verbraucher heißt bislang mehr Kosten für den Einzelnen. Hier braucht es politischen Willen, eine verbrauchsunabhängige Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Das Geld dafür ist da. Gelingen kann das über einen Flächenfaktor im kommunalen Finanzausgleich. Wir müssen Wege gehen, die auf „weiche Faktoren“ setzen – und harte Auswirkungen haben. Die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft verändert sich rasant. Um davon zu profitieren, braucht es Orte des Wissens und einen Ausbau dieser Orte mit Angeboten, die nur hier zu finden sind. Das lockt Menschen an. Das IHI in Zittau, die Berufsakademie Bautzen und unsere Hochschulen sowie auch die Volkshochschulstandorte sind wertvolle Orte, die wir auf keinen Fall abbauen oder verlieren dürfen. Auch hier sollte nicht das ökonomische Effizienzkriterium greifen.

Es braucht auch Projekte, die sich mit regionalentwicklerischen Fragestellungen auseinandersetzen – zum Beispiel: Wie kann eine ressourcenschonende, sinnvolle und kostengünstige Energieversorgung aussehen, von der die Menschen profitieren? Wie kann ein Strukturwandel in der Landwirtschaft gelingen, von dem Verbraucher, Umwelt und Landwirte profitieren? Auch hier darf es erst mal nicht um wirtschaftliche Effizienzkriterien gehen, sondern hier sind Instrumente gefragt, um tragfähige Lösungen zu entwickeln. So kann man Menschen bei Veränderungen mitnehmen und ohne Effizienzdruck zeigen, wie es anders gehen könnte.

Es geht auch um eine neue Art von Wertschöpfung, die nicht mehr klassisch industriell ausgerichtet ist. Die eine andere Art von Kräften freisetzt zum Wohle der Allgemeinheit. Diese Kräfte sind kreativ, innovativ und unkonventionell. Ein Thema ist hier das Gemeinwohl. Statt Effizienzkriterien anzulegen, könnte ein Maßstab auch sein, welcher Beitrag zum Gemeinwohl geleistet wird. Und eine Umstellung von Wirtschaftsstrukturen hin zu mehr Gemeinwohl könnte gefördert werden – gegen Nachhaltigkeitsgarantie.

Es geht darum, Menschen zu halten und zu gewinnen. So brauchen junge Menschen Anknüpfungspunkte und Orte, wo sie das Gefühl haben, am Geschehen auf dieser Welt teilnehmen zu können und sich auch ausprobieren zu können. Sie wollen internationale Trends auch in ihrer Heimat erleben. Die Welt junger Menschen ist so vielgestaltig und verbunden mit der gesamten Welt, dass wir in der Oberlausitz mehr tun müssen, wenn die Jugend auch für uns Zukunft sein soll. Jede Stadt ab 5000 Einwohner/innen sollte einen Ort der Jugend haben – und regelmäßige mobile, finanziell zuverlässig ausgestattete Jugendarbeit, die Angebote schafft. Es sind oft die Zugezogenen, welche sich besonders stark engagieren. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt brauchen wir diese Menschen, welche mit ihrem Gedankengut bereichernd und aktiv wirken. Politik muss hier begreifen, dass es wichtig ist, in Ideen und Köpfe zu investieren statt sich auf Betoninvestitionen (mit großen Folgekosten) zu konzentrieren – das hat schon in anderen Regionen dieser Welt nicht funktioniert.

Der Teufel im Kreis – das sind auch wir alle mit unserer eingefahrenen Wahrnehmung und oft rituellen Reaktionen. Es wird nicht mehr wie früher (wo übrigens nicht alles besser war); und es entwickelt sich auch nichts aus dem Nichts heraus; es reicht, hinzusehen und zu entdecken, dass eigentlich alles da ist, um aus dem Teufelskreis auszusteigen.