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Mensch, kauf hier!

Das Internet ändert alles. Für die Kunden. Die Händler. Für unsere Innenstädte. Hier schreibt ein erfolgreiches sächsisches Unternehmerpaar, worauf es jetzt ankommt. Der Auftakt zur großen SZ-Initiative: Kauf lokal!

05.10.2016
Von Evelyn und Bodo Thiemann

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auf hier!
Die Autoren: Evelyn und Bodo Thiemann in ihrer Bautzner Parfümerie. Ihre Überzeugung: Mit dem Handel steht oder fällt das Leben in unseren Innenstädten.Foto: Thomas Kretschel

© kairospress

Ja, wir stehen an einem Scheideweg. Nicht nur wir als Parfümerie Thiemann, sondern der gesamte Handel. Das Internet macht es Kunden leicht, sich zu jeder Zeit per Knopfdruck praktisch alle Wünsche zu erfüllen. Doch etwas bleibt dabei auf der Strecke: das echte Leben, die Begegnung von Mensch zu Mensch, die Vitalität unserer schönen Innenstädte. Deswegen engagieren wir uns mit Herz und Verstand für die Verkaufskultur vor Ort – und denken dabei nicht nur an unsere eigene Parfümerie.

Wir mögen Menschen, und wir freuen uns, mit unserer Arbeit dazu beizutragen, das Leben anderer Menschen schöner zu machen. Das ist unsere wichtigste Motivation seit nun schon 26 Jahren. Damals, Anfang 1990, haben wir unsere erste Parfümerie in der Innenstadt von Bautzen eröffnet. Heute haben wir 15 Filialen über ganz Ostsachsen verteilt und mit einem Ableger in Cottbus. 72 Mitarbeiter sind bei uns angestellt. Dennoch verstehen wir uns bis heute ausdrücklich als ein Familienunternehmen.

Wir arbeiten in einer Branche, die keine Dinge anbietet, die jeder Mensch im Alltag braucht. Wir bieten den Menschen Genuss und ein wenig Luxus. Aber was ist schön, was macht Freude, was ist Luxus? Das definiert jeder Mensch selbst und anders als der andere. Für uns ist der Mensch als Individuum wichtig. Und genau dies ist die größte Herausforderung für uns wie für Handel und Dienstleistungen insgesamt. Mittlerweile sammeln Computerprogramme mit ausgefeilten Algorithmen massenhaft Informationen über Kunden. Daraus entwickeln sie Profile und scheinbar individuelle Angebote – mit immer speziellerer, aber auch immer aufdringlicherer Werbung im Internet. Das ist ein Weg, der offenbar für große Unternehmen gut funktioniert.

Aber es ist nicht unser Weg. Denn mit einer Wertschätzung für den Kunden als Menschen, für seine Individualität, hat das nichts zu tun. Natürlich wollen wir Geld verdienen, indem wir möglichst viel Parfüm und Kosmetik zu reellen Preisen verkaufen, in denen sich einerseits die Qualität der Produkte, andererseits aber auch der Aufwand für eine schöne Präsentation und die Kosten einer guten Beratung widerspiegeln. Aber Geldverdienen ist in einem Familienunternehmen kein Selbstzweck. Wir sind in Bautzen geboren und aufgewachsen, wir haben hier unseren Beruf gelernt, und wir fühlen uns mit unserer Region und mit den Menschen von Herzen verbunden.

Wir haben in unserer Branche einen ganz entscheidenden Startvorteil. Wenn Kunden einen Duft für sich entdecken wollen, müssen sie erst einmal ins Geschäft kommen. Man kann Parfüm nicht aus der Ferne bestellen. Jeder Duft wirkt auf jeder Haut anders. Und ab dem Moment, da ein Mensch eines unserer Geschäfte betritt, haben wir es in der Hand, ob er unser Kunde wird und dauerhaft bleibt. Dabei setzen wir wiederum auf menschliche Qualitäten, die sich nur bedingt erlernen lassen. Fingerspitzengefühl und kommunikatives Geschick hat man, oder man hat es nicht.

Voraussetzung dafür, dass unsere Mitarbeiter solche Qualitäten auch gut entfalten, ist ein gutes Betriebsklima. Wir halten als Geschäftsführer persönlich Kontakt zu allen Mitarbeitern in allen Filialen. Vertrauensvoller und fairer Umgang ist die Voraussetzung dafür, dass wir kein kühler Betrieb werden, der mit edlen Produkten handelt. Einmal im Jahr feiern wir mit allen Mitarbeitern ein Sommerfest, und das buchstäblich, bis am nächsten Morgen die Sonne aufgeht. Denn es sind diese menschlichen Faktoren, die darüber entscheiden, ob wir Einzelhändler vor Ort den massiven Umbruch der Handelswelt überleben. Der lokale Händler hat es in der Hand, seinen Kunden zu zeigen, dass „Handel“ mehr bedeutet als sachlicher Austausch von Ware gegen Geld. Handel bedeutet immer Kommunikation, Handel ist immer auch Kultur. Mit dem Handel steht und fällt das Leben in unseren Innenstädten.

Natürlich nutzen auch wir die sozialen Medien. Wir sind auf Facebook und Instagram unterwegs, wir haben eine Kundenkarte mit Rabattsystem, und wir schreiben unsere Kunden an, wenn wir ein neues Produkt haben, das interessant sein könnte. Aber wir bieten nicht jedes neue Produkt allen Kunden an. Hier möchten wir sogar noch einen Schritt weiter gehen und Kundenprofile erstellen, die von den Mitarbeiterinnen der jeweiligen Filialen gepflegt werden. Dann können Stammkunden ihre Lieblingsprodukte abonnieren, wir schicken sie ihnen bei Bedarf auch zu – ein Online-Kaufhaus soll das aber ausdrücklich nicht sein. Denn unser Geschäft lebt von und mit dem Motto: Mensch trifft Mensch.