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Montag, 20.03.2017

Meißen überzeugt im Wirtschafts-Ranking

Der Landkreis überrascht mit einem vorderen Platz im Sachsenvergleich. Doch der Westen zieht weiter an uns vorbei.

Von Dominique Bielmeier

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Eine Erklärung für das gute Abschneiden Meißens im Sachsenvergleich: die Lage im Speckgürtel Dresdens, das im Elbtal nicht unbegrenzt wachsen kann. Davon profitieren die Gewerbegebiete in Klipphausen oder Nossen (hier Alexander Hruschka, zum Fotozeitpunkt Azubi in der Firma Tech Control im Gewerbegebiet Nossen).
Eine Erklärung für das gute Abschneiden Meißens im Sachsenvergleich: die Lage im Speckgürtel Dresdens, das im Elbtal nicht unbegrenzt wachsen kann. Davon profitieren die Gewerbegebiete in Klipphausen oder Nossen (hier Alexander Hruschka, zum Fotozeitpunkt Azubi in der Firma Tech Control im Gewerbegebiet Nossen).

© Claudia Hübschmann (Archiv)

  • Eine Erklärung für das gute Abschneiden Meißens im Sachsenvergleich: die Lage im Speckgürtel Dresdens, das im Elbtal nicht unbegrenzt wachsen kann. Davon profitieren die Gewerbegebiete in Klipphausen oder Nossen (hier Alexander Hruschka, zum Fotozeitpunkt Azubi in der Firma Tech Control im Gewerbegebiet Nossen).
    Eine Erklärung für das gute Abschneiden Meißens im Sachsenvergleich: die Lage im Speckgürtel Dresdens, das im Elbtal nicht unbegrenzt wachsen kann. Davon profitieren die Gewerbegebiete in Klipphausen oder Nossen (hier Alexander Hruschka, zum Fotozeitpunkt Azubi in der Firma Tech Control im Gewerbegebiet Nossen).

Meißen. Hervorragende Bedingungen für Wachstum und unternehmerischen Erfolg – dass die Wirtschaftsförderung Region Meißen auf ihrer Webseite mit diesen Worten über den Landkreis schwärmt, dürfte niemanden wundern. Trägt die GmbH ihr Ziel doch bereits im Namen. Dass sich der Kreis sachsenweit aber tatsächlich als Wirtschaftsstandort sehen lassen kann, hat nun ein großes deutsches Magazin mit Sitz in Offenburg bestätigt, dem der Kreis im fernen Osten ziemlich egal sein dürfte: Focus Money. In einer Studie, die in der Ausgabe vom 4. Januar erschien, wurden alle deutschen Landkreise und kreisfreien Städte, mit Ausnahme von 19, für die Daten fehlten, anhand von Kriterien wie dem Bruttoinlandsprodukt, der Arbeitslosenquote und der Bevölkerungsentwicklung bewertet. Das allein wäre noch keine Aufregung wert, aber die Kreise wurden danach praktisch noch in den direkten Wettkampf miteinander geschickt – und von Platz 1 bis 383 gerankt.

Wenig überraschend: Unter den 30 Besten landeten fast ausschließlich Kreise und Städte aus Bayern und Baden-Württemberg, erfolgreichste Stadt im Osten ist Leipzig mit Rang 67. Meißen landete auf Rang 292 und wird sachsenweit so nur von den großen Städten und den Kreisen Sächsische Schweiz – Osterzgebirge und Leipzig überholt. Die sieben restlichen Kreise schnitten schlechter ab. Wie hat Meißen, das zuerst Bilder von Weinbau und Porzellan heraufbeschwört, das geschafft? Kann man dem Ranking vielleicht gar nicht trauen? Immerhin liegt die Landeshauptstadt Dresden mit Rang 214 weit abgeschlagen hinter dem ewigen Konkurrenten Leipzig.

„Böse Zungen behaupten ja“, sagt Lars Fiehler, Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden, „dass man sich nur die richtigen Kriterien auszudenken brauche und schon kommt das heraus, was man möchte“. Rankings seien in der Wirtschaft sehr beliebt, gerade auf kommunaler Ebene. „Die Zittauer vergleichen sich gerne mit den Görlitzern, die Görlitzer wiederum mit Bautzen; Dresden vergleicht sich mit Chemnitz und Leipzig.“ Am Ende gebe es immer jemanden, der ganz oben und jemanden, der ganz unten stehe. Die einen motiviere es, sich zu verbessern, die anderen fühlten sich direkt angegriffen und nähmen eine Verteidigungshaltung ein. „Rankings bergen immer die Gefahr, dass man Regionen oder Kommunen aburteilt, ohne noch einmal zu hinterfragen, wie es dazu gekommen ist.“ Deshalb schaut Fiehler sich die Methodik des Focus-Money-Rankings sehr genau an.

Arbeitslosenquote gesunken

Und ist positiv überrascht: „Das ist wirklich gut gemacht“, urteilt er. Denn das Ranking vergleiche absolute Zahlen mit dynamischen, das heißt, es schaut sich den Ist-Zustand neben der Entwicklung über mehrere Jahre an, beispielsweise, was das verfügbare Einkommen je Einwohner angeht. 2010 lag das im Kreis Meißen bei 17 346 Euro, vier Jahre später schon bei 19 013 Euro. Würde nur die Entwicklung in bestimmten Bereichen untersucht, erklärt Fiehler, würde München längst nicht so weit vorne im Ranking landen – denn die Arbeitslosenquote von rund fünf Prozent in der Stadt schwankte in den vergangenen Jahren kaum. Dafür wird München der gute Ausgangswert hoch angerechnet.

Im Landkreis Meißen lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2015 bei 8,1 Prozent, aktuell soll sie laut Wirtschaftsförderung nur noch 7,5 Prozent betragen. 2011 waren es noch 10,3 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit waren es 2015 genau 6,4 Prozent. Im selben Zeitraum ist der Kreis Meißen um knapp 1 000 Menschen geschrumpft, die Arbeitsproduktivität aber gestiegen.

Dafür gab es bei den Gewerbean- und -abmeldungen einen ziemlichen „Aderlass“, wie Fiehler sagt. 2016 wurden genau 1 472 Gewerbe angemeldet, aber gleichzeitig 1 731 abgemeldet. „Das zieht sich durch alle Branchen, aber Bau und Gastronomie stachen besonders heraus“, so Fiehler. „Das ist ungewöhnlich, denn wenn etwas läuft, dann sind es Bauhaupt- und Baunebengewerbe.“ Eine mögliche Erklärung: Wenn der Arbeitsmarkt gut läuft, nehmen Einzelkämpfer wie Hausmeister eher eine feste Beschäftigung an, und fallen dann in die Abmeldestatistik. Trotzdem ist es eine Entwicklung, die man im Auge behalten sollte.

Nicht so rosig sieht es laut Focus Money auch bei den Investitionen im verarbeitenden Gewerbe aus: Zwischen 2010 und 2014 wurden jährlich rund 26 Prozent weniger je Beschäftigten investiert. Ranking-Sieger ist in diesem Punkt die Stadt Leipzig. „Sie ist zwar enorm automobilabhängig“, sagt Fiehler von der IHK, „aber in den vergangenen Jahren wirtschaftlich gesehen doch deutlich an Dresden vorbeigezogen“. Dafür belegt die Stadt den vorletzten Platz, was das verfügbare Einkommen je Einwohner angeht: Das betrug 2014 gerade einmal 16 542 Euro. Im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen, dem Sieger in dieser Kategorie, liegt es um über 8 000 Euro höher.

Denn das hat das Ranking auch gezeigt: Zwischen alten und neuen Bundesländern klafft bei der Wirtschaftskraft noch eine große Lücke. Sachsen landet im Ranking der einzelnen Bundesländer, ohne Stadtstaaten, auf dem viertletzten Platz, gefolgt von Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Schlusslicht Sachsen-Anhalt. „In der Darstellung des Rankings auf der Landkarte ist die ehemalige Grenze der DDR schon fast zu erkennen“, sagt auch Fiehler.