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Mein Leben auf Sächsisch

Ex-Radiomoderator Thomas Böttcher über eine sexy Sprache und die Herausforderung, Solokünstler zu sein.

04.10.2017

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Thomas Böttcher tourt mit seinem Soloprogramm durch die Lande. In zwei Wochen gastiert er damit auch im Sonnenhof Ossig.

© Foto: privat

Thomas Böttcher hat – mit Unterbrechung – 22 Jahre lang Radio mit Uwe Fischer gemacht. Böttcher & Fischer hatten Kultstatus, bis sich der Sender R.SA zur Enttäuschung vieler Fans im Mai von Böttcher trennte. Seitdem baut sich der 52-Jährige eine neue Karriere auf. Der DA hat sich mit Böttcher über sein neues Soloprogramm unterhalten und darüber, welche Bedeutung die sächsische Sprache für ihn hat.

Thomas Böttcher, Du hattest ja viel Glück, überhaupt in Sachsen geboren worden zu sein.

Absolut, das war hart an der Grenze.

Noch schlimmer! Delitzsch, wo Du herstammst, gehörte von 1815 bis 1944 zu Preußen.

Das wusste ich nicht. Aber ich bin aus Delitzsch rausgefahren und Brehna gehörte schon zu Sachsen-Anhalt. Delitzsch ist die nördliche Grenze von Sachsen.

Wobei die Sachsen-Anhaltiner auch einen sächsischen Dialekt sprechen.

Ja, aber ein Sächsisch, das mir nie gefallen hat. „Komme mal bei mich“ oder „komm, wir gehen mal bei Dorissen nunter“ und so. Das war nicht so meins. Ein Kumpel hat mir mal erzählt, dass die Delitzscher Ecke eigentlich Osterländischen Dialekt spricht. Ich habe mir da nie einen Kopf drüber gemacht. Ich wüsste ehrlich auch nicht, was osterländischer Dialekt ist.

Hätte Böttcher eigentlich ohne Sächsisch diese Popularität bekommen?

Das weiß ich nicht. Das war kein Konzept, jemanden im Radio zu installieren, der Sächsisch spricht. Das ist aus der Not heraus geboren, weil ich kein Hochdeutsch kann. Das hätte vielleicht genauso gut oder besser funktioniert, wenn ich nicht Dialekt gesprochen hätte. Es hat mir aber nie zum Nachteil gereicht.

Aber außerhalb von Sachsen würde Böttcher wahrscheinlich nicht funktionieren?

Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht mit dem Einschlag, den ich jahrelang im Radio gesprochen habe. Noch dazu, weil die sächsische Sprache im Rest des Bundesgebietes keine beliebte Sprache ist. Wir sind immer belächelt worden für unseren Dialekt. Es kann allerdings auch funktionieren. Ein Olaf Schubert und Wolfgang Stumph haben deutschlandweit mit ihrem Dialekt Erfolg.

Sind das nicht eher die Randerscheinungen, immer ein bisschen belächelt?

Na klar. Wenn sie im Fernsehen einen Doofen brauchten, habe sie oft einen Sachsen genommen. Schubert und Stumpi haben bewiesen, dass man auch mit dem Dialekt Erfolg haben kann. Lustig, mit Augenzwinkern und vor allem intelligent.

Versuchst Du es auch manchmal mit Hochdeutsch?

Ich war jetzt öfter in der Münsteraner Ecke unterwegs. Ich kann einen anderen Slang reden, ohne dass man gleich merkt, dass ich aus Sachsen bin. Nach dem dritten Satz bekommt es aber jeder mit, ohne Frage.

Man hat manchmal den Eindruck, dass die sächsische Sprache in den Familien eine geringere Rolle spielt, und dass versucht wird, mit den Kindern hochdeutsch zu reden.

Das Sächsisch wurde jahrelang als Synonym für bisschen blöde benutzt. Hier und da haben wir uns das auch selber zuzuschreiben, aber solche Menschen gibt es in allen Bundesländern. Sächsisch ist nicht unbedingt sexy. Der dumme Sachse, das ist ja zu einem geflügelten Wort geworden. Aber ich finde hier eine Verallgemeinerung genauso fehl am Platz wie zu sagen, alle Sachsen wären Nazis. Ich finde nach wie vor, dass wir Sachsen stolz sein können auf das, was wir uns hier aufgebaut haben. Und ich persönlich finde sächsisch extrem sexy.

In Deinem neuen Programm „Lieber radioaktiv als im Radio aktiv“, das jetzt im Biertheater Radeberg Premiere hatte, spielt die sächsische Sprache aber eine Rolle.

Definitiv. In dem neuen Programm erzähle ich ja mein Leben, stichpunktartig. Das ist unmittelbar mit Sachsen verbunden. Das geht bei der Geburt los und hört in der Jetztzeit auf. Meine Schulzeit, die Lehre, die ersten Diskothekenerfahrungen, mein erstes Mal. Wie hat das angefangen mit dem Radio und wie hat das am Ende aufgehört. Ich habe mein ganzes Leben lang in Sachsen gearbeitet.

Von wem ist das Programm?

Von Holger Blum von den Bierhähnen, von Thomas Rauch vom Biertheater und von mir. Wir haben uns wochenlang in Blumis Büro eingeschlossen. Ich habe meine Geschichte erzählt. Wir haben rumgesponnen und versucht, was zu bauen. Und dann haben wir das drei Wochen lang geprobt, jeden Tag mehrere Stunden. Die Herausforderung war die Zeit. Zweieinhalb Stunden auf der Bühne, das ist eine Hausnummer, das ist richtig harte Arbeit. Die andere Herausforderung war, dass ich nicht im Halbsatz sprechen konnte. Ich habe ja keinen Partner. Das Schönste ist, wenn man hinterher Komplimente vom Publikum bekommt. Ich habe zwei schöne Komplimente erhalten. Das eine war: So schnell sind noch nie zwei Stunden vergangen. Nichts ist schlimmer, als wenn sich jemand langweilt. Das zweite schöne Kompliment lautete ungefähr: Alleine ist der Böttcher zehnmal besser als zu zweit. Das waren keine Leute aus meinem Umfeld, das waren ganz normale Besucher. Das war schon ein Höhepunkt bei dieser Premiere. Ich habe so viel Arbeit, Herzblut und Mühe in dieses Programm gesteckt. Die Leute waren dankbar und ich war dankbar. Ich habe dann geheult, mir flossen die Tränen. Das war so ergreifend.

Wo und wann wird das Programm zu sehen sein?

Also in diesem Jahr sind es noch fünf Veranstaltungen, unter anderem im Sonnenhof Ossig am 19. November. Das ist für mich ganz wichtig, weil da viele aus Döbeln kommen werden, um sich das anzuschauen. Und für Weini (Anm.d.Red. Betreiber Markus Weinert) ist das auch eine Premiere, weil er solche Soloveranstaltungen auch noch nie hatte. Wir probieren einfach mal, ob das funktioniert. Karten gibt es jetzt schon im Vorverkauf.

Was ist von Böttcher noch zu erwarten?

Nach der Premiere hat ja die Presse geschrieben, der Böttcher gehört auf eine Bühne. Und da haben sie recht. Natürlich spiele ich auch im Biertheater Radeberg mit. Dort hat im Februar ein neues Stück Premiere, eines im September und im Dezember das Dritte. Außerdem mache ich im kommenden Jahr ein neues Soloprogramm. Was wir jetzt spielen – das war von Anfang an klar – ist maximal für ein Jahr angelegt. Dann ist die Geschichte durch. Das war wichtig, sie zu erzählen. Aber im Mai fangen wir an, das neue Programm zu schreiben. Nächstes Jahr muss ich ganz viel Text lernen. Aber ich freue mich darauf, das macht extrem viel Spaß. Das sind ganz tolle, kreative Leute und die Chemie stimmt. Das empfindet man nicht als Arbeiten, das ist, als wenn man sich mit einem Kumpel zum Bier verabredet. Man trifft sich und am Abend steht was Tolles auf dem Blatt.

Es fragte: Jens Hoyer

„Lieber radioaktiv als im Radio aktiv“: 19. November, 17  Uhr, Sonnenhof Ossig. Karten gibt’s im Treffpunkt des Döbelner Anzeigers, Niedermarkt, Telefon 03431  67933511.