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Donnerstag, 05.10.2017

Meilenstein mit Anlauf

Neun Gewichtheber-Nationen sind wegen massiver Dopingvergehen gesperrt. Damit beginnt der Kampf um Olympia.

Von Michaela Widder

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© dpa (Symbolfoto)

Gold gab es per Post, Jahre später. Die Geschichte der spanischen Gewichtheberin Lidia Valentin ist eine traurig-absurde. Als die drei Erstplatzierten ihre Medaille 2012 bei den Olympischen Spielen in London umgehängt bekamen, ging sie als Vierte leer aus. Es wäre ihr großer Moment gewesen. Die Siegerin, eine Russin, die Zweite, eine Kasachin, die Dritte, eine Weißrussin – waren allesamt gedopt. Valentin darf sich nun fünf Jahre später Olympiasiegerin nennen. Das besondere Gefühl aber, was damit verbunden ist: verpufft.

Die Nachkontrollen der Proben von den Sommerspielen 2008 in Peking und 2012 in London hatten einmal mehr bestätigt, dass Gewichtheben zu den dopingverseuchtesten Sportarten gehört. Die starken Männer und Frauen hatten 49 und damit exakt die Hälfte der 98 positiven Nachtests beigesteuert, und 30 von ihnen waren Medaillengewinner. Auch von der Aufklärung nach Peking profitierte Valentin, rückte von Platz fünf auf drei vor. In Rio wurde sie dann regulär Dritte – Stand heute.

Wegen all dieser massiven Doping-Verstöße hat der Gewichtheber-Weltverband IWF nun eine weitreichende Entscheidung getroffen und neun Verbände für ein Jahr gesperrt. Damit fehlen die führenden Nationen auch bei den Weltmeisterschaften in Anaheim/USA Ende November. „Ja, das ist ein Meilenstein, halt mit Anlauf“, sagt Christian Baumgartner, Präsident vom Bundesverband Deutscher Gewichtheber, im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Das Exekutivkomitee zog damit die Konsequenzen aus der Verwicklung der betroffenen Nationen in jeweils mindestens drei Fällen der positiven Doping-Nachtests von den Spielen 2008 und 2012. Dadurch waren Athleten aus Russland und Kasachstan (je zehn Fälle), Weißrussland (sieben), Aserbaidschan (fünf), Armenien und der Türkei (je vier) sowie China, der Ukraine und Moldawien (je drei) überführt worden.

„Diese Verbände hätten theoretisch alle schon in Rio nicht dabei sein dürfen“, erklärt der 58-Jährige. Ausgeschlossen bei den vergangenen Sommerspielen waren aber nur Russland, Aserbaidschan und Bulgarien. Baumgartner, der im vorigen Jahr noch der IWF-Exekutive angehörte, hatte als Vorsitzender der Kommission die Sanktion mit ausgearbeitet und bereits auf einer Tagung im Juni 2016 in Tiflis mitbeschlossen. „Das Prozedere beim Internationalen Olympischen Komitee hat sich jedoch so lange hingezogen“, kritisiert der Funktionär, der sich seit Jahren um den Anti-Doping-Kampf in seiner Sportart bemüht.

Nachdem die Fälle beim IOC abgeschlossen und alle Einspruchsverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS entschieden worden waren – alle zugunsten der IWF – , wurde nun die längst überfällige Entscheidung zur konkreten Umsetzung des Beschlusses vom vorigen Jahr getroffen – einstimmig. „Ich denke, man hat den Ernst der Lage erkannt.“

Diesen Eindruck hatte der deutsche Präsident in den zurückliegenden Jahren überhaupt nicht. Seine Arbeit glich einem Kampf gegen Windmühlen. Als Baumgartner 2011 zum ersten Mal persönlich bei einer Exekutivsitzung des Weltverbands faire Kontrollen einforderte, wurde er als „deutscher Störenfried“ wahrgenommen. „Damals wurde man als Nestbeschmutzer gesehen, wenn man Dopingmissstände anprangerte.“

Dabei hatte der deutsche Verband längst schon eindeutige Beweise, dass das Dopingproblem größer ist, als es die meisten Funktionäre in der Welt wahrhaben wollten. U20-Bundestrainer Michael Vater, der den Chemnitzer Max Lang betreut, führt seit 2003 eine Doping-Datenbank. In einer Excel-Tabelle listet er alle positiven Fälle auf. „Rund 50 waren es jedes Jahr, und immer wieder fallen dieselben Nationen auf“, sagt der Anti-Doping-Beauftragte Vater und hofft auf mehr Chancengleichheit. „Unsere Athleten trainieren wie die Bekloppten, auch mit unserer Trainingsmethodik, der Technikanalyse sind wir gut. Doch wir werden von A bis Z betrogen.“ Die Zahlen sind bedrückend. „In den letzten 15 Jahren gab es mehr als 600 positive Fälle im Gewichtheben“, so Baumgartner.

Die jüngste IWF-Entscheidung ist zumindest ein erster großer Erfolg und ein deutliches Signal an das IOC. Deren Chef Thomas Bach hatte dem Gewichtheben „ein massives Doping-Problem“ bescheinigt und bis Dezember einen „zufriedenstellenden Bericht“ über die Maßnahmen gefordert, wie das dauerhafte Dopingproblem gelöst werden soll. Andernfalls droht den Kraftsportlern 2024 das Olympia-Aus.

„Das IOC erwartet klare Kante. Wir müssen ein Konzept vorlegen, wie wir diesem Problem zuleibe rücken“, erklärt Baumgartner. Der Weltverband hat daraufhin eine sogenannte Clean Sport Commission berufen. Zum Gremium gehören unter anderem der deutsche Präsident und der renommierte Jurist Richard Young, der einst Lance Armstrong überführt hatte.

„Es geht um ein unabhängiges und verbessertes Kontrollsystem. Wir brauchen eine intelligente Teststruktur. Und die Maßnahmen in den Ländern müssen überprüfbar sein“, fordert er. „Es fehlt ja nicht an den Regeln, sondern an der Umsetzung.“ Zur Strategie gehört auch, an die Fairness und die Einhaltung der olympischen Werte durch die nationalen Verbände zu appellieren. „Es ist nicht alles erlaubt, was bei den Kontrollen nicht auffällt.“

Baumgartner erkennt ein langsames Umdenken, auch, wenn es noch ein weiter Weg ist und das Image seiner Sportart – wie im Radsport – auf lange Zeit beschädigt ist. „Uns treibt an, dass es immer schwerer wird zu betrügen und unsere Sportler wieder bessere Chancen haben.“

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