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Meditieren gegen Crystal

Im Kampf gegen die Droge setzt man in der Zeithainer JVA mit einer Therapiesuchtstation auf neue Methoden.

07.06.2014
Von Jane Pabst

n gegen Crystal
Oliver Opitz und Matthias Nitsche sind zwei von zehn Drogensüchtigen, die von Crystal los kommen wollen. Perspektivisch will die JVA Zeithain unter Leitung von Markus-Rudolf Domula hier 40 Plätze, auch für Abhängige aus anderen Gefängnissen schaffen.

© Alexander Schröter

Erst beschwingt, dann balladig und schließlich rockig - so eröffnete gestern die Häftlingsband in der Zeithainer JVA eine Station, die sachsenweit einmalig ist: die Suchttherapiestation für crystalabhängige Gefangene.

„Auf Crystal macht der Sex dreimal so viel Spaß“, sagt Justizminister Jürgen Martens und ergänzt: „Vergleicht man die Droge mit Cannabis, ist das wie ein Moped zu einem Panzer.“ Doch auf den euphorischen Glücksrausch folgt ein dramatischer Absturz. „Man sieht es an den Pupillen“, sagt Mario Schulz, stellvertretender Abteilungsdienstleiter. Und nicht nur daran. Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Kreislaufprobleme bis hin zu Aggressionen. Gerade Letztgenannte verleiten die Drogenabhängigen zu häufigen Straftaten. Nicht nur gegenüber den Vollzugsbediensteten. „Jede Woche verhandele ich einen Crystal-Fall“, sagt Herbert Zapf, Direktor am Amtsgericht Riesa. Die Hälfte aller Fälle drehe sich inzwischen um N-Methylamphetamin. Während die Suchtstation eröffnet wird, saßen im Gerichtssaal drei junge Leute, die nachts im Crystal-Rausch durch Riesa fuhren, wahllos anhielten und auf der Straße zwei unbekannte Männer krankenhausreif prügelten. „Das Blut des Opfers wischte der eine dann an der Laterne ab, vor den Augen eines jungen Mädchens. Zu diesem sagte er, dass sie nichts gesehen hat und verschwand“, schildert Zapf.

„Auch ich habe unter Drogen Leute verprügelt“, gesteht Matthias Nitsche. Der 37-Jährige nahm 12 Jahre lang Crystal. „Ich war 25, gerade von meiner achtjährigen Beziehung getrennt. Da lernte ich meine neue Freundin kennen. Sie nahm Crystal“, erzählt der Maurer aus Aue, der irgendwann nur noch auf Droge arbeiten konnte. „Ich habe auch gedealt. Doch das flog auf“, so der Häftling. Bis 2016 verbüßt er seine Strafe in Zeithain. Als er von dem neuen Angebot der Suchttherapiestation las, meldete er sich an. „Es ist meine letzte Chance, um ein Leben ohne Drogen zu führen“, sagt er. Mit Menschen wie ihm kennt sich Markus-Rudolf Domula bestens aus. Bereits an der Dresdener Uniklinik arbeitete ich mit Drogensüchtigen zusammen“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Anstaltsleiter Thomas Galli lobt ihn als einen sehr kompetenten und vielseitigen Leiter der Suchtstation.

Vielseitig sind insbesondere seine Methoden. „Die Sucht ist kein Krebsgeschwür, das man herausoperiert. Man trägt es immer in sich. Deshalb will ich den Geist so stärken, dass man damit umgehen kann“, so Domula. Jeden Morgen und Nachmittag wird meditiert, zweimal wöchentlich gibt es Achtsamkeitsgruppen und zudem Therapiegespräche. Doch für Mantras und Räucherstäbchen ist in den Therapieräumen inklusive Küche kein Platz. „Ich bin zwar ein religiöser und spiritueller Mensch, aber das hat hier nichts zu suchen“, so der Therapie-Leiter. Im Schneidersitz setzt er sich auf ein orangefarbenes Sitzkissen. Augen zu, nichts tun und die Gedanken nur auf den Atem lenken, ist einer seiner Übungen. „Hierbei geht es um Konzentration. Bei anderen Übungen stärke ich Mitgefühl undLiebe. Denn gerade Crystal löscht Emotionen aus“, so Domula. Mit zehn Häftlingen ist er vergangene Woche in eine neunmonatige Erprobungsphase gestartet. Insgesamt sind in Zeithain 395 Insassen inhaftiert. „Circa 15 bis 20 Prozent sind crystalabhängig“, schätzt Anstaltsleiter Galli. Insgesamt sitzen circa 600 Süchtige in den zehn sächsischen Gefängnissen. „Der Konsum von Crystal hat in den letzten Jahren ein alarmierendes Ausmaß angenommen“, so Justizminister Martens. 3,5 Tonnen werden jährlich über die tschechisch-polnische Grenze geschmuggelt. „Das zwingt uns zum Handeln“, so Martens. Fangnetz, Rauschgiftspürhunde und verbesserte Strafverfolgung - das reicht nicht mehr aus. Viel Hoffnung ruht daher nun auf der Therapiestation.