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Donnerstag, 31.12.2015

Man kann das ja auch mal so sehen

2015 war anstrengend und hat schlechte Laune gemacht. Wenigstens zum Abschluss sollten wir mal nach den guten Seiten suchen. Ein Rückblick ohne Krisen, Kriege und Konflikte.

Von Heinrich Maria Löbbers

2015 in Bildern 2015 von A bis Z

© [M] szo

Ein Zwilling ist es zwar nicht, eher ein älterer und größerer Vetter. Es gibt aber viele Ähnlichkeiten zwischen dem Planeten Kepler-452b und der Erde. Statt unserer 365 braucht er 385 Tage, um seine Sonne zu umkreisen. Es gibt Wolken, Vulkane und Ozeane, Fotosynthese würde dort gut funktionieren – und das wäre ja schon die halbe Miete. „Wenn man dort wäre, würde sich zumindest der Sonnenschein anfühlen wie zu Hause“, sagt Jon Jenkins. Der Wissenschaftler gehört zu jenem Team der Nasa, das im Sommer mithilfe der Daten des Weltraumteleskopes Kepler den Planeten gefunden hat, der unserer bislang der Erde am ähnlichsten ist. Es war einer der wissenschaftlichen Höhepunkte des Jahres.

2015 in Bildern

Und wie immer bei solchen Entdeckungen tauchte sogleich wieder die Frage auf: Sind wir nicht allein? Wir schreiben das Jahr 2015 – und eine Mehrheit der Deutschen glaubt an Außerirdische. So ergab es jedenfalls eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Demnach meinen 56 Prozent, dass es intelligente außerirdische Lebewesen gibt, die die Fähigkeit zur Kommunikation haben. Gut ein Fünftel glaubt sogar, dass die Außerirdischen von uns wissen – sich aber entschieden haben, uns nicht zu kontaktieren. Ob das eine gute Entscheidung ist?

Um nachzuschauen, ob da jemand in der Sonne sitzt und auf uns wartet, ist Kepler-452b allerdings etwas weit entfernt: 1400 Lichtjahre sind sogar im neusten Teil vom „Krieg der Sterne“ kein Wochenendausflug. Wir müssen also weiter auf die Nasa-Experten setzen. Die sind sich nämlich sicher, dass sie weitere Planeten finden werden, die unserer Erde möglicherweise noch ähnlicher sind. Und vielleicht ja auch näher. Und schöner.

Verlockend klingt das manchmal schon, dem ganzen Elend unserer Welt zu entfliehen und woanders noch mal neu anzufangen – quasi als interstellare Asylbewerber. Gründe zur Flucht gäbe es genug. 2015 war ein Jahr der schlechten Nachrichten. Dabei stand das ganz anders in den Sternen. Dieses „Jupiterjahr“ sollte ein „astrologisches Glücksjahr“ werden, in dem sich mit der Sonnenfinsternis am 20./21. März alles Negative aus dem „Saturnjahr 2014“ ins Positive wenden sollte.

Hat nicht ganz hingehauen. Oder erinnert sich etwa jemand an die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung? Festgesetzt hat sich eher die Schlagzeile: „Wurst macht Krebs“. Nach dem ADAC sind nun auch der DFB und VW diskreditiert. Keiner traut denen mehr, oder besser andersherum: denen traut inzwischen jeder alles zu. Hoeneß kommt zwar bald aus dem Knast, dafür wackelt jetzt Beckenbauers Kaiserstuhl erheblich. Und nun ist auch noch Helmut Schmidt gestorben. Da nützt es wenig, dass unsere Kanzlerin vom Time-Magazin zur „Person des Jahres“ gekürt wurde. Yes, she can!

Ach, wie gern möchte man aus vollem Herzen zustimmen: „Wir schaffen das!“ Wenn sich im Hinterkopf nicht immer diese Zweifel meldeten.

Hier in diesem Jahresrückblick ignorieren wir jetzt einfach mal vorübergehend all die Kriege, Krisen und Konflikte. Nicht um sie kleinzureden, sondern um mal Luft zu holen. Die Probleme hat ohnehin jeder mitbekommen. Und sie werden uns im nächsten Jahr wieder genug beschäftigen. Reden wir jetzt mal kurz nicht von Flüchtlingen und Asylprotesten, schweigen über Terror und Islamisten, fragen nicht nach Griechenland oder Ukraine. Und kein Wort von Pegida! Das Jahr hat genug schlechte Laune gemacht, die muss für einen Rückblick nicht noch mal durchgekaut werden.

Freuen wir uns doch mal über gute Nachrichten. Zum Beispiel mit Nadja Sidikjar. Die 30-jährige Dresdnerin holte bei „Wer wird Millionär“ den höchsten Gewinn aller Zeiten: 1 538 450 Euro – eine spezielle Jackpot-Ausgabe von Günther Jauchs Dauerbrenner machte es möglich. Was macht nun eine junge Frau, die früher mal Hochzeitsplanerin war und gerade einen Job im Vertrieb einer Cateringfirma in Radebeul angenommen hat, mit so viel Geld? Auf dem Teppich bleiben offenbar. Keine Weltreise, kein Porsche, keine rauschende Party. Stattdessen: Wohnung kaufen, eine an Multipler Sklerose erkrankte Freundin unterstützen und den Rest anlegen.

Auch viel Geld macht nicht unbedingt glücklich, kann aber mitunter dabei helfen, sich selbst besser kennenzulernen. Früher hat Nadja Sidikjar immer davon geträumt, eine Tasche von Louis Vuitton zu besitzen. Jetzt hätte sie das Geld, aber denkt sich: „Ich gebe doch nicht 2 000 Euro für eine Tasche aus!“ Einen guten Wäschetrockner brauchte sie allerdings dringend.

2015 von A bis Z

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Alfa

Nachdem AfD-Chef Bernd Lucke seine Partei im Streit verlassen hatte, gründete er eine neue Partei namens Alfa. Das Kürzel steht für „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“. Klingt nach SED-Parole, soll aber die neue, diesmal wirklich liberale Alternative zur Alternative für Deutschland sein, also weder rechts noch fremdenfeindlich oder so. Dementsprechend interessiert sich bislang für Alfa keine Sau.

BB8

Schon der Trailer zum neuen Starwars-Film machte den Droiden BB8 bei vielen Fans zum begehrten Kultobjekt. Könnte der kugelrunde Roboter der kleine Bruder des legendären R2D2 werden? Für alle, die noch ein möglichst sinnfreies Weihnachtsgeschenk suchen: Als ferngesteuertes Spielzeug ist der Kleine jetzt schon zu haben – für schlappe 150 Euro.

Cyberwar

Die Kriege der Zukunft werden im Internet ausgetragen. Den ersten offiziellen Cyberwar hat die Hacker-Gruppe Anonymous dem Islamischen Staat angedroht. Man will den IS fertig machen auf Twitter, Facebook, Youtube. Zum Beispiel ist es den Computer-Experten ein Leichtes, Texte wie von Zauberhand in unleserliche Hieroglyphen umzu%$//§]“†Ð±®ð¿ø¶

Dislike-Button

Für viele war es die wichtigste und weltbewegendste Nachricht des gesamten Jahres: Facebook erweitert seine „Gefällt-mir“-Funktion. Anders als zunächst vermutet, wird es aber keinen Dislike-Button geben, also keinen „Gefällt-mir-nicht“-Knopf. Stattdessen sollen die Nutzer mit verschiedenen Emojis ihre Gefühle ausdrücken können. Wer will, kann sich aber auch weiterhin in Kommentaren nach Herzenslust auskotzen.

Emoji

In Großbritannien wurde dieses Jahr erstmals ein Emoji zum Wort des Jahres gewählt. Für Smartphone-Muffel: Emojis sind kleine Symbole, die Gesichts- und Gefühlsausdrücke in Kurznachrichten darstellen, zum Beispiel Lächeln, Heulen, Zornesröte etc. Laut Oxford Dictionaries bringt das Freudentränen-Emoji die Gefühlslage des Jahres 2015 am besten zum Ausdruck. Auf Facebook und Twitter wurde die Entscheidung meist mit einem ganz anderen Emoji kommentiert: „Häää??!!!“

Flibanserin

Nachdem Viagra, die Lustpille für den Mann, längst in jede gut sortierte Hausapotheke gehört, wurde dieses Jahr in den USA erstmals auch eine rosa Lustpille für die Frau zugelassen. Der erregende Wirkstoff heißt Flibanserin. In der Praxis erweist sich dieser Name aber eher als abtörnend: „Schatz, ich pfeif’ mir jetzt noch ein bisschen Flibanserin rein, und dann kann’s losgehen…“

G36

Als das Sturmgewehr G36 der Bundeswehr in die Kritik geriet, es sei ungenau und ziele oft daneben, war für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schnell klar: Auf den Schrott damit! Doch dann stellte sich heraus: Das Gewehr ist völlig okay, nur bei extremer Überbelastung kann es zu Problemen kommen. Aber zu spät: 167000 Gewehre werden ausgemustert. Aus Sicht der Soldaten war dieser Schnellschuss der Ministerin voll daneben.

HitchBOT

Schon voriges Jahr war der Roboter per Anhalter quer durch Kanada unterwegs, dieses Jahr setzte er seine Reise in Deutschland fort. Das Projekt HitchBOT sollte das Vertrauen zwischen Mensch und Technik erkunden, denn die Maschine ist für die Fortbewegung auf die Hilfe von Menschen angewiesen. Nach Sachsen kam HitchBOT aber nicht. Hier hat man’s nicht so mit fremden Besuchern.

IStandWithAhmed

Es war dieses Jahr einer der häufigsten Hashtags auf Twitter: Unter dem Stichwort #IStandWithAhmed solidarisierten sich Tausende mit dem 14-jährigen Ahmed Mohamed. Er war in seiner Schule in Texas in Handschellen abgeführt worden, nachdem er eine selbst gebastelte Uhr mitgebracht hatte und diese von einer Lehrerin mit einer Bombe verwechselt wurde. Zur Entschuldigung wurde er sogar von Obama ins Weiße Haus eingeladen. Die Uhr ließ er da wohl lieber zu Hause.

Je suis

Nach den Terrorangriffen in Frankreich solidarisierten sich Millionen Menschen in aller Welt mit dem Slogan „Jesuis Charlie“ oder „Je suis Paris“. Auf Deutsch wird „Je suis“ übersetzt mit „Ich bin“. Im Grunde genommen war der Je-suis-Hype also auch die Umkehrung der Erkenntnisphilosophie nach René Descartes. Motto: Ich bin, also denke ich.

Karnickel

Viele Sätze von Papst Franziskus werden in die Geschichte eingehen, vor allem aber dieser: „Gute Katholiken müssen sich nicht wie die Karnickel vermehren.“ Ganze Generationen von Theologen haben sich an der Frage der katholischen Sexualmoral abgearbeitet. Man darf gespannt sein, inwieweit diese Klarstellung des Heiligen Vaters Auswirkung auf künftige Interpretationen haben wird.

Laudato si

Außer dem Karnickel-Spruch hatte Papst Franziskus dieses Jahr noch weitere Botschaften an die Welt. In der Enzyklika Laudato si’ („Gelobt seist du“) befasst er sich vor allem mit Umwelt- und Klimaschutz. Das Schreiben richtet sich nicht nur an Gläubige, sondern, „an alle Menschen, die guten Willens sind“. Die Karnickel wird’s freuen.

Mietpreisbremse

Nach einem Beschluss der Großen Koalition darf die Miete in bestimmten Regionen künftig nicht mehr als zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Damit sollen Wucherpreise vermieden werden. Eine ursprünglich ebenfalls von der Regierung geplante Spaßbremse wurde 2015 aufgrund aktueller Ereignisse verschoben.

Neger

Natürlich war gleich wieder der Teufel los im ganzen Land, sobald dieses Zitat des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann auf Twitter und Facebook auftauchte: Roberto Blanco, der Schlagersänger, sei doch ein „wunderbarer Neger“. Der Satz fiel in einer Talkshow und war wie immer völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Blanco selbst nahm’s auch gar nicht übel. In einem Interview sagte er nicht nur „Ein bisschen Spaß muss sein“, sondern rief dem CSU-Mann auch noch zu: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!“

Oxi

Wenn wir Deutschen eines gelernt haben aus der Griechenland-Krise, die sich dieses Jahr gewaltig zugespitzt hat, bis hin zu einer dramatischen Volksabstimmung, dann vor allem eines: „Nein“ heißt auf Griechisch „Oxi“.

Pumuckl

Diesmal war der moderne Fitness- und Schlankheitswahn offenbar zu weit gegangen: Nach der Ankündigung des Verlags, den Kobold mit dem roten Haar in künftigen Büchern deutlich schlanker darzustellen, tobte das Netz. Unzählige Fans forderten: „Gebt Pumuckl sein Bäuchlein zurück!“ Der Verlag knickte ein, Pumuckl wird wieder dicker sein. Oh, das reimt sich ja! Und was sich reimt, ist gut.

Quote

Seit Jahren streitet Deutschland über eine Frauenquote, dieses Jahr wurde erstmals eine gesetzliche Quote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte großer Unternehmen beschlossen. Viele Manager freuten sich zunächst darüber, bis sie feststellten, dass sie das mit den 30Prozent missverstanden hatten: Es geht ausnahmsweise nicht um die Gewinnmarge!

R-Generation

Nach der GenerationX in der Nachkriegszeit und der GenerationY in den Neunzigerjahren wurde dieses Jahr in der Shell-Jugendstudie die GenerationR ausgerufen: R steht für relaxed, also entspannt, denn so seien die jungen Leute von heute: Sie lassen sich Zeit, machen sich keinen Stress, warten erst mal ab. Kein Wunder: Es sind ja auch total entspannte Zeiten, in denen wir leben.

Schäferhunde

Hohn und Spott waren der Kandidatin in Günther Jauchs Quizshow sicher, denn die 50-Euro-Frage, auf die sie keine Antwort wusste, war wie immer ziemlich albern: „Seit jeher haben die meisten ...? A:Dober Männer, B: Cocker Spaniels, C:Schäfer Hunde, D: Riesen Schnauzer.“ Die junge Dame wählte D: Riesen Schnauzer – und raus war sie. Aber war das fair? Schließlich weiß doch jedes Kind, das Märchenbücher liest: Natürlich haben Riesen Schnauzer!

Thermomix

Die Erfindung ist eigentlich alt, das Multifunktions-Küchengerät gibt es schon seit den 70er-Jahren. Aber gerade in diesem Jahr hat der Thermomix der Firma Vorwerk einen neuen Boom erlebt: Mehr als eine Million Geräte wurden verkauft. Geradezu sinnbildlich verkörpert der Alleskönner das Jahr 2015: Deckel auf, Zutaten rein, Deckel zu, Knopf drücken, umrühren – wir schaffen das.

Unterwerfung

Der Roman von Michel Houellebecq liest sich nach den Terroranschlägen in Paris wie eine gespenstische Prophezeiung: Frankreich versinkt in einem Chaos aus überforderten Altparteien, Rechtsextremen und Terroristen – bis schließlich die Muslime die Macht übernehmen und wieder Ruhe einkehrt im Land. Zum Glück ist man in Sachsen gegen so was immun. Hier unterwirft man sich lieber gleich den Rechtsextremen.

Vorratsdatenspeicherung

In Deutschland wurde sie vor ein paar Jahren eingeführt, dann vom Verfassungsgericht gekippt und nun erneut wieder beschlossen. Datenschützer wollen aber wieder gegen die Vorratsdatenspeicherung klagen. Denn ihrer Meinung nach geht es niemanden etwas an, wie viele Konservendosen, Äpfel oder Kartoffeln die Bürger in ihren Vorratskammern gespeichert haben.

Windows10

Das neue Betriebssystem von Microsoft hat kaum noch etwas mit dem „Fenster“-System gemeinsam, das Generationen von Computernutzern kennen. Nach Kritik an der Vorgänger-Version wurde aber nun doch eine alte Funktion wieder eingeführt: das Windows Startmenü. Besonders beliebt wegen der Befehlskette: „Start“ –› „Herunterfahren“.

X-Roll

Der Fitness-Trend des Jahres: eine Schaumstoffrolle für verschiedene Übungen, mit denen die Muskeln gelockert werden. X-Roll-Training soll den Körper straffen und Schmerzen beseitigen. Überhaupt könnte das Motto des Jahres ja auch lauten: Macht euch mal locker!

Yucci

Der moderne Mensch des Jahres 2015 ist jung, lebt urban und ist total kreativ. Daher auch die Wortschöpfung Yucci für young urban creative, die ein amerikanischer Online-Autor geprägt hat. Yuccis sind noch moderner als die Yuppies der 80er, dafür aber erfolgreicher und wohlhabender als die Hipster der Nullerjahre. Man erkennt Yuccies auch daran, dass sie Yucca-Palmen im Haushalt ablehnen.

Zuwanderung

Ach nein, darüber wollten wir ja in diesem Jahresrückblick nicht reden. Aber bei Z ist uns leider sonst nichts eingefallen.

Ein besonders gutes Essen in einem Edelrestaurant ist bestimmt auch mal drin. Vielleicht mit „Entensalat nach dem geheimen Rezept von Monsieur Lee aus dem Garten von YongFoo“ oder „Geklopften Langustinos mit tansanischem Brombeer-Pfeffer“, „Kamtschatka-Krabbe mit japanischer Birne“ oder gar „Karamellisierte Schweineschwarte“.

Na denn, auf nach Leipzig zu Peter Maria Schnurr. Der Mann ist dort Küchenchef im Restaurant Falco und hat einen „ebenso kraftvollen wie eigenständigen Küchenstil“. Das attestieren ihm die Kritiker des Restaurantführers Gault Millau, die ihn zum „Koch des Jahres 2015“ gekürt haben. Schnurr, der zuvor bereits zwei Michelin-Sterne hatte, bekam 19 von 20 möglichen Punkten. Schon seit zehn Jahren betreibt der im Schwarzwald geborene Koch das Falco hoch oben in der 27. Etage des Leipziger Hotels The Westin, dem früheren Interhotel Merkur. Der 46-Jährige weiß natürlich, dass er seinen anhaltenden Erfolg dem gesamten Team verdankt. Sein Kommentar zur Auszeichnung war deshalb: „Wir sind Koch des Jahres.“

Für das Falco soll das gerade nicht gelten, aber sonst ist es in der Spitzengastronomie offenbar oftmals wie im wahren Leben. Es herrscht mehr Schein als Sein. Das beklagen jedenfalls die Kritiker vom Gault Millau. Äußerlichkeiten spielten immer öfter eine größere Rolle als der Geschmack. Immer mehr Teller sähen so aus, als seien sie von Foodstylisten designt, bemängeln die Restauranttester: „Leider schmecken sie auch so.“

Aber zurück zum wirklich guten Geschmack. Diesmal in Fass und Flasche. 2015 wird vermutlich ein Spitzenweinjahr, vielleicht sogar so gut, wie es die Jahre 2003 oder 1976 oder 1959 waren. Klein, aber fein ist die Ernte. Die Winzer berauschen sich geradezu daran: „Ein Wahnsinn, dieses Jahr“, schwärmt der Vorstandsvorsitzende des Weinbauverbands Sachsen, Christoph Reiner. Die Weine seien besonders aromatisch und fruchtig. Und der Sprecher des Deutschen Weininstituts, Ernst Büscher, jubiliert: „Einen solchen Top-Gesundheitszustand bei diesen Reifegraden haben wir seit Jahren nicht mehr gehabt.“

Entscheidenden Anteil daran hat gewiss der grandiose Sommer, unfassbar heiß und trocken. Was haben wir geschwitzt. Nicht umsonst, eiforbibbsch, ist „Dämse“ zum Sächsischen Wort des Jahres gekürt worden.

Ein hartnäckiges Hoch heizte Deutschland im Juli auf wie noch kein Hoch zuvor. Am 5. Juli, einem Sonntag sogar, stieg das Thermometer im bayerischen Kitzingen auf 40,3 Grad. Das war die höchste jemals gemessene Temperatur in Deutschland seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Und weil ein Rekord nicht reichte in diesem Glutsommer, wurde einen Monat später, am 7. August, am selben Ort noch einmal dieselbe Marke erreicht. 40,3, das waren 0,1 Grad mehr als der bisherige Spitzenwert aus dem Sommer 2003. Das in seine Superlative so verliebte Sachsen konnte da nicht ganz mithalten. Hier wurde der Höchstwert in Dresden-Klotzsche mit 38,5 Grad erreicht. War auch heiß genug.

Sehr lange halten werden diese Rekorde wohl nicht, Wissenschaftler prognostizieren, dass es immer häufiger zu Wetterextremen kommen wird. Daran werden auch die neuen Vereinbarungen von Paris nichts ändern. Immerhin aber gab es dort eine spektakuläre Einigung auf verbindliche Klimaziele. Dass solche Gipfeltreffen konkrete Ergebnisse bringen, ist man ja gar nicht gewohnt. Diesmal hatten die G7-Staaten schon im Mai beschlossen, ihre Wirtschaft bis Ende des Jahrhunderts zu dekarbonisieren, also vollständig mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Weg vom Kohlenstoff!

Der Dekarbonisierungs-Deal fand statt in einem Luxushotel in der malerisch-abgeschiedenen und weiträumig abgesperrten Alpenkulisse von Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen. Der Russe Wladimir Putin musste zu Hause bleiben, dafür sah man Barack Obama im zünftigen Ambiente einen kräftigen Schluck Weißbier nehmen. Alkoholfrei soll es gewesen sein, es wollte ja keiner den Weltfrieden gefährden. Glaubt man dem Bund der Steuerzahler, hat die 28-stündige Tagung 360 Millionen Euro gekostet. Offiziell waren es nach Behördenangaben 130 Millionen Euro.

Aber auch dafür muss man ziemlich oft bei Günther Jauch gewinnen. Immerhin scheint‘s ja was gebracht zu haben, das Getage. Ohne Elmau wäre Paris wohl nicht gelungen. Ein wenig Klima-Hoffnung am Ende dieses auch wettermäßig außergewöhnlichen Jahres. Insgesamt wird es zwar nicht in Deutschland, aber wohl weltweit das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden.

Zum „Internationalen Jahr des Lichts“ hatte die Unesco 2015 erkoren. Ob es besonders viel Erleuchtungen gegeben hat, sei dahingestellt. Viele haben jedenfalls im Scheinwerferlicht gestanden.

Robert Lewandowski zum Beispiel strahlte am 22. September übers ganze Gesicht. „Dieser historische Tag wird bis zum Ende meines Lebens in meinem Kopf bleiben“, jubelte der Stürmerstar des FC Bayern München nach dem spektakulären 5:1 gegen den VfL Wolfsburg. So etwas hatte es in der Bundesliga noch nicht gegeben: Ein Spieler, der erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt wird, schießt fünf Tore am Stück. Mit diesem Meisterstück schaffte es der 27-Jährige gleich viermal ins Guinness-Buch der Rekorde: Außer wegen der fünf Tore auch wegen des schnellsten Hattricks (3 Tore in 3:22 Minuten), des schnellsten Viererpacks (5:42 Minuten) und des schnellsten Fünferpacks (8:59 Minuten). Nachher mutmaßte der Pole: „Ich weiß nicht, ob das je wieder ein Spieler schaffen kann.“

David Odonkor gewiss nicht. Dessen sportlicher Höhepunkt liegt neun Jahre zurück, die Fußball-WM 2006, das Sommermärchen, das anscheinend, jedenfalls von der organisatorischen Seite, gar nicht so märchenhaft war. Für seine rasanten Flügelläufe war Odonkor, Spieler von Borussia Dortmund, bekannt. Vor zwei Jahren musste er mit 29 Jahren seine Karriere beenden. Das Knie!

Seither tingelt der Sohn eines Ghanaers und einer Ostwestfälin durch die Amateurliga, zurzeit als Sportlicher Leiter bei der Spielvereinigung Hamm. Es war ruhig geworden um den Fußballer, bis er im August in den Container stieg. Ja, es gibt wirklich noch immer dieses „Big Brother“, es gibt immer noch Menschen, die das freiwillig gucken, und welche, die freiwillig mitmachen. David Odonkor jedenfalls gewann die Prominentenausgabe der Containershow. „Big Brother wollte ich nutzen, um im Fernsehen mal zu zeigen, wie ich wirklich bin“, hat er erst unlängst gesagt. „Das habe ich ganz gut geschafft. Ich habe da auch nichts gespielt, wie es viele andere machen.“ Was für eine Karriere.

Viele deutsche Sieger gab es nicht in diesem Jahr, aufsehenerregender waren die Niederlagen. Leidtun konnte einem die junge Frau, die aus Wien mit null Punkten nach Hause kam. Wer heute noch weiß, wie der Song hieß, muss ein echter Grand-Prix-Kenner sein. Ann Sophie, Nachname: Dürmeyer, erlebte mit „Black Smoke“ ein Fiasko beim Eurovision Songcontest – letzter Platz zusammen mit Österreich. Kleiner Trost für die 24-Jährige: Ihr Lied erreichte anschließend eine neue Höchstposition und war in den deutschen Charts das dritterfolgreichste Lied aller ESC-Beiträge dieses Jahrgangs. Trotzdem blieb der Frust und ein geradezu philosophisches Fazit von Ann Sophie: „Alles war schön und dann war es plötzlich nicht mehr schön!“

Ein Satz, der auch das ganze Jahr charakterisieren könnte.

Doch wir wollten ja von guten Nachrichten reden. Vielleicht von Debra Milke, die nach vielen Jahren wieder nach Deutschland zurückkehren konnte. Die gebürtige Berlinerin saß 22 Jahre lang in den USA in einer Todeszelle – angeblich sollte sie zwei Männer beauftragt haben, ihren eigenen vierjährigen Sohn zu töten. Die Falschaussage eines Polizisten hatte sie damals hinter Gitter gebracht. Dann wurde ihr Verfahren neu aufgerollt. Nun endlich gilt die inzwischen 51-Jährige als unschuldig, ihr Verfahren wurde eingestellt. Es gibt also auch noch Dramen, die gut ausgehen.

Und es gibt, zum Glück, Prophezeiungen, die sich nicht erfüllen. Wie haben die Schwarzmaler über den Mindestlohn gestöhnt, der das ganze Land in den Ruin treiben werde. Doch der wirtschaftliche Weltuntergang ist ausgeblieben, weder gab es Massenentlassungen noch Pleitenserien. Stattdessen ist die Zahl der Arbeitslosen im Laufe des Jahres stetig gesunken. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bundesweit bei sechs Prozent, in Sachsen bei 7,5 Prozent, niedriger war sie zuletzt im Juni 1991. Jobs im großen Stil hat der Mindestlohn also nicht gekostet – ein erfreulicher Irrtum.

Das ist noch kein Grund, auf die Pauke zu hauen. Aber immerhin. Manchmal endet ein Jahr dann doch besser als der Ruf, den es sich erworben hat. Der Tag der Sachsen 2015 zum Beispiel wird in die Geschichtsbücher eingehen. In Wurzen wurde ein neuer Weltrekord aufgestellt – im Line-Dancing. 1 192 Tänzer aus 115 Vereinen legten eine gemeinsame Choreografie auf die Holzpaletten. Aber ob solche Nachrichten helfen, Sachsens Ruf zu retten?

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