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Donnerstag, 18.02.2016

Macht Fliegen krank?

Mediziner finden im Urin und Blut von Flugpersonal schädliche Stoffe. Die stammen vermutlich aus den Triebwerken.

Von Christian Ebner

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Giftige Stoffe könnten über undichte Stellen in das Innere des Flugzeugs gelangen und das Herz-Kreislauf-System angreifen.
Giftige Stoffe könnten über undichte Stellen in das Innere des Flugzeugs gelangen und das Herz-Kreislauf-System angreifen.

© dpa

Heikle Landungen, kranke Stewardessen, unabsehbare Folgen für Passagiere: Seit Jahren häufen sich im Luftverkehr Berichte über Zwischenfälle, die möglicherweise auf giftige Dämpfe in Flugzeugkabinen zurückgehen. Doch die medizinischen Zusammenhänge waren bisher wenig erforscht. Forscher der Universität Göttingen haben nun untersucht, welche Stoffe welche Krankheitssymptome hervorrufen können.

Fast drei Jahre lang prüften die Arbeitsmediziner um Astrid Heutelbeck Proben von Menschen, die nach Flügen über Beschwerden klagten. Dazu untersuchten sie mehr als 140 Patienten – die meisten davon Flugpersonal – und analysierten unmittelbar nach Flügen Blut- oder Urinproben, teilweise mit neuen Verfahren.

Wichtigstes Ergebnis: Neben den bereits bekannten Organophosphaten, die negativ auf Enzyme im Körper wirken, fanden sie regelmäßig sogenannte flüchtige organische Verbindungen (VOC) oder deren Abbauprodukte. Diese Stoffe greifen Nerven und Herz-Kreislauf-System an und reizen zudem die Atemwege. Sie könnten in den Turbinen bei starker Hitze aus Kerosin, Ölen oder Enteisungsmitteln freigesetzt worden sein und über undichte Stellen im Triebwerk in die Zapfluft gelangt sein, vermuten die Mediziner. In fast allen Passagierflugzeugen wird die Kabinenluft aus den Triebwerken abgezapft. Dort finden Techniker immer wieder Lachen von Öl oder Enteisungsmitteln.

Sauerstoffmasken bei Landung

Sogenannte „Fume Events“ (Dunst-Ereignisse) wurden bereits seit den 1950er-Jahren beschrieben. Für die Zeit von 2006 bis 2013 hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) bei deutschen Fluggesellschaften nicht weniger als 663 Fälle registriert. Für Aufsehen sorgte etwa Ende 2010 ein Zwischenfall in einem Germanwings-Airbus beim Landeanflug auf Köln. Pilot und Copilot setzten während der Landung Sauerstoffmasken auf, nachdem sie einen scharfen Brandgeruch wahrgenommen hatten und ihnen übel geworden war. Die Maschine landete damals sicher.

Trotz der vielen Vorfälle fehlt bislang der wissenschaftliche Nachweis, dass Kabinenluft Krankheiten verursachen kann. Davon ist vermutlich am ehesten das Personal betroffen, das Risiko für Passagiere scheint deutlich geringer. Die Göttinger Mediziner sind dem Zusammenhang nach eigenen Angaben nun nähergekommen.

Die Pilotenvereinigung Cockpit sieht nun Flugzeughersteller und die europäische Zulassungsbehörde EASA in der Pflicht und fordert technische Vorkehrungen, um gefährliche Dämpfe in Flugzeugkabinen zu vermeiden. Cockpit befürwortet zusätzliche Hilfsturbinen für die Kabinenluft. Diese waren zu Beginn des Düsen-Zeitalters lange üblich, wurden dann aber aus Kosten- und Gewichtsgründen eingespart.

Die Gewerkschaft Verdi will nicht nur für das fliegende Personal kämpfen. „Auch die Leute am Boden sind im hohen Maße gefährdet“, sagt ihr Verkehrsexperte Robert Hengster. Verdi setze sich daher für die Gründung eines medizinischen Kompetenzzentrums zur Diagnose und Behandlung von Betroffenen ein. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Andy

    Wieso geht das nicht über Wärmetauscher unabhängig von der Triebwerksumgebung? Wenn man sich auf der anderen Seite überlegt in was für verdreckten und kontaminierten Umgebungen sich manche am Boden ihre Brötchen verdienen müssen :-(

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