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Mittwoch, 06.12.2017

Löbauer Juwelier gibt nach Raub auf

Gisela Heller hat seit dem Überfall Angst. Ihr Weggang verschärft das Ladensterben in der Inneren Zittauer Straße.

Von Markus van Appeldorn

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Gisela Heller hat nach dem Überfall die Freude an der Arbeit verloren. Ende des Jahres schließen sie und ihr Mann den Laden an der Inneren Zittauer Straße.
Gisela Heller hat nach dem Überfall die Freude an der Arbeit verloren. Ende des Jahres schließen sie und ihr Mann den Laden an der Inneren Zittauer Straße.

© Thomas Eichler

  • Gisela Heller hat nach dem Überfall die Freude an der Arbeit verloren. Ende des Jahres schließen sie und ihr Mann den Laden an der Inneren Zittauer Straße.
    Gisela Heller hat nach dem Überfall die Freude an der Arbeit verloren. Ende des Jahres schließen sie und ihr Mann den Laden an der Inneren Zittauer Straße.
  • Der Ausverkauf hat begonnen. Dort stehen dann von 27 Ladenlokalen zwölf leer.
    Der Ausverkauf hat begonnen. Dort stehen dann von 27 Ladenlokalen zwölf leer.
  • Ein ansässiger Handwerker dokumentiert das Ladensterben mit einem Plakat.
    Ein ansässiger Handwerker dokumentiert das Ladensterben mit einem Plakat.

Es war dieser Donnerstag im Juli, der Gisela Heller die Freude an ihrer Arbeit nahm. Eine Freude, die ein Vierteljahrhundert währte. Seit 25 Jahren betreibt sie mit ihrem Mann Heinz-Peter Heller ein Juweliergeschäft an der Inneren Zittauer Straße. Auch wenn die beiden wegen ihres Alters ein bisschen kürzer getreten sind und nur noch an drei Tagen in der Woche öffnen – Gisela Heller wollte so oft wie möglich für ihre Stammkunden da sein. Doch zum Jahresende schließt sie endgültig zu. Und der Grund dafür klingt bedrückend: „Ich gehe immer mit der Angst in den Laden, dass ich nicht weiß, wer da reinkommt. Diese Angst brauche ich nicht mehr.“

Diese Angst, dafür sorgte ein junger Mann, der am Nachmittag des 6. Juli den Laden von Gisela Heller betrat. Kein Stammkunde. So richtig wohl war ihr von Anfang an nicht mit dem Typen. Und Gisela Heller war zu der Stunde allein im Laden. Der Mann sprach kein Wort Deutsch, gestikulierte nur und zeigte auf eine Auslage mit Goldketten, erinnert sie sich. Als sie der Vitrine einen Ständer mit fünf Ketten entnahm und auf den Verkaufstresen stellte, ging alles blitzschnell. Gisela Heller hatte noch eine Hand an dem Ständer, da entriss ihn der Fremde und rannte zur offenen Tür hinaus. Sie lief noch hinterher und schrie einem Passanten zu: „Halten sie den Mann fest!“ Vergebens.

Die SZ war damals einen Tag nach dem Raub bei Gisela Heller im Laden. „Ich habe am ganzen Leib gezittert“, schilderte sie da den Überfall. Bis heute hat die Polizei den Täter nicht gefasst. „Wie auch?“, fragt die Schmuckhändlerin resigniert, „die Polizei war ja auch erst eine Stunde nach dem Überfall hier.“ Gisela Heller hat die Lust verloren. „Mein Mann hat immer gesagt, Wir machen den Laden so lange, wie es Dir Spaß macht“, erzählt sie. Angst macht keinen Spaß. Jetzt steht in orange-rot leuchtenden Lettern an ihrem Schaufenster: „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“. Das Haus wird das Ehepaar verkaufen. Gisela Heller weiß, dass mit ihrem Laden ein weiteres Stück angestammter Löbauer Geschäftswelt verlorengeht. „Mein Mann und ich sind ja mit die ältesten Händler hier in der Stadt.“

Mit der Geschäftsaufgabe des Ehepaars hat die Stadt Löbau in prominenter Lage ein weiteres Problem. Denn der Niedergang der Inneren Zittauer als Geschäftsstraße hat sich in diesem Jahr von einem schleichenden in einen galoppierenden Prozess verwandelt. Am 15. Dezember schließt das Bettenhaus Proft für immer seine Türen. Das Schmuckgeschäft Heller mitgerechnet, werden von 27 Geschäftslokalen in der Inneren Zittauer Straße dann zwölf leerstehen. Alleine in diesem Jahr haben an diesem Standort vier Händler aufgegeben. Schuhhändlerin Ines Hanke zog im März an die Nikolaistraße. Die immer stärker ausbleibende Laufkundschaft hätte sie zum Umzug bewogen, sagte sie der SZ. Ein Copy-Shop siedelte im Juli an die Bahnhofstraße um. Immerhin: Eine Neueröffnung gab‘s in jüngerer Zeit auch. Ariane Selzer hat sich im Oktober 2016 hier die „Kinderstube“ eingerichtet, ein Secondhand-Laden für Kindermode. Für sie sei die günstige Miete ein attraktiver Standortfaktor gewesen, sagt sie.

Ansonsten aber kommt nichts nach an der Inneren Zittauer Straße. Bei „Rollo Weber“ etwa lässt die Schichtdicke des Staubs im Schaufenster schon erahnen, dass hier das Rollo vor über zehn Jahren letzmals herunterging. Der Orthopädieschumachermeister Günter Pusch hat in einer Mischung aus Humor und Verzweiflung das Geschäftesterben auf der Inneren Zittauer Straße jetzt versinnbildlicht. Er hat ein Plakat mit einer Galerie von Grabsteinen vor dem Straßenbild erstellt. Jedes untergegangene Geschäft hier ist mit einem Grabstein und dem „Todesdatum“ aufgelistet. Mittlerweile sieht man vor lauter Grabsteinen schon beinahe nichts mehr von der Straße. Die letzte Aktualisierung hat er erst vor wenigen Wochen vorgenommen und „Betten Proft“ beerdigt. Der Juwelier Heller fehlt noch. Es wird eng auf dem Friedhof.