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Samstag, 23.05.2015

Lieber Darth Vader!

Offener Brief an die Star-Wars-Figur, die jetzt Werbung für Fahrradhelme macht

© Bundesverkehrsministerium / dpa

Neulich war ich wie so oft mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Ohne Helm. Da ist es wieder passiert: Ein Mercedes-Fahrer rauscht zentimeterdicht an mir vorbei. Wütendes Hupen. Durch die getönte Scheibe erkenne ich die Umrisse einer dunklen Gestalt, die sich mit dem Zeigefinger an die Stirn tippt. Dann braust der Wagen davon. Es sind übrigens fast immer Mercedesfahrer, die so reagieren. Manchmal auch Audi oder BMW. Aber nach meiner privaten Schätzung in acht von zehn Fällen: Mercedes. Deshalb spreche bei solchen Begegnungen auch von „Krieg der Sterne“.

Warum hupen diese Menschen, wieso sind sie so aggressiv? Nein, es liegt nicht daran, dass ich keinen Helm trage. Sie sind empört, weil ich als Radfahrer die dunkle Seite der Macht verkörpere. Für die bin ich der Feind, sie müssen mich bekämpfen. Neben der Straße am Terrassenufer in Dresden ist ein Gehweg. Den dürfen auch Radfahrer benutzen. Das Problem ist aber: Die Touristen, die dort in Scharen herumlaufen oder in Schlangen auf den nächsten Elbdampfer warten, sind noch viel gefährlicher als die meisten Mercedesfahrer. Manche werden sogar handgreiflich, wenn ich als Radfahrer die Klingel betätige, um auf mich aufmerksam zu machen und mich vorsichtig durch die Menschentrauben zu schlängeln. Also benutze ich lieber die Straße. Laut § 2 Abs. 4 StVO darf ich das, denn eine Radwegbenutzungspflicht besteht nur dort, wo die runden, blauen Radwegschilder Nr. 237, 240 oder 241 diese ausweisen. Aber was scheren einen Mercedes die Verkehrsregeln?

Gibt’s eigentlich auch eine intergalaktische Straßenverkehrsordnung? Ausgerechnet Sie, Darth Vader, der gefürchtete Diener des Imperators, sollen ja jetzt Werbung für Fahrradhelme machen. Auf so eine Idee kann natürlich nur einer kommen: Alexander Dobrindt, unser Verkehrsminister von der CSU. Dabei weiß doch jeder Autofahrer: Radfahrer, die Helme tragen, sind die allerschlimmsten. Fahren bei Rot über die Ampel. Benutzen Radwege in der Gegenrichtung. Haben in der Dämmerung kein Licht an. Helme signalisieren Kampfbereitschaft und Unverwundbarkeit. Kein Wunder, dass sich Autofahrer von solchen Typen provoziert fühlen und erst recht aufs Gas drücken.

Laut der Star-Wars-Saga soll Darth Vader das Gleichgewicht der Macht wiederherstellen. Aber ich glaube, so wie Herr Dobrindt sich das vorstellt, war das nicht gemeint. Wobei, als ich jetzt das Plakat gesehen habe, auf dem Sie im Auftrag des Verkehrsministeriums für Fahrradhelme werben, da kam mir eine Idee: Beim nächsten Mal ziehe ich mir so ein Ganzkörper-Darth-Vader-Kostüm samt Maske an, und wenn dann wieder einer dieser Mercedes-Rabauken an mir vorbeirauscht, dann hole ich ihn an der Ampel ein, reiße die Beifahrertür auf, strecke meinen Darth-Vader-Kopf ins Auto, schwer atmend wie ein Maschinenwesen, und sage mit tiefer Stimme nur einen einzigen Satz: „Ich bin dein Vater!“

Ihr Marcus Krämer

Der offene Brief ist eine wöchentliche Kolumne, die im Wochenendmagazin der Sächsischen Zeitung erscheint.