Mittwoch, 28.11.2012

„Liebe Kollegen, ich habe HIV“

Das Alltagsleben vieler Aidskranker hat sich dank neuer Medikamente verbessert. Doch im Job offen über die Infektion zu reden – das wagen längst nicht alle.

Von Ulrike von Leszczynski

Hat ein HIV-Bekenntnis auf Arbeit abgelegt: Der 45-jährige David ermuntert auf Plakaten dazu, es ihm gleichzutun. Foto: dpa
Hat ein HIV-Bekenntnis auf Arbeit abgelegt: Der 45-jährige David ermuntert auf Plakaten dazu, es ihm gleichzutun. Foto: dpa

Manchmal war es wie ein doppeltes Leben, ein Versteckspiel. Mehr als drei Jahre lang hat David seinen Kollegen die Krankheit verschwiegen. Niemandem fiel auf, dass er alle paar Wochen zum Arzt ging. Warum auch? David ist Mitte 40 und wirkt topfit. Heute geht er in Berlin auf dem Weg zur Arbeit an großflächigen Plakaten mit seinem Gesicht vorbei. „Ich habe HIV“ steht links neben seinem Foto geschrieben. „Und die Akzeptanz meines Chefs“, ist weiter unten zu lesen. Es sind Plakate zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, die seit Ende Oktober überall in Deutschland hängen. Sie signalisieren, dass beim Thema HIV noch längst nicht alles gesagt ist.

HIV und Job etwa sind erst miteinander zu vereinbaren, seit die Immunschwächekrankheit dank moderner Therapien vor rund 15 Jahren für viele Patienten zu einer chronischen Infektion degradiert wurde. Unheilbar noch immer, aber mit Tabletten beherrschbarer. Doch die Bilder von ausgemergelten und sterbenden Aidskranken aus den 1980er-Jahren sind in vielen Köpfen noch fest verankert. So fest, dass es für manche vielleicht eine Denkblockade ist, HIV und Arbeit zu verbinden. Dabei können Männer und Frauen mit HIV-Diagnose heute fast alle Berufe ergreifen. Nur in Kliniken gibt es Einschränkungen, bei Operationen zum Beispiel.

Ob Vorgesetzte und Kollegen aber um die Infektion wissen, steht auf einem anderen Blatt. Es gebe keine Pflicht, sich zu erklären, sagt David. „Man darf auch lügen.“ Wer die Wahrheit sagen möchte, dem rät David zur Besonnenheit. Auch, wenn er nun als Botschafter für das Bundesgesundheitsministerium, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Aids-Hilfe öffentlich sein Gesicht zeigt. Nur sein Nachname bleibt ungenannt. Das ist die Absprache.

David arbeitet in Berlin in einer sozialen Einrichtung. Er mag seinen Job, hilft schwächeren Menschen gern. Doch bevor er über seine eigene Krankheit sprach, erkundigte er sich beim Betriebsrat nach der Position der Geschäftsführung zu HIV. Erst als die Rückmeldung nicht auf Ressentiments schließen ließ, suchte er das Gespräch mit seinem Chef. „Er hat nach dem ersten Schock gefragt, wie es mir gesundheitlich geht“, erinnert sich David. Sein Job stand nicht infrage. Doch er weiß, dass solche Offenheit auch andere Folgen haben kann – von Mobbing bis Kündigung.

Dass David den Mut fand, sich über die Plakate auch ahnungslosen Kollegen und Bekannten zu offenbaren, das hat viel mit dem ersten Zuspruch zu tun. „Ich habe durchweg Anerkennung für meinen Schritt erfahren“, sagt David. Einen Teil dieser Kraft gibt er nun zurück, als Ermutigung für andere Betroffene – und auch als Denkanstoß für Unternehmen.

Rund 78.000 Menschen sind nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts in Deutschland mit dem HI-Virus infiziert. Allein von dieser Zahl her ist nicht völlig unwahrscheinlich, dass ein Kollege oder Mitarbeiter infiziert ist. Doch oft sorgt eine Mischung aus Tabu und Berührungsangst für eine reflexartige Abwehrhaltung in Unternehmen: So etwas gibt es bei uns nicht. In einer solchen Atmosphäre erklärt sich kaum jemand freiwillig.

Die neue Kampagne bedeutet auch für die Gesundheitsbehörden ein anderes Herangehen an HIV. Nicht die humorvolle Aufklärung wie beim TV-Spot „Tina, was kosten die Kondome?“ steht im Vordergrund, sondern die Frage: Wie offen geht Deutschland etwa 30 Jahre nach den ersten Aids-Schreckensmeldungen mit der Krankheit um? Die Kampagne zeigt Thomas, der als HIV-Positiver gerade Vater geworden ist, mit gesunder Freundin und gesundem Baby. Sie zeigt Mütter mit HIV und Menschen jenseits der 50. Es ist wie ein Gegenbild zu den Klischees, dass die Infektion nur was mit Schwulen oder Drogen zu tun hat, oder dass sie ein schnelles Todesurteil ist.

Dennoch balanciert die Kampagne auf einem schmalen Grat. Für sie lassen sich nur Menschen gewinnen, die einen Weg gefunden haben, mit HIV zu leben. Die im Schatten sieht man nicht. Rund 550 Menschen, schätzt das Robert-Koch-Institut, sind allein in diesem Jahr an Aids in Deutschland gestorben. 50.000 Patienten müssen Medikamente nehmen, um das Virus im Körper in Schach zu halten. Nicht alle leben automatisch gut damit. Manche lassen sich viel zu spät oder gar nicht auf HIV testen. Und dann sind da noch die Kosten. Rund 20.000 Euro pro Jahr verschlingt eine HIV-Behandlung derzeit pro Patient.

Trotz der Präventionskampagnen stecken sich in Deutschland noch immer täglich etwa zehn Menschen mit HIV an. Das seien vor allem homosexuelle Männer, sagt Osamah Hamouda am Robert-Koch-Institut. Die Schätzzahl blieb in den vergangenen Jahren relativ konstant. Neuerdings aber sieht es so aus, als steige sie wieder leicht. Diese Entwicklung ist vor allem bei jüngeren Schwulen spürbar. Hamoudas Erklärung klingt erst einmal logisch: „Am Ende liegt es immer an ungeschütztem Sex ohne Kondom.“ Aber er sieht komplexere Zusammenhänge: Die Syphilis ist wieder auf dem Vormarsch, sie begünstigt HIV-Infektionen. Argumente wie „Ich habe mich ja kürzlich testen lassen“ oder „Wenn mein Partner positiv ist, wird er es mir ja schon sagen“, sind häufiger zu hören als früher.

Vor allem aber wird Prävention schwieriger, wenn immer häufiger von Therapieerfolgen die Rede ist. Die Zahl der Sexualkontakte unter schwulen Männern habe durch die besseren Lebensumstände wieder zugenommen, berichtet der Infektionsexperte. Nicht nur er fürchtet, dass sie die Krankheit weniger ernst nehmen als vor 20 Jahren, als in der Szene noch jeder einen kannte, der an Aids starb. Zudem gibt es bisexuelle Männer, die Frauen gegenüber ihre Neigung verschweigen.

Die Risikobereitschaft führt dazu, dass die Epidemie nicht zu stoppen ist. Es infizieren sich immer noch mehr Menschen, als therapiert werden. „Heute denkt man: Ich will das nicht unbedingt haben. Aber wenn es schiefgeht, gibt es noch die Therapie“, sagt Hamouda. Doch so einfach ist das nicht. Das Virus kann Resistenzen entwickeln, es lässt sich nicht komplett ausschalten. Wie ein Körper nach 40 Jahren Viruslast und Therapie reagiert, ist ungewiss. Die Gesellschaft kann diese Realitäten nicht ändern. Sie kann aber lernen, offener damit umzugehen. Auch im Job.

In der neuen Kampagne zum Welt-Aids-Tag zeigt auch Moritz sein Gesicht. Er ist 25und studiert Germanistik in Berlin. Drei Ärzte sind vor zwei Jahren nicht darauf gekommen, warum er sich so krank fühlte, wochenlang, mit schweren Symptomen wie bei einer Grippe.

Beim Gesundheitsamt machte er schließlich einen HIV-Test. Das Ergebnis war positiv. „Ich kann mir die Infektion bis heute nicht erklären, ich habe aufgepasst“, sagt Moritz. „Nach dem Schreck war es aber eher eine Erleichterung. Jetzt kenne ich den Feind. Obwohl mir Vogelgrippe lieber gewesen wäre.“

Noch muss Moritz keine Medikamente nehmen. Doch er weiß, dass es dazu kommen wird. HIV hat sein Leben schon jetzt verändert, Prioritäten verschoben sich. „Ich lebe mehr im Jetzt“, sagt er. Das intensive Nachdenken über Leben und Tod habe ihn gelassener werden lassen. Das offene Umgehen mit HIV, das mache ihn nun auch weniger verletzlich. Wenn jemand Sex ohne Kondom will, sagt Moritz: „Ich bin positiv.“ Er spricht von einer moralischen Schuld, wenn er nicht auf andere aufpasse.

Moritz kellnert, um sein Studium zu finanzieren. Doch keiner seiner Kollegen ahnte etwas von seiner Infektion – bis sein Foto und seine Geschichte im Internet erschienen. Kollegen waren wie vor den Kopf gestoßen. Einige gingen zum Chef und fragten, was das heiße: HIV in diesem Job?

HIV war für den Chef kein Problem. Doch um Vorurteilen und Gerede vorzubeugen, beschloss er gemeinsam mit Moritz, die Infektion dem ganzen Team mitzuteilen. Drei Tage hat Moritz für die Gespräche gebraucht, mit fast 40 Kollegen. „Das war schon eine Nummer“, erinnert er sich. „Ich war wahnsinnig nervös.“ Doch dann habe er eine ungeahnte Anteilnahme erfahren. „Da war so ein Kerl wie ein Baum. Und er hat geheult“, ergänzt Moritz. „Das war ihm echt nicht egal.“

Die Kollegen sind alle unter 30. Moritz weiß, dass es einen Unterschied macht, auf welche Generation er trifft mit seinem Bekenntnis. Es schreckt ihn nicht mehr.

„Ich habe HIV“ steht neben seinem Botschafterfoto. Und weiter unten: „Und den Rückhalt meiner Freunde.“ (dpa)

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