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Leicht zu haben wie ’ne Flasche Bier

Wenn es um Drogen geht, wissen Jugendliche oft besser Bescheid als ihre Eltern. Zwei Experten gaben den Erwachsenen jetzt Tipps zum Thema.

07.10.2017
Von Stefan Lehmann

 haben wie ’ne Flasche Bier
Wenn die eigenen Kinder Drogen nehmen, raten Experten zum Dialog.

© Symbolbild/SZ/W. Wittchen

Riesa. Am Anfang stehen die nackten Zahlen. Von sachsenweit rund 8000 Tatverdächtigen im Rauschgiftbereich seien 2016 mehr als 2 000 im Jugend- oder Heranwachsendenalter gewesen, erklärt Henry Polster. „Unter den Heranwachsenden verzeichnen wir das stärkste Wachstum“, erklärt der Polizeihauptmeister. Seit Jahren ist Polster im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Dresden unterwegs, um Präventionsarbeit zum Thema Drogen zu leisten. Erst vor Kurzem hat er Schüler aufgeklärt, nun sind die Eltern dran.

Begleitet wird der Polizist während des Elterndialogs am Gymnasium von einem, der sich mit Betäubungsmitteln eher im Rahmen seiner täglichen Arbeit auskennt: Dr. Stefan Geiger ist Chefarzt der Anästhesie am Elblandklinikum in Riesa. Gemeinsam wollen die beiden vor allem aufklären. Denn tatsächlich gingen viele Eltern doch recht naiv an das Thema Drogen heran, sagt Geiger.

Man solle nicht glauben, dass die eigenen Kinder davon nichts wissen. Meist hätten sie mehr Ahnung als die eigenen Eltern. „Und an Drogen zu kommen, ist nicht so schwer, wie Sie vielleicht glauben.“ Sie seien für Jugendliche fast so leicht zu kriegen wie eine Flasche Bier. „Denken Sie nicht: Mein Kind macht so etwas nicht. Es kann jeden betreffen“

Die hundertprozentige Garantie könne es nun einmal nicht geben. Im Grunde laufe alles darauf hinaus, die eigenen Kinder stark zu machen, auch einmal Nein zu sagen. Und neben Grenzen sollten die Eltern ihren Kindern eben auch Freiräume lassen, sagt Geiger. Denn auch Stress und Überlastung können Faktoren sein, die am Ende möglicherweise zu Drogenkonsum oder -missbrauch führen.

Trotz dieser Warnung malen Polster und Geiger nicht den Teufel an die Wand. Denn viele der gängigen Substanzen hätten erst einmal „kein größeres Suchtpotenzial als Nikotin“, betont der Arzt. Als eine Mutter fragt, ob denn Hasch Schizophrenien auslösen könne, da gesteht er: Ja, das habe er auch immer gedacht – und sich deshalb auch schon mit seinen Kindern gestritten. „Da musste ich aber irgendwann einsehen, dass ich schlecht informiert war“, sagt Geiger und schmunzelt. „Es ist schwer zu sagen: Ist der Zusammenhang eine zufällige Korrelation, oder spielt das THC wirklich eine ursächliche Rolle. Das ist nicht endgültig geklärt.“

Polizist Henry Polster muss sich derweil von einem Vater die Frage gefallen lassen, warum denn die Polizei so wenig übernehme, wenn es doch ein offenes Geheimnis sei, wo überall gedealt wird. „Es wird schon geschaut“, hält Polster dagegen. Gleichzeitig fänden aber viele Drogengeschäfte auch in Wohnungen oder auf Partys statt, wo die Polizei keinen direkten Zugriff hat. Untätig sei die Polizei jedenfalls nicht. Er verweist auf die Razzia gegen einen Drogenring im Riesaer Mühlenviertel vor einigen Jahren.

Um den Kampf gegen illegale Drogen geht es Stefan Geiger ohnehin nur am Rande. Er sorgt sich um ganz andere Folgen des Drogenkonsums gerade für Jugendliche und Heranwachsende. „Das Thema ist eigentlich: Wie gehen wir um mit unserem Impuls?“ Und in dem Punkt sollten auch die Eltern ihr eigenes Suchtverhalten in Bezug auf Zigaretten und Alkohol hinterfragen. Er verweist auf Studien, wonach 13 Prozent der Jugendlichen regelmäßig trinken.

„Alkohol und Nikotin, das ist es, worüber wir reden müssen.“ Haschisch sei aus medizinischer Sicht nicht unbedingt schlimmer – wenngleich es den Einstieg in die Illegalität markiere. Panik, Verbote oder Kontrollen jedenfalls seien bei dem Thema eher kontraproduktiv. „Sprechen Sie mit Ihrem Kind und treffen Sie konkrete Absprachen“, rät Stefan Geiger.