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Donnerstag, 28.01.2016

„Legal Highs sind die neue große Gefahr“

Suchtberaterin Jana Stahn sieht die Ersatzdroge in der Region auf dem Vormarsch – und warnt vor unabsehbaren Folgen.

In Laboren wie hier beim rheinland-pfälzischen Landeskriminalamt in Mainz untersuchen Experten regelmäßig die legal verkäuflichen Kräutermischungen. Deren Inhaltsstoffe können teilweise zu schweren Vergiftungen bei den Konsumenten führen.
In Laboren wie hier beim rheinland-pfälzischen Landeskriminalamt in Mainz untersuchen Experten regelmäßig die legal verkäuflichen Kräutermischungen. Deren Inhaltsstoffe können teilweise zu schweren Vergiftungen bei den Konsumenten führen.

© dpa

Bautzen. Dieser Fall aus Kamenz hatte für Aufsehen gesorgt: Regungslos liegen drei junge Leute am Boden, die Atmung hat ausgesetzt. Gerade noch rechtzeitig werden sie in die Klinik gebracht. Bei ihnen findet die Polizei auch Tütchen mit ominösen Kräutermischungen. Offenbar hatten die Männer sogenannte Legal Highs konsumiert. Eine 48-jährige Frau in Baden-Württemberg hatte vergangene Woche weniger Glück. Sie starb, nachdem sie eine derartige Kräutermischung geraucht hatte. Die Mischungen sind legal erhältlich, wirken aber wie bekannte Drogen. Längst sind diese Substanzen im Landkreis auf dem Vormarsch. Zwar gibt es keine Statistik. Doch bei der Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Bautzen nehmen die Fachleute die Entwicklung mit großer Sorge zur Kenntnis. Deren Leiterin Jana Stahn warnt im Interview mit der SZ vor einer neuen Gefahr – mit nicht absehbaren Folgen.

Frau Stahn, warum sind Legal Highs so gefährlich?

Die Mischungen haben oft harmlose Namen, werden meist als Kräutermischungen, Lufterfrischer oder Badesalze angeboten und sind im Internet oder einschlägigen Läden frei erhältlich. Tatsächlich sind sie aber alles andere als harmlos. Sie haben ähnliche Wirkungen wie Crystal, Ecstasy oder Haschisch. Oft ist aber unklar, was tatsächlich drinsteckt und welche Nebenwirkungen auftreten können. Eine Vergiftung kann Auswirkungen aufs Herz-Kreislauf-System haben, zu Organversagen und im schlimmsten Fall bis zum Tod führen. Zugleich können durch den Konsum aber auch Psychosen, Wahnvorstellungen oder Ängste hervorgerufen werden.

Da stellt sich doch sofort die Frage, warum die Substanzen überhaupt noch frei verkäuflich sind.

Das ist das große Problem. Denn viele denken sich, wenn es legal ist, ist es auch nicht gefährlich. Die Substanzen sind nicht verboten, die Mischungen werden auch nicht als Drogen verkauft und sind obendrein noch mit dem Hinweis versehen, dass sie nicht zum Verzehr geeignet sind ...

... quasi wie beim Rohrreiniger oder anderer Haushaltschemie. Deren Verzehr ist naturgemäß auch schädlich, die Substanz selbst deshalb nicht verboten.

Gewissermaßen.

Denkbar wäre doch aber, die verschiedenen Legal Highs über ihre jeweiligen Wirkstoffe einzeln zu verbieten ...

Theoretisch ja, in der Praxis ist das jedoch schwierig. Es gibt eine Verbotsliste, die in aller Regelmäßigkeit um weitere bis dahin legale Mischungen ergänzt wird. Zugleich werden aber immer wieder neue Substanzen entwickelt, zumeist nur mit geringen Abweichungen. Die Verbotsliste wird somit immer wieder einfach ausgehebelt.

Von Vorfällen wie jüngst in Kamenz ist eher selten zu hören. Wie groß ist das Problem in unserer Region wirklich?

Die Mischungen sind nicht neu, standen in unserer Arbeit allerdings lange Zeit kaum im Fokus. Seit zwei bis drei Jahren beobachten wir allerdings deutliche Zunahmen. Neben Alkohol und Crystal bereiten uns inzwischen auch die Legal Highs enorme Probleme. Hier kommt mit Blick auf die unklaren Nebenwirkungen eine ganz neue und große Gefahr auf uns zu.

Wie häufig lassen sich derartig schlimme Nebenwirkungen beim Konsum von Legal Highs wirklich feststellen?

Die Leute, die zu uns kommen und uns davon berichten, sind nur die Spitze des Eisbergs. Etwa ein Drittel von ihnen hat angegeben, schon einmal negative Erfahrungen mit Legal Highs gemacht zu haben. Das hängt auch immer davon ab, wie stabil derjenige ist. Das gilt besonders bei den Psychosen oder auftretenden Depressionen.

Wer gehört aus Ihrer Sicht zu den typischen Konsumenten?

Das fängt bei Jugendlichen an, aber auch Menschen im Alter von über 30 Jahren konsumieren Legal Highs. Wir hatten es zunächst vor allem bei den jungen Müttern bemerkt, die wegen eines Suchtproblems von uns betreut werden. Viele greifen zu Legal Highs als Ersatz für Crystal. Denn anders als Crystal lassen sich die Substanzen bei einem einfachen Drogentest nicht nachweisen – weil auf deren Inhaltsstoffe hin gar nicht getestet wird. Die Frauen wollen sich Ärger ersparen. Und sie glauben, dass es nicht schlimm, weil doch legal ist.

Zumal die Mischungen auch vergleichsweise günstig zu haben sind ...

Das kommt immer darauf an, was ich haben möchte. Aber teilweise gibt es Legal Highs mit vergleichbaren Wirkungen wie Crystal bereits zum halben Preis. Und ich muss übrigens nicht nach Tschechien fahren und die Drogen herüberschmuggeln.

Wie kann es gelingen, dem Problem mit den Legal Highs wirksam zu begegnen?

Die Mitarbeiter unserer Suchtberatungsstelle sind bereits regelmäßig an Schulen oder in ausbildenden Betrieben unterwegs, um den jungen Leuten die Wirkung der Droge und die Folgen des Konsums zu erklären. Wir müssen aber noch mehr aufklären und klarmachen, dass Legal Highs ungeachtet der freien Verfügbarkeit genauso gefährlich sind wie andere Drogen auch.

Hilfe für Suchtkranke

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Suchtberatungsstelle Bautzen, Arbeiterwohlfahrt, Löbauer Straße 48, Telefon 03591 3261140

Suchtberatungsstelle Bischofswerda, Arbeiterwohlfahrt, Am Lutherpark 7; Telefon 03594 703408

Suchtberatungsstelle Hoyerswerda, Diakonie, Schulstraße 5; Telefon 03571 428504

Suchtberatungsstelle Kamenz, Diakonie, Fichtestraße 8; Telefon 03578 385430

Suchtberatung Wilthen, Arbeiterwohlfahrt, Dresdener Straße 35; Telefon 03591 3261140

Breite Auswahl, verschiedene Wirkungen

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Herbal Ecstasy: Vorwiegend anregende Wirkung; bestehend aus Holzrosensamen und synthetischen Bestandteilen; Wirkstoffe: unter anderem Coffein, Guarana, Muskatnuss, Kawa Kawa, Khat, Piperazin-Derivate.

Kräutermischungen: Cannabisähnlicher Rauschzustand. Die Mischungen bestehen zumeist aus synthetischen Cannabinoiden sowie verschiedenen getrockneten Pflanzenteilen. Die verschiedenen Sorten unterscheiden sich nicht nur im Trägerkraut und Aromatisierung, sondern auch in den verwendeten Wirkstoffen, die in unterschiedlichen Konzentrationen und teilweise auch kombiniert beigemengt sind. Geworben dafür wird mit natürlichen Inhaltsstoffen, Analysen ergaben aber oft synthetische Wirkstoffe.

Badesalze: Amphetaminähnlicher Rauschzustand, aufputschend. Enthalten häufig synthetische Cathinone (verwandt mit dem Wirkstoff der Kath-Pflanze), beispielsweise Mephedron

Quelle: Awo Suchtberatung Bautzen