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Montag, 03.12.2012

Lasst sie nicht hängen

Hunderte Redakteure verlieren ihre Stellen. Die Politik diskutiert über die Zukunft der Zeitungen.

Die deutsche Presselandschaft erlebt nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit in diesem Herbst die größte Entlassungswelle seit Bestehen der Bundesrepublik. „Vorher sind mal einzelne Redaktionen insolvent gegangen. Aber das war nie die Größenordnung, die heute erreicht wird, wo wir mehrere Redaktionen haben, die viele Menschen freisetzen“, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur in Nürnberg.

Verlage hatten wegen gesunkener Erlöse auf dem Print-Anzeigenmarkt zuletzt Schließungen, den Abbau von Arbeitsplätzen oder Umstrukturierungen angekündigt. Insgesamt sind Hunderte Arbeitsplätze betroffen. Die Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ erscheint am Freitag dieser Woche zum letzten Mal. Die „Frankfurter Rundschau“ hat Insolvenz angemeldet. Schon Ende September ist die „Abendzeitung Nürnberg“ nach 93Jahren eingestellt worden.

Allein die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ bedroht fast 500Arbeitsplätze. Bei den Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien, zu denen die „FTD“ gehört, stehen mehr als 300 betroffene Mitarbeiter vor einer ungewissen Zukunft. Der „Berliner Verlag“ („Berliner Kurier“, „Berliner Zeitung“) sieht sich zu der Einsparung von mindestens 40 Stellen gezwungen. Bei der Nürnberger „Abendzeitung“ wurden 35 Mitarbeiter arbeitslos.

Unterdessen sprach sich der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) dagegen aus, von einem „Zeitungssterben“ zu sprechen. Das Schicksal von „FR“ und „FTD“ sei nicht typisch für die Branche, sondern Folge unternehmerischer Fehlentscheidungen. Die Durchschnittsrendite von Zeitungsverlagen liege bei gut sechs bis acht Prozent, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken.

Merkel glaubt an Printmedien

Vor dem Hintergrund der drohenden Schließung mehrerer Zeitungen haben die Verleger steuerliche Erleichterungen für Printmedien gefordert. Der Staat sollte die Mehrwertsteuer auf Zeitungen abschaffen, sagte der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Helmut Heinen. Zeitungsabos sollten wie andere haushaltsnahe Dienstleistungen von der Steuerschuld abziehbar sein. „Wenn man Zeitungen helfen will, ist eine steuerliche Erleichterung besser als Subventionen“, sagte Heinen. Für das kommende Jahr sieht er eine Konsolidierung der Branche oberhalb des „ziemlich ungünstig verlaufenden Jahres 2012“.

Auch in der Politik hat die Zeitungskrise eine Debatte über die Zukunft der Printmedien ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte vorige Woche: „Ich halte die Printmedien für sehr wichtig. Lesen können ist noch einmal etwas anderes, als im Internet zu sein.“ Deshalb wünsche sie sich, dass neben der guten Entwicklung aller neuen Medien „auch die uns allen bekannte Zeitung, die Printmedien, die Zeitschriften, eine gute Zukunft haben“.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte, Zeitungen werde es immer geben, man wisse derzeit nur nicht, wie viele. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sprach sich gegen Subventionen für Zeitungen aus. Betroffen von den jüngsten Entwicklungen auf dem Zeitungsmarkt zeigte sich SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Man müsse sehen, wie ein hochwertiger Printjournalismus erhalten werden könne. In 20 bis 30 Jahren werde die gedruckte Zeitung wohl ein Nischenprodukt sein, sagte er.

Der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, warnte davor, das Heil alleine im Internet zu suchen: „Wo gibt es das Blogger-, Startup-, Nachrichten- oder Kommunikationsmodell, das auch nur ansatzweise funktioniert? Was ist wirklich geschehen mit der ,Demokratisierung von Information‘?“, fragte er vorige Woche in einem Zeitungsartikel, der seitdem auch im Internet intensiv diskutiert wird. Aus der „schönen neuen Informationsökonomie“, so Schirrmacher, seien bisher vor allem große Unternehmen wie Facebook, Amazon, Apple oder Google hervorgegangen. (dpa)