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Mittwoch, 28.12.2016

Landung im Leben

Sven Hannawald berät jetzt Unternehmen, kommentiert erneut Skispringen und spielt immer noch Fußball.

Von Maik Schwert

Wieder geht es hoch hinaus. Sven Hannawald steht auf der obersten Schanzen-Plattform in Garmisch-Partenkirchen.
Wieder geht es hoch hinaus. Sven Hannawald steht auf der obersten Schanzen-Plattform in Garmisch-Partenkirchen.

© picture alliance / dpa

Heute blickt er entspannt von der Olympia-Schanze in Garmisch-Partenkirchen in den Auslauf. Sven Hannawald gibt Seminare für Manager an dem Ort, an dem er sich am besten auskennt. Der ehemalige Skispringer arbeitet nun als Unternehmensberater. Er hält Vorträge, moderiert Talks und trifft sich mit Führungskräften an der Großschanze. Sie dient ihm sinnbildlich für vieles im Leben – nicht bloß in seinem.

„Beispielsweise, was für Ziele wir uns setzen und auf welchen Wegen wir sie erreichen“, erzählt der gebürtige Erlabrunner im SZ-Gespräch. „Wenn wir im Tal stehen, sehen wir: Je höher wir hinaus wollen, desto länger dauert es.“ Mit seinen Seminargruppen startet er unten und verzichtet auf den Fahrstuhl. Der 42-Jährige geht mit den Geschäftsleuten los. „Wir laufen die beschwerliche Treppe hoch.“ Zwischendurch sehen sie den Turm nicht mehr, weil der Aufsprunghügel den Blick versperrt. „Dann vertrauen wir darauf, dass unser Plan dennoch aufgeht, und halten an unserem Vorhaben fest.“

Also weiter. Und alle gemeinsam. „Klar gibt es die körperlich Fitteren, die schneller gehen könnten. Wir orientieren uns aber an den Langsameren und bleiben zusammen.“ Es geht ihm auch um Teamfähigkeit – und darum, die Unternehmer aus ihrem Berufs- und Büroalltag zu holen. „Daher veranstalten wir unsere Workshops nicht in Hotels.“ Dort würden sie lediglich in austauschbaren Räumen sitzen. „Wir gehen mit ihnen an die frische Luft.“ Das wirkt. Er guckt oben in Gesichter, die anders ausschauen. „Auf Vorher-Nachher-Aufnahmen würden wir den Unterschied sehen.“

Auf das Bauchgefühl verlassen

Hannawald spricht in der Wir-Form, weil er das, was er macht, nicht allein tut. Der Wahl-Münchner betreibt die Firma mit Sven Ehricht. „Ich habe ihn bei einer Veranstaltung kennengelernt und nach einigen Monaten gemerkt, dass es in die Richtung einer Unternehmensberatung geht.“ Ehricht kann ein Büro leiten und Hannawald seine Erfahrungen weitergeben. „Wir haben viel gequatscht.“ Er spürt: Es ist die richtige Entscheidung. „Das lässt sich nicht planen im Sinne von Stelle-Ausschreiben.“ Hannawald gehört zu den Leuten, die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Und der Vierschanzentourneegewinner von 2001/2002 zählt zu den Menschen, denen andere zuhören, da er eine Geschichte zu erzählen hat. Der Mannschafts-Olympiasieger von 2002 stößt auf offene Ohren, weil er sich öffnet wie bei seinem offensiven und öffentlichen Umgang mit Burn-out. Immer wieder fallen Begriffe wie Ehrgeiz und Perfektionismus sowie Gesundheit und Stress. Der vierfache Weltmeister weiß inzwischen: „Es war mein Anspruch, der mich krank gemacht hat.“ Er sei ein Grenzgänger und lebe nach dem Motto: „Wenn ich etwas mache, dann tue ich es richtig.“ Dieses entweder ganz oder gar nicht habe einerseits zu den Höhenflügen geführt, um die es bis heute in Interviews mit Medien und Menschen gehe.

Zum anderen sei es auch für seinen Absturz verantwortlich. „Burn-out hat mich einige Jahre meiner Karriere gekostet.“ Für die Rehabilitation bis zur Landung im Leben sei anschließend noch mal so viel Geduld, Kraft und Zeit notwendig gewesen – von ihm, seiner Familie und engsten Freunden. Seine Botschaft: öfter nach links und rechts schauen, mehr Urlaub nehmen, aus dem Stress und Trott ausbrechen.

Deutschlands Sportler des Jahres 2002 weiß, wovon er redet, und achtet auf die Balance. „Ich habe meine Sensoren, lebe in einer anderen Welt. Das Rad der inneren Unruhe dreht sich nicht mehr.“ Hannawald tritt, wenn nötig, auf die Bremse und erzählt das auch bei seinen Seminaren und Vorträgen. „Ich ermutige die Menschen dazu, auf ihren Körper zu achten. Er sagt ihnen schon, wenn etwas falsch läuft.“ Natürlich sei das schwierig herauszuhören. „Viele denken, dass sie immer funktionieren müssen. Das stimmt nicht. Abschalten und genießen können gehört dazu.“ Sonst macht es irgendwann peng wie bei ihm.

Seit Hannawald durch die Unternehmensberatung mit Ehricht eine neue Aufgabe hat, fällt es ihm leichter, sich wieder intensiver mit Skispringen zu beschäftigen. Das muss er auch. Schließlich arbeitet Hannawald jetzt als Experte bei Eurosport und mit Kommentator Matthias Bielek zusammen. „Ich freue mich am meisten darüber, dass ich seit Jahren wieder live vor Ort bin“, sagt Hannawald. „Ich kann mein Wissen einbringen und schwierige Situationen für die Zuschauer besser erklären.“ Er hat manche davon selbst erlebt.

Auch, dass die Vierschanzentournee bei ihm sogar über Olympia und WM steht. Der Grund: Jeder Skispringer muss sich in vier Wettbewerben beweisen. Ein guter Tag genügt nicht. Das macht sie so interessant und schwierig zugleich. Hannawald ist bisher der einzige Skispringer, der bei seinem Erfolg auf allen Schanzen gewonnen hat. Dieser Sieg ist jetzt gerade wieder präsent. „Die Leistung macht mich immer noch stolz.“ Wenn es ihm dieses Mal einer gleichtut, „dann gehöre ich zu den Ersten, die ihm herzlich gratulieren“.

Hannawald tobt sich inzwischen beim Fußball aus. Er spielt für den TSV Neuried. Der Einzelkämpfer fühlt sich in der Mannschaft wohl. Da erlebt er das Gefühl von Erfolg und Niederlage, den Reiz des Wettbewerbs. „Ein Team-Sieg fühlt sich für mich immer besser an als ein Solo-Triumph.“ Am schönsten sei das Mannschafts-Gold bei den Spielen in Salt Lake City gewesen. Der einst kranke Held ist gesund, hat den Absprung geschafft und neue Lust aufs Leben.