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Mittwoch, 04.04.2018

Lässt sich Stress wegatmen?

Er ist immer da, begleitet uns durch Tag und Nacht, und das ganz selbstverständlich. Doch die meisten Menschen machen sich ihren Atem erst bewusst, wenn ihnen die Luft wegbleibt. Therapiekonzepte, die den Atem in den Blick nehmen, können Abhilfe schaffen.

Von Stefanie Michel

Wie genau fühlt sich der eigene Atem eigentlich an? Das verdeutlicht Atemtherapeutin Gertrud Kutscher vom Institute for Breathexperience einer Klientin.
Wie genau fühlt sich der eigene Atem eigentlich an? Das verdeutlicht Atemtherapeutin Gertrud Kutscher vom Institute for Breathexperience einer Klientin.

© Robert Günther/dpa

Berkeley/Ulm. Der Atem versorgt den Körper mit Sauerstoff. Ohne Atem gibt es kein Leben. Aber nicht jeder atmet ganz nebenbei entspannt ein und aus. Bei manchen gerät der Atem ins Stocken. Bei anderen überschlägt er sich geradezu. Atemtherapeuten unterstützen Betroffene dabei, Blockaden zu lösen, so dass sie frei aufatmen können. Das hört sich ein bisschen nach Hokuspokus an - tatsächlich ist Atemtherapie aber ein zunehmend wichtiger Teil der Physiotherapie.

„Atemtherapie ist ein Pflichtfach in der Physiotherapieausbildung und gehört als Heilmittel zu den Leistungen der privaten und gesetzlichen Krankenkassen“, erklärt Dorothea Pfeiffer-Kascha, Vorsitzende der AG Atemphysiotherapie innerhalb des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Es gibt sie also auf Rezept - etwa für Lungenkranke oder Menschen mit angeborenen Krankheiten wie Mukoviszidose.

Immer häufiger sieht Pfeiffer-Kascha aber auch Patienten, bei denen keine Atemwegserkrankung hinter dem Atemproblem steckt. Ein typischer Fall: die junge Leistungssportlerin. „Die kommen und sagen, sie bekämen nicht genug Luft, um ihre Leistung abzurufen.“ Häufig hätten sie sich mit der Zeit ein unphysiologisches Atemmuster angewöhnt, weil sie zum Beispiel permanent den Bauch anspannen und unter hohem Wettbewerbsdruck stehen.

Pfeiffer-Kascha geht es zunächst darum, dem Patienten das Problem vor Augen zu führen. Dafür legt er sich auf den Rücken, legt beide Hände auf den Bauch und stellt sich einen schönen Geruch aus der Kindheit vor. Er atmet schnuppernd ein - die Bauchdecke bewegt sich in Etappen. „Da merkt er idealerweise: Aha, so fühlt sich Atmung vom Zwerchfell in Richtung Bauch an.“ Das sei der erste Schritt. Meist arbeitet die Therapeutin sechs Mal 20 Minuten mit ihren Patienten. Danach setzen sie die Arbeit selbst zu Hause fort.

Neben dieser Atemphysiotherapie gibt es noch eine andere Form der Atemtherapie. Manche sprechen von Atempädagogik. Eigentlich nehmen beide Konzepte die Art und Weise in den Blick, wie jemand atmet. „Allerdings orientieren wir Physiotherapeuten uns an Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie - es geht uns nicht primär um das Erleben des Atmens oder um Atmung als Entspannungsweg“, sagt Pfeiffer-Kascha.

Susanne Menrad-Barczok, Atemtherapeutin aus Ulm, richtet sich mit ihrem Angebot an alle, die sich näher mit ihrem Atem beschäftigen wollen. Sie ist selbst gegen Tierhaare allergisch. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war ihre Nase immer blockiert: „Die Atmung durch den Mund geht oft nur in den Brustbereich, während das Atmen durch die Nase schnell ins Zwerchfell und in die Tiefe geht.“

In Gruppen- oder Einzelsitzungen leiten Therapeuten wie sie Übungen im Sitzen, Stehen oder Liegen an. Dabei schwingen die Klienten zum Beispiel die Arme wie beim Schwimmen in moderatem Tempo. Das mobilisiert sämtliche an der Atmung beteiligten Muskeln - der Atem soll frei fließen können.

„Immer wenn der Atem zugelassen wird, spürt der Mensch Wohlbefinden“, sagt Jürg Roffler, Leiter des MIBE Institutes for Breathexperience in Berlin und Berkeley (USA). Er unterrichtet nach dem „Erfahrbaren Atmen“, einem Konzept, das die gelernte Gymnastiklehrerin Ilse Middendorf in den 1920er Jahren entwickelt hat. Demnach liegt die Quelle für individuelle Heilung im bewussten Empfinden der Atembewegung. Das Ziel: den Atem zulassen, ihn wahrnehmen und so mehr zu sich finden, innere Konflikte lösen, sich körperlich, geistig, emotional gesund fühlen.

In der Einzelbehandlung geht der Atemlehrer am Körper des bekleideten Klienten entlang, setzt Impulse, streicht die Füße und dehnt Muskeln aus, um den Atem in Körperregionen zu locken, in denen er sonst weniger präsent ist.

Die Arbeit am Atem soll aber nicht kontrollieren oder leiten. Menrad-Barczok und Roffler sind sich einig, dass Lösungen nur ohne Zwänge und individuell zu finden sind. „Wir geben keine Empfehlungen, wie Menschen richtig atmen können. Wir helfen den Menschen über den Atem, in sich selbst zu finden, was gut für sie ist“, stellt Roffler klar.

Das zu betonen, ist auch Physiotherapeutin Pfeiffer-Kascha wichtig. „Manche Menschen kommen zu mir und sagen, sie atmen bestimmt falsch. Aber niemand atmet falsch“, stellt sie klar. Manche Menschen hätten fraglos Probleme mit dem Atmen. „Aber die meisten gesunden Menschen atmen völlig natürlich - sie sollten dann auch nicht so viel darüber nachdenken.“

Dass es entspannend wirken kann, wenn man sich auf den eigenen Atem konzentriert - das würde wohl kaum jemand bestreiten. Neben atemtherapeutischen Konzepten arbeiten auch fernöstliche Lehren wie Yoga oder Entspannungstechniken wie die Achtsamkeitslehre damit. Bezahlen müssen Interessierte all diese Angebote allerdings selbst.

Auf Verordnung gibt es nur die sogenannte Krankengymnastik-Atemtherapie, durchgeführt von einem ausgebildeten Physiotherapeuten. Idealerweise hat er eine umfassende Fortbildung im Bereich Atemphysiotherapie absolviert, sagt Pfeiffer-Kascha. Die deutsche Atemwegsliga und der Verein Mukoviszidose etwa listen entsprechend ausgebildete Therapeuten auf. (dpa)