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Samstag, 09.01.2016

Kutscher fliegt dem Geld hinterher

Der Springreiter muss seinen Stall finanzieren – und dafür Zehntausende von Kilometern zurücklegen.

Von Maik Schwert

Marco Kutscher überquert auf Chamira beim Turnier in Aachen ein Hindernis. Ab Donnerstag startet der Springreiter bei der Partner Pferd auf dem Leipziger Messegelände.
Marco Kutscher überquert auf Chamira beim Turnier in Aachen ein Hindernis. Ab Donnerstag startet der Springreiter bei der Partner Pferd auf dem Leipziger Messegelände.

© dpa

Mechelen liegt hinter den Springreitern. Ab Donnerstag folgt Leipzig – als neunte von elf Stationen beim Hallenweltcup. Im Kalender von Marco Kutscher gehört die Partner Pferd zu den festen Terminen. Auf den großen Erfolg wartet er noch – anders als Christian Ahlmann, Rekordgewinner in Sachsens Messestadt mit vier Erfolgen und derzeit Führender in der bedeutendsten Serie des Winters mit drei Siegen. Auszeiten kennt die Tour durch West- und Mitteleuropa nicht.

Kutscher bestreitet eine Welttournee: La Coruna, London, Basel heißen die Reiseorte der vergangenen Wochen. Um seinen Stall finanzieren zu können, fliegt er zu so vielen Ereignissen wie möglich, denn mit den Turnieren in Deutschland sei das inzwischen ein bisschen schwierig, sagt der dreifache Europameister. Sportlich bieten sie zwar immer noch Weltklasse. Finanziell aber existieren anderswo deutlich lukrativere Veranstaltungen, beispielsweise in Doha, Peking und Verona.

Hierzulande gehören dazu bloß noch die vier größten Wettbewerbe in Aachen, Hamburg, Stuttgart und Leipzig mit 600 000 Euro Prämie und 2,2 Millionen Euro Budget. „Das ist ja kein Kleingeld“, sagt Veranstalter Volker Wulff. „Damit bilden wir auch nicht das Schlusslicht.“ Die Partner Pferd bleibt ein Zugpferd. Sportlich heißt der Vorreiter weiter Ludger Beerbaum. Bei ihm arbeitete Kutscher bis zum Sommer 2014. Seitdem betreibt er mit seiner Freundin Eva Bitter einen Stall. Jetzt ist der Niedersachse auch Unternehmer, und als solcher unternimmt er einiges, um seine Rechnungen auch jeden Monat bezahlen zu können.

Der 40-Jährige gewann 2015 internationale Prüfungen: im Freien die Großen Preise in Valkenswaard und Saint-Tropez sowie beim Auftakt in der Halle das Masters in Los Angeles. Er kassierte auch ordentlich: 340 000 Euro. Den Bonus aus dieser Geld-Serie von 500 000 Euro verpasste er in Paris. Mit einem Erfolg im Februar in Hongkong könnte er immerhin noch 250 000 Euro extra kassieren. „Klar ist das ein Ansporn“, sagt der Vater zweier Töchter. „So ein Jackpot kommt extrem selten vor.“

Wesentlichen Anteil an seinen Erfolgen hat Van Gogh. Seit Mitte 2014 reitet er den Hengst. Mit starken Auftritten in Leipzig möchte der zweimalige Olympia-Dritte von 2004 in Athen sich für das Weltcupfinale im März in Göteborg qualifizieren und Bundestrainer Otto Becker überzeugen – auch mit Blick auf die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro. „Ich muss einfach nur gut sein. Dann bekomme ich meine Chance“, sagt Kutscher, der derzeit lediglich zum B-Kader zählt. Bei der Heim-Europameisterschaft 2015 verzichtete Becker auf ihn. Es gibt hierzulande schlicht zu viele gute Springreiter. Acht gehören zum A-Kader. Vier bilden bei Championaten die Mannschaft. Einer hält sich als Ersatz bereit.

„Der Weltcup ist für die Springreiter immer noch der Höhepunkt der Hallensaison“, sagt Becker, hinter dem „ein interessantes Jahr“ liegt, „besonders natürlich mit der EM“, bei der das Team die Silbermedaille gewann. Daher achtet er in Leipzig besonders auf die Ritte seiner Besten. Die Partner Pferd sei ein tolles Ereignis. „Ich komme seit vielen Jahren regelmäßig dahin und bin an jedem Tag dort.“ Ihm gefällt das Programm mit 34 internationalen und nationalen Prüfungen für Amateure, Junioren, Youngster und die Weltelite.

Das Turnier auf dem Messegelände sei eines der besten Beispiele für das gute Ausbildungssystem in Deutschland. „Die Reiter sammeln wichtige Erfahrungen. Die Organisation ist klasse. Es gibt immer anspruchsvolle, faire Parcours. Das hat man nicht überall. Dieser professionelle Umgang kommt dem Nachwuchs später zugute.“ Die Veranstaltung habe sich seit 1998 ständig weiterentwickelt und sei immer ein toller Saisonauftakt. „Die Atmosphäre ist einmalig.“ Becker sehe jedes Mal wieder, wie Reiter ehrfürchtig durch die beiden Hallen gehen und einen Blick auf die Hindernisse werfen. Alle wollten da reiten. „Es ist ein Traditionswettbewerb, der Flair mit Qualität verbindet.“

40 Starter dürfen am Großen Preis teilnehmen, darunter zehn Deutsche. Neben den Plätzen, die sich aus den Positionen in der Weltrangliste ergeben, kann Becker einige Wildcards vergeben, eventuell an Kutscher. Ihm traut Becker die Rückkehr in den Championatskader zwar zu, aber: „Ohne kontinuierliches Arbeiten geht das nicht. Es gehört auch dazu, Selbstkritik zu üben und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob man gut in Form ist. Die Springreiter müssen außerdem akzeptieren, dass es mal Rückschläge gibt.“

Kutscher weiß das, Ahlmann auch. Bei den Sommerspielen 2008 in Peking fielen beide positiv auf: Ahlmann wegen Dopings bei Cöster und Kutscher aufgrund einer unerlaubten Medikation bei Cornet Obolensky. Der internationale Sportgerichtshof sperrte Ahlmann für acht Monate. Der nationale Verband schloss ihn für zwei Jahre von allen Kadern aus. Der Weltverband verurteilte Kutscher zu einer fünfstelligen Geldstrafe. Das Duo meldete sich anschließend eindrucksvoll zurück – Ahlmann noch mehr als Kutscher. Becker kennt sie besser als die meisten anderen. (mit dpa)

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