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Freitag, 19.08.2016

Kung-Fu küsst Klassik

Wenn zwei Powertänzer aufeinandertreffen, entsteht nicht nur Kunst – es fliegt auch mal ein Verlobungsring durch den Raum.

Von Dominique Bielmeier

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Magische Anziehung: Wenn Norbert Kegel und Mu-Yi Chen eine ihrer gemeinsamen Choreografien aufführen, wie hier auf dem Anger in Kötzschenbroda, bleiben die Leute stehen und machen Fotos. Die Energie, die beide im Tanz entfalten, wirkt in ihrem Privatleben weiter – manchmal auf kuriose Weise.
Magische Anziehung: Wenn Norbert Kegel und Mu-Yi Chen eine ihrer gemeinsamen Choreografien aufführen, wie hier auf dem Anger in Kötzschenbroda, bleiben die Leute stehen und machen Fotos. Die Energie, die beide im Tanz entfalten, wirkt in ihrem Privatleben weiter – manchmal auf kuriose Weise.

© Norbert Millauer

  • Magische Anziehung: Wenn Norbert Kegel und Mu-Yi Chen eine ihrer gemeinsamen Choreografien aufführen, wie hier auf dem Anger in Kötzschenbroda, bleiben die Leute stehen und machen Fotos. Die Energie, die beide im Tanz entfalten, wirkt in ihrem Privatleben weiter – manchmal auf kuriose Weise.
    Magische Anziehung: Wenn Norbert Kegel und Mu-Yi Chen eine ihrer gemeinsamen Choreografien aufführen, wie hier auf dem Anger in Kötzschenbroda, bleiben die Leute stehen und machen Fotos. Die Energie, die beide im Tanz entfalten, wirkt in ihrem Privatleben weiter – manchmal auf kuriose Weise.
  • Norbert Kegel und Mu-Yi Chen sind Muno-Productions.
    Norbert Kegel und Mu-Yi Chen sind Muno-Productions.
  • Für Stücke wie „Jedermann“ bei den Meißner Burgfestspielen machen sie nicht nur die Choreografie, sondern schlüpfen auch selbst in tänzerische Rollen wie hier als Gefährten des Todes.
    Für Stücke wie „Jedermann“ bei den Meißner Burgfestspielen machen sie nicht nur die Choreografie, sondern schlüpfen auch selbst in tänzerische Rollen wie hier als Gefährten des Todes.

Landkreis. Es begann mit einer Hebefigur, die bei der Probe einfach nicht klappen wollte. Damals, 2010, waren Norbert Kegel und Mu-Yi Chen beide als Tänzer an den Landesbühnen Sachsen engagiert. Für ihn war klar: Es liegt an ihr. Sie wusste: Er ist schuld. Aus einer Meinungsverschiedenheit wurde ein handfester Streit, eine Tür knallte, ein Rucksack flog über die Bühne. Es folgte ein Jahr kompletter Funkstille. An den Landesbühnen hatte man sich schon arrangiert, dass diese beiden besser nicht mehr miteinander tanzen sollten.

„Künstler eben“, sagt Norbert Kegel heute selbstironisch und lächelt die Frau an, die neben ihm vor dem Gasthaus Schwarze Seele in Kötzschenbroda sitzt. Lächelt ein bisschen länger als zwischen Kollegen normal ist. Mu-Yi Chen strahlt zurück. Nach einem Jahr des Anschweigens hatte sie genug und wollte sich aussprechen. Da hatte sie schon ihre Anstellung an den Landesbühnen gekündigt, wollte nach Berlin umziehen, auch wegen des Streits.

Sie trafen sich an einem Abend im Dresdner Citybeach, dem Stadtstrand an der Elbe. Chen wollte ihn endgültig davon überzeugen, dass sie recht hatte. „Aber dann kam so eine weiche Atmosphäre auf“, sagt sie und auch ihre Stimme wird weich. Die schöne Nacht. Das gute Getränk. Und eigentlich, so Kegel, denken beide ja total ähnlich. Aus der Feindschaft wurde das Gegenteil. Der Grundstein für „Muno-Productions“ war gelegt.

Der Name setzt sich zusammen aus den ersten Silben der Vornamen Mu-Yi und Norbert. Dahinter steckt das Baby der beiden, eine Fusion aus Theater, Event und Unterhaltung, aber auch eine Fusion aus zwei Welten: der von Mu-Yi Chen, 38, geboren in Taipeh und seit zehn Jahren in Deutschland, und der von Norbert Kegel, 35 und waschechter Dresdner. Sie, die Tochter eines berühmten Kalligraphiekünstlers, die als Kind keine Popmusik hören durfte, aber täglich die Schreibkunst üben musste, er, der in seiner Jugend auch Street- und Jazzdance am Tanzhaus Friedrichstadt lernte und später die Palucca-Schule besuchte.

Heute sind sie nicht nur ein Liebes-, sondern auch ein Tanzpaar und seit vergangenem Jahr Geschäftspartner: Bei Muno-Productions verwirklichen sie ihre Ideen als Choreographen und Tänzer, verbinden Kung-Fu oder Tai-Chi mit modernen Tanzformen, lassen Spitzenschuhe bedrohlich wie Waffen wirken, geben Tanzunterricht und bei Hochzeiten auch mal den DJ mit eigenem Equipment.

Das Arbeitsamt hat die Existenzgründung unterstützt, dafür mussten die beiden einen knallharten Businessplan schreiben – für einen Künstler, der vom Zufall und der Eingebung lebt, keine leichte Aufgabe. Doch mittlerweile läuft das Geschäft, die Tänzer finanzieren sich fast vollständig über ihre Aufträge, und das eigene Studio, das erst für 2018 im Plan stand, könnte schon jetzt kommen, nur vorerst eine Nummer kleiner.

Doch warum sich überhaupt selbstständig machen, gerade als Künstler, wenn man feste Engagements an den Landesbühnen oder dem Ballett der Chemnitzer Oper hat? Kurze Antwort: das Alter. Nicht nur weil der Körper die Belastungen als Profitänzer nicht ewig aushält – beide wollen nur noch bis etwa 40 ihre Choreografien selbst tanzen – sondern auch „weil man nicht mehr so naiv jung ist“, wie Norbert Kegel sagt. „Man hat langsam eine eigene Meinung“, ergänzt Mu-Yi Chen, „das war wie damals, als ich Taiwan verlassen habe. Du hast das Gefühl, jetzt brauchst du Mama nicht mehr.“

Dieses Gefühl verlässt sie jedes Mal, wenn sie im Rhythmus von zwei, manchmal auch erst von vier Jahren zurück in die Heimat fliegt. Das Gefühl, wieder anzukommen, das sei „wuuaah“. Als wäre das Leben in Deutschland nur ein Traum gewesen. „Ich gehe dann erst mal in mein Zimmer, mache alle Schränke auf und schaue die Dinge an, die mal meine waren: meine Bücher, meine CDs, den Zettel, den mir ein Nachbar geschrieben hat“, erzählt die 38-Jährige. „Als Zweites gehe ich auf die Toilette – dann weiß ich: Ich bin jetzt in Taiwan.“ Sie muss lachen.

Erst vor wenigen Wochen war sie zusammen mit Norbert Kegel zurück in Taipeh, fünf Wochen lang und zum großen Verdruss der gemeinsamen Katze Itchy, die in der Wohnung in Dresden-Pieschen zurückbleiben musste.

Ohneeinander geht heute nichts mehr. Wenn er abends mal zwei Stunden mit Freunden weggehe, käme von Mu-Yi schon die Handy-Nachricht „I miss you“ – Du fehlst mir, erzählt Norbert Kegel und die Überführte nickt lachend. Damals, als sie tatsächlich von den Landesbühnen nach Berlin wechselte, half Skype, die Entfernung zu überbrücken: Beide schliefen einfach neben dem geöffneten Telefonie-Programm auf dem Laptop ein, konnten sich vorher noch gute Nacht sagen.

Wie funktioniert das – sich ständig sehen, zusammenleben, zusammenarbeiten? „Ich weiß auch nicht, wie das geht“, gibt Norbert Kegel zu. „Aber es ist super.“ Wenn sie vergisst, in der Geschichte über ihr Leben eine wichtige Station zu erwähnen, dann fällt er ihr ins Wort oder hilft mit einem Begriff aus, den sie auf Deutsch nicht kennt. Sie schneidet dafür Grimassen und erzählt, wie sie ihn am Valentinstag „zwingen“ musste.

Zur Verlobung zwingen nämlich. Bisher ist es nur ein mündliches Versprechen ohne Hochzeitstermin. Ringe gibt es aber schon, an Chens Hand glänzt er silbern, Norbert Kegel hat seinen wegen der Proben an diesem Tag abgelegt. Seine Verlobte schüttelt in gespielter Empörung den Kopf.

Im Studio weicht diese Harmonie dem Geschäftssinn, der Leidenschaft für die gemeinsame Kunst. „Weil wir beide Perfektionisten sind, kommt bei der Arbeit ein bisschen knallharte Energie dazu“, sagt Kegel. Dann müssen sie schon einmal eine halbe Stunde Pause machen, bis sie sich wieder verstehen. Und manchmal reicht auch das nicht. Dann nimmt Mu-Yi den silbernen Ring vom Finger und wirft ihn quer durch den Raum. Später suchen sie ihn dann wieder. Gemeinsam.

Am Mittwoch geben Norbert Kegel und Mu-Yi Chen zum Dresdner Palais-Sommer eine kostenlose Tai-Chi-Stunde vor dem Japanischen Palais. Beginn ist 18 Uhr. Im Anschluss führen sie ihre neueste Choreografie auf.