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Samstag, 05.03.2016

Zwielicht im Zwinger

Der „Tatort“ aus Dresden schwelgt in Klischees über Sachsen und die Schlagerwelt – und verpasst eine große Chance.

Von Heinrich Maria Löbbers

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Kein neues Zwingertrio, sondern das Ermittlerteam im neuen Dresden-„Tatort“. Alwara Höfels (l.) als Henni Sieland und Karin Hanczewski als Karin Gorniak sind das erste Komissarinnen-Duo in der „Tatort“-Geschichte. Die Frauen setzen ihrem muffeligen Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) zu, der noch nicht in unserer Zeit angekommen ist.
Kein neues Zwingertrio, sondern das Ermittlerteam im neuen Dresden-„Tatort“. Alwara Höfels (l.) als Henni Sieland und Karin Hanczewski als Karin Gorniak sind das erste Komissarinnen-Duo in der „Tatort“-Geschichte. Die Frauen setzen ihrem muffeligen Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) zu, der noch nicht in unserer Zeit angekommen ist.

© MDR

Ein Lob für das Tatwerkzeug. Ein Mordopfer, das kaltblütig mit einer „Goldenen Henne“ erschlagen wurde, das hatten wir noch nicht. Gute Wahl.

So originell diese blutverschmierte Superillu-Trophäe als Waffe ist, so sehr zeigt sie gleichzeitig das Dilemma des neuen „Tatorts“ aus Dresden. Jedenfalls in der ersten Folge mit dem simplen Titel „Auf einen Schlag“. Die suhlt sich in Klischees, was man ihr leider übel nehmen muss. Klischees über den Osten zu strapazieren, ist längst selbst zum Klischee geworden. Das Gleiche gilt für die Schlagerbranche, die niemand mehr als gar nicht so heil outen muss. Hier aber kommt der Doppelschlag: Schlagerwelt in Ossiland – das mag zwar zum MDR passen, führt aber zum Overkill der Allgemeinplätze. Dumme Dirndl, verlogene Schlagerfuzzis, fiese Manager auf der einen Seite, auf der anderen sächselnde Jammerossis, „Wir sind das Volk“-Rufer und „Früher war alles besser“-Finder.

Die Versuchung, den neuen Krimi-Schauplatz zu überfrachten, war zu groß. Schließlich sollte es ja lustig werden. Und ist es manchmal durchaus auch geworden. Der Drehbuchautor Ralf Husmann, erfolgreich mit der Serie „Stromberg“, hat Dresden mit einer gehörigen Portion Münster gewürzt, sich aber gehütet, totalen Klamauk zu machen. Stattdessen ist es eine gewagte Gratwanderung geworden zwischen frecher Ironie und konventioneller Verbrecherjagd. Das könnte vielleicht sogar zum Markenzeichen dieser neuen „Tatort“-Variante werden, wenn die Balance irgendwann mal austariert ist. Der erste Versuch ist da noch ausbaufähig. Die Spannung hält sich eher in Grenzen und das Zwerchfell wird nicht überstrapaziert.

Showdown auf dem Elbdampfer

Immerhin aber ist die kriminologische Wiederentdeckung der sächsischen Landeshauptstadt weit entfernt von der Bräsigkeit der früheren Elb-Variante mit Peter Sodann und Bernd Michael Lade, die 1999 zu recht abgesetzt wurde. Auch gegen die verkrampfte Leipzig-Version mit Simone Thomalla und Martin Wuttke kann das neue Dresden bestehen. Bei einer Online-Ausschreibung für den „Tatort“-Schauplatz waren Dutzende Bewerbungen beim MDR eingegangen – von Görlitz bis Döbeln. Letztlich wurde es dann doch wieder Dresden – frustrierend für die Provinz und eigentlich eine langweilige Entscheidung.

„Tatorte“ sind immer auch Tourismuswerbung, so wundert es nicht, dass mit Sehenswürdigkeiten gewuchert wird: vor allem mit dem Zwinger, wo kurz vor einem Schlagerfest ein toter Sänger gefunden wird – Toni vom Duo „Toni und Tina“. In Verdacht geraten zwei zwielichtige Musikmanager, ein durchgeknallter Fan und diverse Konkurrenten aus der Hitparade. Der Täter wird schließlich auf einem Elbdampfer vor der Brühlschen Terrasse gestellt, zwischendurch gibt’s natürlich Semperoper, Frauenkirche und so weiter zu sehen und auch ein wenig Dresdner Neustadt.

Erstmals in einem „Tatort“ ermittelt ein Frauenteam, die Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels). Gute Idee. Zwei taffe, moderne Frauen mit „Arschlochallergie“ sind das. Selbstbewusst, aber irgendwie immer schlecht drauf, Typ nervige Emanze. Die eine alleinerziehend und überfordert mit ihrem pubertierenden Sohn, die andere eine liierte Karrierefrau mit unerfülltem Kinderwunsch. Muss es gleich wieder so klischeehaft sein?

Der Chef der beiden Frauen aber ist natürlich ein Mann – Kommissariatsleiter Michael Schnabel, der viel mehr Spaß hatte, als er noch mit Männern zusammenarbeitete und über Negerwitze lachen durfte. Der großartige Martin Braumbach spielt das altmodische, leicht trottelige, sympathische Raubein mit Herz auf der Zunge und Hang zum Schlager. Am liebsten hätte er, dass alles bliebe, wie es immer war. „Kommen Sie mal in unserem Zeitalter an“, fordern seine Kolleginnen, die ihn auf den Geschmack von laktosefreiem Latte Cinnamon bringen, kein Problem mit Schwulen haben und für Notfälle einen Joint in der Handtasche haben. Es ist das Leitmotiv des Films: Verunsicherung durch die moderne Welt, in der manche mit den Veränderungen nicht mithalten. Pegida lässt grüßen.

Das komplette Ermittlerteam ist allerdings nach Baukastenprinzip gebastelt. Da ist die übereifrige Praktikantin, der skurrile Pathologe und ein verklemmter Computerexperte – alles schon oft gesehen. Und Gags über miesen Bürokaffee sind mindestens so abgestanden wie der Kaffee selber.

Fast ohne Pegida

Der große Wurf ist dieser „Tatort“ nicht, aber Dresden wird sich auch nicht blamieren, wie vorab zu lesen war. Das Image der angeschlagenen Stadt retten wird er aber vorerst auch nicht. Immerhin ist man froh, dass Pegida nicht explizit vorkommt. Aber an jeder Ecke blühen Heimatstolz, Rückwärtsgewandtheit und Engstirnigkeit. Statt all der staubigen Klischees hätte man auch eine moderne, coole Atmosphäre zeigen können. Die Chance wurde vertan.

„Tatort: Auf einen Schlag“. Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Leser-Kommentare

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Insgesamt 9 Kommentare

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  1. Alex1980

    Dresden cool und modern? Mitnichten. Sogesehen passt der Tatort doch zur Stadt. "Heimatstolz, Rückwärtsgewandtheit und Engstirnigkeit", so sind nicht alle Dresdner, aber die Mehrheit. Manchmal tut es weh, einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.

  2. Johannes

    "Aber an jeder Ecke blühen Heimatstolz, Rückwärtsgewandtheit und Engstirnigkeit." Wenn dem so ist, hätte der Tatort aber sehr gut die Befindlichkeiten der Dresdner Mehrheit abgebildet. Dazu noch ein paar barocke Fassaden eingestreut und schon kann man sich wie im realen Dresden 2016 fühlen. Für eine "moderne, coole Atmosphäre" wird diese Stadt als Ganzes noch lange brauchen. Von daher: Bildungsauftrag erfüllt.

  3. Triac

    Alex und Johannes, da schaut Euch doch erst einmal den Film an, bevor Ihr hier Eure tiefschürfenden Kommentare abgebt. Heinrich Marias Einschätzungen und Kommentare waren für mich immer schwer nachvollziehbar.

  4. Das Vieh

    @1 und 2: Und meinen Sie mit einfallslosen modernistischen Banalklötzen, die sich nur modern schimpfen (und übrigens in Dresden noch und nöcher wuchern) wird's besser? Lachhaft! Hier wird immer so getan, als wäre Dresden ne unzerstörte Stadt wie Prag und als gäbe es keine Moderne zu besichtigen. Macht die Augen auf!

  5. Oldie - 88 -

    Ach, liebe Meckerer hier, stellt doch selbst einmal ein Drehbuch zusammen und/oder spielt als Komparsen oder sonstwie mit. Dann weiß man, wie schwer es ist, Menschen aller Gattungen zu unterhalten. Und wenn mal einige Mißtöne, von Verschiedenen so gesehen, auftauchen, so sollen doch Kritiker froh sein, dass es solche gibt, denn sonst hätten sie ja nichts Negatives zu schreiben. Also, Kommentatoren, ran an den Speck, selbst einmal ein Drehbuch schreiben und zwar so, dass keiner etwas zu meckern hat. Dann wäre Euch ein Pobel-Literaturpreis sicher. Sicher!

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