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Dienstag, 12.01.2016

Zu den Sternen

Eben erst setzte David Bowies neue Platte Maßstäbe. Jetzt ist der Musiker mit 69 Jahren gestorben und hinterlässt eine nicht zu schließende Lücke.

Von Andy Dallmann

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Mut zur Farbe: 1973 ließ sich David Bowie so fürs Konzeptalbum „Aladdin Sane“ ablichten. Am Sonntag ist der Popstar gestorben.
Mut zur Farbe: 1973 ließ sich David Bowie so fürs Konzeptalbum „Aladdin Sane“ ablichten. Am Sonntag ist der Popstar gestorben.

© cineliz/allpix/laif

  • Mut zur Farbe: 1973 ließ sich David Bowie so fürs Konzeptalbum „Aladdin Sane“ ablichten. Am Sonntag ist der Popstar gestorben.
    Mut zur Farbe: 1973 ließ sich David Bowie so fürs Konzeptalbum „Aladdin Sane“ ablichten. Am Sonntag ist der Popstar gestorben.
  • Bowie 1990 bei einem Konzert in London.
    Bowie 1990 bei einem Konzert in London.

Vielversprechend lief das Jahr aus rein popmusikalischer Sicht gerade an, und schon hängt es in tiefstem Trauerschwarz durch. Die Hoffnung, die David Bowie mit dem Album „Blackstar“ bei seinen Fans verbreitete, hatte er selbst wahrscheinlich längst nicht mehr. Während die Öffentlichkeit nur neuen Elan und das Ergebnis sprühender Kreativität registrierte, wusste Bowie genau, wie knapp seine Zeit wurde. Kein dauerhaftes Engagement für die Erneuerung des Pop, vielmehr ein letztes, nachhaltiges Zeichen: Zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag am 8. Januar, zwei Tage nach Veröffentlichung des Albums, ist der multitalentierte Künstler in New York gestorben.

Nicht nach kurzer, heftiger Krebserkrankung wie erst kürzlich Motörhead-Boss Lemmy Kilmister. Auf Bowies Facebook-Seite ist von einem 18-monatigen mutigen Kampf gegen die Krankheit die Rede, am Ende sei er im Kreise seiner Familie friedlich gestorben. Via Twitter bestätigte am Montag Bowies Sohn Duncan Jones diese Nachricht.

Damit sind innerhalb von zwei Wochen zwei Engländer fast gleichen Alters gestorben, die trotz extremer Unterschiede gleichermaßen prägenden Einfluss auf die populäre Musik hatten. Lemmy, der über 40 Jahre lang schnörkellosen Dampfhammer-Rock ’n’ Roll fabrizierte, mit seiner Geradlinigkeit und Stiltreue alle heute gültigen Maßstäbe sprengte. David Bowie wiederum testete seit den Sechzigern fast jede Sparte – außer Zwölftonmusik und Schlager – auf die Vereinbarkeit mit seinem jeweils aktuellen Image. Fast alles passte perfekt, nichts hat der Mann wirklich vergeigt. Ob er nun als androgyner Außerirdischer in den frühen Siebzigern Space-Rock spielte, in den 80ern Discopop und mit „Let’s Dance“ einen ungeliebten, aber immens erfolgreichen Hit ablieferte, mit Haarfarben, Bärten ebenso wie mit Elektro, Hardrock oder Jazz experimentierte – alles bei Bowie hatte Stil. Und kam so cool rüber, dass sich selbst notorische Meckerer lieber auf die Zunge bissen, als Selbige zu wetzen. Wer wirft sich schon einem Mann entgegen, der regelmäßig Trends setzt? Allerhöchstens Verrückte.

Keine Nachfolger in Sicht

Nun verarmt die Popszene zusehends. Typen wie Lemmy und Bowie, wirkliche Unikate, waren eh schon rar und werden immer seltener. Vor allem können unter den aktuellen Musikgeschäftsbedingungen keine tauglichen Nachfolger aufgebaut werden. Die Branche ist unter Druck, die stetig wachsende Macht der Streaming-Dienste fordert die übereilige Versorgung mit Hits und keine allmähliche Entwicklung von Talenten. Experimente? Lieber nicht.

Zudem ist Fantreue eigentlich nur noch etwas für die sehr reifen Konsumenten. Die immerhin können dafür sorgen, dass mutiges Ausprobieren dennoch zum Erfolg führt. Hatte es David Bowie bereits 2013 mit seinem Comeback-Album „The Next Day“ auf Platz eins der deutschen Charts geschafft, sah es bereits vor der Meldung von seinem Tod so aus, als würde sich das mit „Blackstar“ diese Woche wiederholen. Eine überaus verdiente (kommerzielle) Anerkennung der besonderen Leistung, die fällige Würdigung eines großartigen Werks. Dessen Vielschichtigkeit lässt jetzt schon ahnen, dass die mit Bowies Tod in die Musikszene gerissene Lücke nicht zu schließen sein wird. Welcher Popstar angelt sich schon ein paar wilde Jazzer, um mit denen ein Album aufzunehmen? Grundsätzlicher: Mit welchem Popstar würden ein paar wilde Jazzer schon freiwillig ins Studio gehen? Es ist ein Jammer, dass David Bowie diesen Trip nicht fortsetzen kann, es jammert die ganze Welt.

Politiker, Künstler trauern. Sogar der britische Astronaut Tim Peake, der gerade mit der Internationalen Raumstation ISS durchs All fliegt, meldete sich. „Traurig zu hören, dass David Bowie seinen Kampf gegen Krebs verloren hat – seine Musik war eine Inspiration für viele“, schrieb er. Manch einer hofft nun gar auf göttliche Hilfe. „Lazarus“, den Song auf dem aktuellen Album, den Bowie zuvor in seinem gleichnamigen Musical untergebracht hatte, nahmen Fans als Zeichen. So wie Jesus einst Lazarus vier Tage nach dessen Tod zurück ins Leben holte, möge nun Bowie flugs erweckt werden. Trotz extrem hoher Unwahrscheinlichkeitswerte: Irgendwie würde ein solches Wunder zu kaum einem Künstler so gut passen wie zu David Bowie.

Fixpunkte für die Trauernden

Kaum weniger tröstlich ist jedoch der Gedanke, er sei nun wie einst sein Songheld Major Tom abgehoben, um sich zwischen all den Sonnen einzuquartieren. Ein „Blackstar“, der nicht wie der ganze Sterne-Rest vor sich hin blitzt, sondern dunkel und nicht für jedermann leuchtet.

Irdische Fixpunkte für alle, die zum Trauern einen konkreten Ort brauchen, gibt es zudem genug. Ob vor seinem Geburtshaus in London-Brixton, in New York oder in Berlin-Schöneberg, wo Bowie von 1976 bis 1978 lebte, reihen sich bereits Blumen und Kerzen. In Sachsen bietet sich nichts Vergleichbares an. Zwar war Bowie bereits 1990 in Berlin-Weißensee und damit erstmals im Osten Deutschlands aufgetreten. Doch lediglich im Juni 1997 kam er für ein Konzert in den Freistaat, damals spielte er in der Leipziger Agra-Halle. In den vergangenen Jahren machte sich Bowie in der Öffentlichkeit und noch mehr auf den Bühnen rar. 2004 bestritt er seine letzte große Tour, in den folgenden zwei Jahren gab er nur jeweils ein Konzert in seiner Wahlheimat New York. Bereits dieser Rückzug bedeutete einen herben Verlust, inszenierte Bowie seine Shows doch stets mit derselben Perfektion wie sich selbst.

Wer übernimmt nun den Job des Stilbewahrers, des coolen Experimentators? Wahrscheinlich niemand. Bleibt also nur die Erinnerung – und etwas Hoffnung auf den Lazaruseffekt.

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