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Zeichen der Zeit

Kunst und Kitsch sind oft so eng beieinander wie Politik und Populismus.

28.04.2017
Von Werner J. Patzelt

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Professor Werner J. Patzelt.

© ronaldbonss.com

Zeichen setzen – für oder gegen etwas: Das scheint derzeit die beliebteste Form politischen Handelns zu sein. Genauer gesagt: des politisch gemeinten Handelns. Doch gut gemeint ist noch nicht gut getan. Deshalb verbürgt gut Gemeintes nicht den Erfolg in der Sache. Das gilt gleichermaßen für gut gemeinte Pro- und Gegendemonstrationen, für gut gemeinte Blockadeversuche gegnerischer Veranstaltungen, für gut gemeinte „Zeichen setzende Gewalt“ gegen Sachen oder Menschen.

Denn Politik besteht aus mehr als dem Signalisieren dessen, was man möchte oder ablehnt. Zu ihr gehören das Erkennen und präzise Beschreiben von Problemen, die zutreffende Erklärung von deren Zustandekommen, vernunftgeleitetes Abschätzen realistischer Problemlösungsmöglichkeiten, die Entscheidung über ratsame Maßnahmen, und vor allem: umsichtig-lernwilliges Handeln entlang gut bedachter Entscheidungen.

Gewiss kann Zeichensetzen hilfreich sein für das Erkennen von Problemen, den Ausschlag geben bei der Auswahl von Handlungsalternativen, den Durchhaltewillen fördern beim Umsetzen von Entscheidungen. Doch ohne zutreffende Problemdiagnosen und ohne darauf gegründete Therapieempfehlungen bleibt das Setzen von Zeichen selbstzweckhaft. Dann dient es eher der Beruhigung des eigenen Gewissens als der Verbesserung übler Zustände. Deshalb erlahmt es leicht, wenn das Gewissen beruhigt und der Spaß am politisierenden Zeichensetzen konsumiert ist. Doch es kommt nicht darauf an, die Welt mit gut gemeinten Zeichen zu garnieren, sondern darauf, sie zu verändern.

Zwar ist es ehrenwert, wenn Künstler sich in ihrer Bürgerrolle ans politisch gemeinte „Setzen von Zeichen“ machen, beherrschen doch gerade sie den Umgang mit Zeichen. Überhaupt ist lobenswert, wer den Schritt ins politische Engagement durch das „Setzen von Zeichen“ wagt, etwa mit Lichterketten oder Sprechchören, denn es beginnt auch die längste Reise mit dem ersten Schritt.

Doch dem sollte die Einsicht beigemischt sein, dass man so nur in den Vorhof von Politik, noch nicht aber zur ihr selbst gelangt. Und dass es geradewegs in den Populismus führt, wenn man aus dem Alltag mitgebrachtes Meinen auch schon für eine gut begründete politische Position hält – und in den politischen Kitsch, wenn man dergleichen auch noch künstlerisch überhöht.