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Freitag, 04.03.2016

Wozu Gutmenschen gut sind

Moralprediger können nerven. Doch wir sollten ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen.

Von Werner J. Patzelt

Der Autor: Werner J. Patzelt ist Gründungsprofessor des Instituts für Politikwissenschaft an der TU Dresden.
Der Autor: Werner J. Patzelt ist Gründungsprofessor des Instituts für Politikwissenschaft an der TU Dresden.

© dpa

Gehört es sich für anständige Leute, „besorgte Bürger“ zu sein? Schließlich will ein guter Mensch auch nicht als „Gutmensch“ gelten! Der simuliert nämlich ein weiches Herz, um andere knallhart ins Unrecht zu setzen. Und ein „besorgter Bürger“ bildet sich Übles ein, um Schlimmes tun zu dürfen. Beispiele gefällig?

Vielleicht haben wir es mit herabsetzenden Untertönen übertrieben. Vielleicht stört uns bloß, vom Trott des Dahinmeinens aufgeschreckt zu werden. Da kommt uns der eine mit Maßstäben, die wir bloß für unsere Neujahrsvorsätze brauchen. Und der andere ruft, es gehe nicht weiter wie bislang, obwohl es doch noch immer gut gegangen ist. Nervig, solche Typen. Und aggressiv – der eine auf die Art des Schulmeisters, der andere auf die des Rüpels. Ob man sich da entscheiden muss? Gewiss nicht zwischen beiden. Doch schon zwischen Zuhören und Durchzug.

Nichts ist falsch daran, auf die Sorgen eines anderen zu hören, ja sogar auf seine Vorurteile zu achten und seine Verrücktheiten kennenzulernen. Denn oft lebt man mit ihm zusammen: in der gleichen Stadt, im gleichen Land, auf dem gleichen Globus. Was einen Eritreer oder Afghanen besorgt macht, geht uns also sehr wohl an – spätestens dann, wenn er die Sorgen daheim lässt und zu uns kommt. Was unsere Mitbürger besorgt macht, geht uns erst recht an. Spätestens dann, wenn sie in der Wahlkabine darüber mitbestimmen, wer mit wem wie verlässlich regieren kann.

Nichts ist auch daran falsch, auf gute Menschen zu hören – oder immerhin auf solche, die Gutes zu sagen haben und nachvollziehbare Gründe dafür vorbringen, warum etwas gut oder schlecht ist. Derlei muss uns ja nicht gefallen, kann aber dabei helfen, über das hinauszudenken, was uns sonst so einfällt. Solch Gutes kann schon auch überfordern. Doch an den Sternen orientiert sich der Seemann eben nicht, um zu ihnen aufzufahren, sondern um den richtigen Kurs zu halten.

Beide brauchen wir deshalb, die „besorgten Bürger“ und die „Gutmenschen“. Was wir aber nicht brauchen können, ist wechselseitige Verachtung. Oder ritualisiertes Zanken, das die Umstehenden nicht besser macht, sondern nur besorgt. Wie jene zwei, die sich hier fortan im Wechsel hoffentlich hilfreiche Gedanken machen, nachdem sie unfruchtbaren Streit hinter sich gelassen haben. Und zwar gerade auch solchen um „besorgte Bürger“.