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Wortwaffen

Es gibt Begriffe, gegen die kann man sich nicht wehren. „Umstritten“ zum Beispiel.

04.08.2017
Von Werner J. Patzelt

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Professor Werner J. Patzelt.

© ronaldbonss.com

Waffenwörter? Das sind Kommunikationswaffen. Zwar taugen die meisten Wörter so wenig zum Angriff wie Steine gegen anfliegende Raketen. Es braucht schon solche Wörter, gegen deren Wirkung man sich kaum wehren kann. Beispiele sind heutzutage „Rassist“, „rechtslastig“, „umstritten“. Letzteres ist ein besonders wirkungsvolles Waffenwort.

Auf den ersten Blick wirkt „umstritten“ so harmlos wie eine Gewehrpatrone ohne Gewehr. Das Wort bezeichnet ja nicht mehr als einen Sachverhalt, der vorliegen kann – oder eben nicht. Wenn beispielsweise die krebsauslösende Wirkung einer Substanz umstritten ist, dann ist die Information über jenes umstrittene Krebsrisiko in noch unbekannter Weise wahr oder falsch. Über derlei Ungewissheit durch das Wort „umstritten“ in Kenntnis gesetzt, kann man sich nun mit angemessener Vorsicht verhalten. Gut so.

Doch sobald sich „umstritten“ auf einen Menschen bezieht, legt das Wort einen anderen Gedanken nahe. Den nämlich: Es wird schon seinen guten Grund haben, warum dieser Kerl umstritten ist! Sogleich kann diese Wortwaffe durch Andeutungen dahingehend geladen werden, der „Umstrittene“ wäre nun einmal von zweifelhafter Gesinnung oder tue Zweideutiges. Und abgedrückt wird die Kugel durch Hinweis darauf, jener Kerl gelte zumal bei vernünftigen, aufgeklärten, sich in Wort und Tat korrekt verhaltenden Menschen als „umstritten“, d.h. bei solchen, denen doch gewiss auffallen wird, wenn jemand schuldhaft vom Pfad des Richtigen abweicht.

Ins Ziel leitet man das Angriffsgeschoss dann durch Zuschreibung von derlei „Umstrittenheit“ vor solchen Leuten, die zu jenen redlichen und guten Menschen gehören wollen. Ihnen wird jetzt nämlich klar, welcher Abgrund sie vom „Umstrittenen“ trennt. Also hält man sich besser von diesem fern, falls man nicht bald selbst „umstritten“ sein will. Mache nun jeder die Probe aufs Exempel. Man muss nur bei Google nach „umstrittenen Politikern“ oder nach „umstrittenen Wissenschaftlern“ suchen. Was löst es dann in einem aus, wenn man einen nicht persönlich bekannten Menschen als „umstritten“ bezeichnet findet?

Aha! Und wer seine Empfindungen nun redlich klärt, der wird erkennen: Auch solche Wörter müssen nicht „unschuldig“ sein, die man selbst ohne Arglist verwendet. Es reicht, dass sie Waffenwörter sind.