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Dienstag, 10.01.2017

Wo die Liebe hintanzt

Kaum hat „La La Land“ bei den Golden Globes abgeräumt, startet das herzige US-Musical auch schon in Deutschland.

Von Oliver Reinhard

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Können zwar nicht ganz so gut tanzen und singen wie Ginger Rogers und Fred Astaire, sind aber ebenso umwerfend und viel berührender: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian in „La La Land“.
Können zwar nicht ganz so gut tanzen und singen wie Ginger Rogers und Fred Astaire, sind aber ebenso umwerfend und viel berührender: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian in „La La Land“.

© dpa

  • Können zwar nicht ganz so gut tanzen und singen wie Ginger Rogers und Fred Astaire, sind aber ebenso umwerfend und viel berührender: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian in „La La Land“.
    Können zwar nicht ganz so gut tanzen und singen wie Ginger Rogers und Fred Astaire, sind aber ebenso umwerfend und viel berührender: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian in „La La Land“.
  • Ging in Hollywood leider leer aus: Maren Ades Tochter-Vater-Dramödie „Toni Erdmann“ mit einer teilweise hüllenlosen Sandra Hüller.
    Ging in Hollywood leider leer aus: Maren Ades Tochter-Vater-Dramödie „Toni Erdmann“ mit einer teilweise hüllenlosen Sandra Hüller.

Das wäre doch mal was: Statt morgens auf dem Weg zur Arbeit sagen wir mal auf der A 4 zwischen den Abfahrten Dresden-Neustadt und -Flughafen im Stau zu sitzen und sich schwarz zu ärgern – einfach aussteigen und singen und tanzen, gerne auch auf den Motorhauben benachbarter Autos! So fröhlich und bunt, so launig und herrlich beginnt jedenfalls „La La Land“. Jener Musikfilm von Damien Chazelle, der in der Nacht zum Montag bei den GoldenGlobe-Verleihungen der Hollywoodpresse gleich sieben Preise abräumte, was es noch nie zuvor gegeben hat. Das Musical gilt als der Kandidat schlechthin für die Oscars und startet schon diesen Donnerstag auch in den deutschen Kinos.

Zauberhaftes Kinovergnügen

Zwar träufelt die Preisverleihung einen Wermutstropfen in die Gemüter einheimischer Filmfans: Maren Ades hinreißende Tochter-Vater-Dramödie „Toni Erdmann“ blieb trotz vieler europäischer Filmpreise in Los Angeles unausgezeichnet und dürfte, da sie nicht von der NS-Zeit oder der Stasi oder von beidem erzählt, auch auf den Auslands-Oscar eher geringe Chancen haben. Aber „La La Land“ ist ein wirklich zauberhaftes Kinovergnügen und funktioniert auch als Trostspender famos.

Doch um es vorwegzunehmen: Obwohl viele Kritiker in dem zweistündigen Augen- und Ohrenschmaus die Wiedergeburt der großen Hollywoodmusicals der Dreißiger und Vierziger im Geiste von Fred Astaire und Ginger Rogers lobpreisen – genau das ist er trotz der verheißungsvollen Anfangsszene nicht.

Weil „La La Land“ keineswegs auf die Überwältigungstaktik durch Massenaufgebote von perfekt Singenden und perfekt Tanzenden in grotesk üppigen Kulissen setzt. Vielmehr bebildert Regisseur und Autor Damien Chazelle eine kleine Geschichte um die große Liebe zweier gänzlich normaler Menschen, die vom Erfolg als Künstler träumen. Auf eine Doppelcharakterstudie in bezaubernden Kostümen und quietschbunten Szenerien mit Helden, die zwar gut, aber mitnichten umwerfend singen und tanzen können. Mit Songs, die teilweise sehr schön sind, aber wohl nicht gleich eine Weltkarriere als Ohrwürmer antreten werden; Justin Hurwitz ist eben weder ein Andrew Lloyd Webber noch ein Hans Zimmer noch ein Alexandre Desplat. Was ja wiederum ein großer Vorteil ist.

Die Idee hatten Chazelle und sein Komponist Hurwitz schon vor zehn Jahren, als die beiden noch Studenten an der Elite-Universität Harvard waren. Es dauerte, bis sie Produzenten von ihrem altmodischen Konzept überzeugen konnten. „Im heutigen Hollywood ein originelles Musical anzubieten, war nicht einfach“, gibt Chazelle zu. „Es war auch nicht leicht, den Leuten klarzumachen, dass mein ehemaliger Mitbewohner aus der Uni die gesamte Musik schreiben sollte.“ Erst als die beiden keine Nobodys mehr waren und für ihr Jazz-Psycho-Drama „Whiplash“ 2015 drei Oscars holten, konnten sie den Weg ins „La La Land“ mit Geld und Möglichkeiten ebnen. Und mit dem Glücksfall, dass Emma Stone und Ryan Gosling, die schon in der Komödie „Crazy Stupid Love“ als Liebespaar bestens funktionierten, Zeit für und Lust auf die Hauptrollen hatten.

Stone spielt Mia, jung und hübsch, aber etwas einsam und frustriert. Obwohl sie Talent besitzt, bleibt sie stecken als ein Halm von vielen im Sumpf der ewig auf Hollywood Hoffenden, hat ein Vorsprechen nach dem anderen, kriegt aber nie mehr als Winzrollen und muss sich weiter als Servicemädchen verdingen. Auch Gosling bekommt „seinen“ Sebastian extrem geschmeidig in den Griff. Was nicht zuletzt daran liegt, dass er Schauspieler und zugleich erfahrener Musiker ist und in die Rolle des chronisch abgebrannten, aber vom eigenen Klub träumenden Jazzpianisten förmlich hineingleitet.

Wo sie sich schon mal begegnen, natürlich mit Hindernissen, scheint die Verliebtheit, die ebenso zart und witzig wie hemdsärmelig erzählt und gespielt ihre Fäden zwischen den beiden hin- und herspinnt, nur folgerichtig. Schließlich träumt jeder von ihnen den gleichen Traum. Schließlich ist es mit dem Träumen wie mit jedem Genuss: Er verdoppelt sich, wenn man ihn teilt. Ihr zunächst in kleinen Gesten, Blicken und Witzen, dann in Taten und Worten immer vehementer heraufdämmerndes Glück wird im unaufdringlichen, aber innigen und in keinem Moment nach Routine klingenden Spiel von Stone und Gosling förmlich mit dem Herzen greifbar. Und berührt, ohne rührselig zu werden.

Wenn die Liebe zur Prüfung wird

Mit derselben unaufgesetzten Stino-Glaubwürdigkeit lassen die beiden auch jene Wolken über Mia und Sebastian aufziehen, die ihre Liebe zur Prüfung werden lässt. Anders als ihre Träume können sie den Erfolg, der sich irgendwann natürlich einstellt, nicht miteinander teilen. Was sie verbindet, beginnt irgendwann, sich zwischen die beiden zu schieben.

Klingt banal? Keine Sorge: ist es nicht. Zu famos spielen Emma Stone und Ryan Gosling, zu witzig und gehaltvoll sind die Dialoge, zu erstaunlich die Einfälle und zu bunt ist die Fantasie von Autorenfilmer Damien Chazelle. Sein Kino bereitet auf ebenso unterhaltsame wie kluge Weise jede Menge Freude. Vielleicht macht den Großteil des Erfolges auch dieser besondere Charme aus: Trotz aller Besonderheiten bleibt „La La Land“ sympathischerweise auf dem Teppich.