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Wir Volk – ihr Volksverräter!

Allein durch Selbstbestätigung unter Freunden wurde noch nie ein Gegner überzeugt.

20.01.2017
Von Werner J. Patzelt

– ihr Volksverräter!
SZ-Kolumnist und Politikwissenschaftler Werner Patzelt.

© Ronald Bonß

Es hat schon etwas, als Katholik vor Katholiken zu predigen, als Sozialdemokrat vor Sozialdemokraten. Vermeidet man dabei Streitpunkte und betont Verbindendes, so findet das Gesagte rasch Widerhall. Manchmal entsteht gar eine Wohlfühlspirale zwischen Redner und Publikum, werden Wonnen glückender Rhetorik zum Kollektivgenuss – jedenfalls in der Gruppe der Beglückten. Und gewiss unter Ausgrenzung von anderen, die anderes verbindet und andere Reden begeistern.

Was aber geschieht zwischen solchen Gruppen, die sich am je eigenen Besonders-Sein berauschen? Etwa so: Wir die Guten, ihr die Bösen! Wir die besorgten Realisten, ihr die versifften Ideologen! Wir die Reflektierten, ihr das Pack! Wir das Volk, ihr die Volksverräter! Dann wachsen wechselseitige Verachtung und Provokationslust, ja Verfeindung samt der Neigung zur Gewalt. Wäre es da nicht besser, verbal abzurüsten, sich auf sinnvolle Diskursregeln einzulassen, an ihnen entlang das Gespräch zu suchen – und eben auch zwischen Leuten aus Gruppen, die einander nicht mögen?

Leider geht das nicht immer. Wenn ein Vernagelter auch noch aggressiv wird, ein Verbohrter stolz ist auf Dummheit, ein anderer den Diskurs nutzt als Falle für Gesprächsbereite: Dann muss man guten Willen fahren lassen. Nur ist damit noch nicht die Herausforderung bestanden, sich gegen Gruppen solcher Leute durchzusetzen. Wenn diese die freiheitliche demokratische Grundordnung aktiv bekämpfen, kann man sie zwar verbieten – einen Verein der Innenminister, eine Partei das Bundesverfassungsgericht. Und Inlandsgeheimdienst samt Polizei können aufklären oder eingreifen, wenn da im Verborgenen gegen die pluralistische Demokratie agiert wird.

Doch soll man, bis es so weit kommt, einfach unter sich bleiben? Über die anderen klagen, gegen sie demonstrieren, doch nichts von deren Aussagen an sich herankommen lassen? Sich nur wechselseitig stärken im Glauben an die eigene Sache? Gehörte sich denn nicht auch der argumentierende Nahkampf mit Anführern der Gegner, das Ausgehen auf deren Niederlage vor Publikum, die Erschütterung des Glaubens und Zutrauens ihrer Anhänger?

Es wird schon so sein, dass man bei solchen Kämpfen nicht jede Runde gewinnt und sich Schrammen holt. Doch allein durchs Reden mit Freunden wurde noch nie ein Gegner bezwungen.

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