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Donnerstag, 06.03.2008

Wir suchen, so viel ist sicher

Eine Schau im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden verhandelt den Umgang mit dem Glück.

Von Gregor Kunz

Die Frage nach dem Glück ist immer auch Teil der Antwort – „Glück – welches Glück“. Und die Antworten kommen aus den Gründen der Existenz. Meschac Gaba, der die sieben Bildräume der gestern im Dresdner Hygiene-Museum eröffneten Ausstellung entworfen hat, und Kuratorin Claudia Banz glauben jedenfalls, „dass es wirklich existiert“, auch wenn es eine Illusion zu sein scheint. Diese Grundannahme schlägt sich nieder in der Wahl der rund 400 Objekte aus Kunst- und Kulturgeschichte, in steter Zugewandtheit, in einem durchgehend warmen Ton. Die dunklen und kalten Seiten des Themas bleiben dabei präsent, je nach Ort und Stand der Verhandlung mehr oder minder deutlich lesbar. Ausgespannt zwischen Sein und Haben ist das Glück eine Menschheitskonstante, ist es als Möglichkeit und Antrieb immer vorhanden. Sicher freilich ist nur eins: An die Sterblichkeit gebunden, ist Glück etwas, das nicht dauern kann.

Utopien in weißen Schachteln

Der erste Raum widmet sich der Liebe, dem Glück zweier Menschen und dem Glück der Menschheit. Eine Art Laube versammelt Äußerungen der Kunst zu Liebe und Sex, zu Gelingen und Scheitern: Edward Munchs erschrockene Eifersucht und Rodins Kuss beispielsweise, Knäuelbildungen aus Antonionis Filmklassiker „Zabriskie Point“, ein Rubbelvideo und einen uralten Spiegel. Im durchsichtigen Regalsystem drumherum stecken die Utopien in weißen Schachteln – Marx, Verne, Huxley unter anderem – und in einem massiveren Regalbau sind mit Glaubensbedarf und Verkündung die Religionen vertreten. Religion und Utopie zielen aufs Ganze, ihr Verhältnis zum individuellen Glück ist zwiespältig. Gemeinsam ist ihnen das „Später“, aber auch, dass sie Glück möglich machen. Glück ist Glück.

Der folgende Raum heißt „Restaurant“ und verhandelt Essen und Wanderungen, das Streben nach Materiellem, die Verteilung von Reichtum, Macht und Zufriedenheit. Zentralstücke sind hier die Häkelarbeit eines nicht essbaren „Buffet“ von Patricia Waller, das irre Agieren der Börsianer in der Videoinstallation „Middlemen“ von Aernout Mik und eine Weltkarte des Glücks. Letztere weist Kolumbien als eines der glücklicheren Länder der Welt aus.

Zwischen Extremsport und Musik haben die Neuronen ihren dunklen Raum. Eine Hirnkarte bildet den Boden, auf dem ein Herz liegt und ein Hirn eigenfüßig herumläuft. Drei Tische mit einfachen Wunschstücken drauf – Schokolade, ein Bild, ein Liebesbrief, zwei Stücken Körper, Blumen – sind Steuerpulte des nicht Steuerbaren. Wird eins der Dinge berührt, verbinden Leuchtbahnen diverse Hirnorte, setzt sich das Hirn blinkend in Bewegung und blubbert das Herz. An den Rändern dieser Installation von Meschac Gaba werden Belohnungssysteme, Rezeptoren, Süchte und Orgasmen verhandelt. Die Sache hält zwischen Lehrveranstaltung und Spiel schön die Waage. Drückt man einen Knopf, ertönt Beifall, Jubel, oder auch eine Klospülung. Die Flux Smile Maschine von George Maceanas, eine Maulsperre fürs zeitgeistige Dauergrinsen, gibt den Kommentar dazu. Ein Raum zum Streicheln und Liebhaben.

Unheimlich präsentieren sich Körper und Schönheit unter dem Aspekt des Terrors von Maß und Norm. Der Raum ist als Schönheitssalon aufgemacht, als ein Aufmarsch der Mittel, ein Niederschlag der Konkurrenzen, des blutigen Handwerks: Wer schön sein will, muss leiden. Die beigesellten Wünsche nach Lebensverlängerung, gar Unsterblichkeit verstärken die Unheimlichkeit noch. Unsterblichkeit für wenige ist eine Horrorvorstellung, Unsterblichkeit für viele ist ein Albtraum.

Glasziegel, die Geldscheine enthalten, bilden den Endpunkt, ein Labyrinth, das Fortuna heißt. In seinen Kammern lagern Glücksformeln und Spiele, Ratgeber, Unfälle und Katastrophen, Amulette und Zufälle. Die Schachtel in der Schachtel, Joseph Beuys „Intuition“, ist tatsächlich eine, die Götter drumherum feixen. Hirnstromgesteuert rollt ein Ball oder Fortunas Kugel und feiert das Nichtdenken oder, wenn man so will, die kollektive Intelligenz. Die Glücksprophezeiungsmaschine von Susanne Weirich projiziert Tarotkarten auf den Besucher und sondert Zitate ab. Genauso funktioniert ein Orakel: mit Gerede, das entscheiden hilft. Der Optimist Leibniz und der Pessimist Schopenhauer wechseln Worte und haben recht. Welches Glück suchen wir? Wir suchen, so viel ist sicher.

Ausstellung „Glück – welches Glück“

bis 2. November, Deutsches Hygiene-Museum Dresden in Kooperation mit Siemens Arts Program, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden, geöffnet Dienstag bis Sonntag von

10 bis 18Uhr, Begleitbuch 19,90 Euro

Begleitprogramm: www.dhmd.de/glueck