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Freitag, 19.05.2017

„Wir machen Popmusik mit Charakter“

Erasure, die Helden der Achtziger, bringen ein neues Album heraus und spielen bald mit Robbie Williams in Dresden.

Machen sich demnächst auf den Weg nach Dresden: Andy Bell (l.) und Vince Clark spielen mit Erasure beim DDV-Stadionkonzert von Robbie Williams im Vorprogramm.
Machen sich demnächst auf den Weg nach Dresden: Andy Bell (l.) und Vince Clark spielen mit Erasure beim DDV-Stadionkonzert von Robbie Williams im Vorprogramm.

© Mute

Das neue Album von Andy Bell (53) und Vince Clark (56) heißt „World Be
Gone“, und es klingt – im Gegensatz zum Dance-orientierten Vorgängerwerk „The Violet Flame“ wieder sehr nach den klassischen Erasure, die Ende der Achtziger mit Welthits wie „Sometimes“ oder „Always“ zu den erfolgreichsten Popgruppen aus Europa zählten. Viele der neuen Songs sind in eher langsamem Tempo gehalten, Bells Stimme kommt sehr schön zur Geltung, und auch inhaltlich ist die Platte so relevant wie zeitlos. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung spricht Andy Bell über Donald Trump, Botschaften im Pop und das Älterwerden.

Andy, Sie werden mit Robbie Williams im Dresdner DDV-Stadion auftreten. Freuen Sie sich auf die Riesenshow?

Einerseits ja, andererseits habe ich ein bisschen Bammel davor. Wir haben vor zwanzig Jahren zuletzt in Stadien gespielt, und das war nicht so toll.

War das nicht mit David Bowie?

War es. Aber irgendwie kamen wir bei seinen Fans nicht besonders gut an. Das war mitten in Bowies Rockphase, und wir waren jeden Abend aufs Neue verwundert, wie homophob das Publikum damals zum Teil war. Wir sind guter Dinge, dass es mit den Robbie-Fans besser laufen wird.

Robbie ist neuerdings ein Ernährungsfreak und achtet auf seine Figur. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Ein wunder Punkt. Auch ich mag mein Sofa sehr gern. Immer, wenn ich nicht auf Tournee bin, gehe ich auseinander. Sobald ich nicht arbeite, neige ich zu einer gewissen Lethargie. Dann muss ich mich jedes Mal wieder in Form bringen, was mit der Zeit nicht einfacher wird. Man will ja gut aussehen, wenn man auf der Bühne steht.

Wie sieht Ihr Programm aus?

Ich habe das Gym anderthalb Jahre lang nicht mit dem Arsch angeguckt, aber nun wurde es unvermeidlich. Ich habe eine Freundin gefragt, ob sie mit mir in den Zumba-Kurs geht, das hatte ich vorher noch nie probiert, aber es sah lustig aus. Ich muss sagen, es ist okay. Dieses Herumgehüpfe ist die richtige Dosis Sport für mich. Als ich meinen jetzigen Partner Stephen kennenlernte, bin ich mit ihm oft Gewichte stemmen und rennen gegangen. Puh. Was macht man nicht alles, um seinen neuen Freund zu beeindrucken …

Handelt „Sweet Summer Loving“ vom neuen Album von Ihnen beiden?

Voll und ganz. Das ist ein glücklicher Song über meinen Partner und mich. Er erinnert mich an die Soulfunkballaden aus den Siebzigern, an Bands wie The Stylistics. Das Lied ist ein Dankeschön an Stephen. Als Paul, mein langjähriger Ex-Partner, gestorben war, erschien Stephen auf der Bildfläche, der gerade eine ähnliche Erfahrung mit seinem Vater gemacht hatte. Ich sah ihn aus den Augenwinkeln und dachte: Wer ist dieser Mensch? Ich spürte, dass er mal einen tiefen Abdruck in meinem Leben hinterlassen würde. Auch bei Paul war meine Reaktion damals sehr ähnlich. Offenbar ist es ein gutes Zeichen, wenn meine erste Reaktion „Was für ein komischer Kerl“ ist.

Ihr Partner lebt in Miami, Sie leben überwiegend in London. Wollen Sie nicht ganz rüberziehen nach Florida?

Keine Lust. In Miami bin ich meist so zwischen Oktober und Januar, das reicht mir. Das ganze Jahr Sonne brauche ich nicht. Und die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen, um komplett überzusiedeln, scheint mir gerade auch keine supertolle Idee zu sein.

Machen Sie sich Sorgen wegen Donald Trump?

Man weiß es nicht. Eine meiner guten Freundinnen in Miami ist die Drag-Queen Elaine Lancaster, sie ist mit den Trumps befreundet und findet ihn richtig gut. Sie sagt immer: Wartet doch erst mal ab. Trump ist für mich eine typische Person des Internetzeitalters. Er ist amoralisch, was für mich etwas anderes bedeutet als unmoralisch. Er hat einfach keine festen Werte, dreht sein Fähnchen nach dem Wind. Er misst die Qualität seiner Politik nach der Schockwirkung, die sie auslöst. Gut finde ich das natürlich nicht, aber ich glaube, seine Persönlichkeit ist nicht so fürchterlich, wie sie oft dargestellt wird.

Still It’s Not Over“ ist ein sehr ernster Song über Homosexuellenrechte. Was hat das Stück inspiriert?

Vinces und meine Erinnerungen an unseren Aufenthalt in San Francisco 1988. Wir waren noch sehr jung und nahmen an einer Demo teil, die für mehr Anteilnahme an dem damaligen Massensterben an Aids sorgen sollte. Wir waren im Rathaus, wurden geehrt, und dann laufen wir im berühmten Castro-Viertel herum und sind nur am Heulen. Es war gruselig und deprimierend, so viele Todgeweihte und Sterbende lebten damals dort, es brach uns das Herz. Wir können nicht glücklich genug darüber sein, dass das heute so viel besser geworden ist.

Der Song ist aus der damaligen Sicht geschrieben. Sie sind selbst HIV-positiv, soweit gesund und am Leben, können heiraten und Kinder adoptieren.

O ja. Seitdem ist unglaublich viel passiert. Ich finde das großartig. Aber wir können uns unserer Rechte nie ganz gewiss sein. Sie können weggenommen werden mit einer einzigen Unterschrift. Und von einer weltweiten Akzeptanz jeglicher Sexualität sind wir immer noch weit entfernt. In manchen Kulturen wird das wohl auch nie passieren. Trotzdem finde ich es supertoll, dass die allermeisten Jugendlichen in der westlichen Welt heute ohne Vorurteile durch die Welt gehen. Die Rechte, für die wir hart kämpfen mussten, sind heute ganz selbstverständlich.

Würden Sie zustimmen, dass die Platte wieder sehr nach den Erasure von früher klingt? Und war das eine bewusste Entscheidung?

Ich bekenne mich in beiden Punkten schuldig. Manche Leute meckern jetzt, die Platte sei nicht tanzbar oder poppig genug, aber das ist Vince und mir egal. Wir machen Popmusik mit Charakter. Heute haben doch so viele Künstler nichts mehr zu sagen, Pop ist oft nicht sehr relevant. Da möchten wir gern einen etwas anderen, wertigeren Akzent setzen.

Sie sind jetzt 53, haben Ihr gesamtes Erwachsenenleben als Sänger von Erasure mitten im Popbetrieb verbracht. Wie kommen Sie da mit dem Älterwerden zurecht?

Das ist okay für mich. Ich mag es nicht, älter auszusehen, meinen Eltern im Spiegel entgegenzublicken. Ich weiß die Schönheit der Jugend zu schätzen, aber interessiert habe ich mich immer schon mehr für ältere Menschen. Ich versuche, mir die Naivität der Jugend zu bewahren und zugleich die Intelligenz des Alters dazuzugewinnen … Das klappt mal mehr und mal weniger.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: Erasure, World Be Gone. Mute

Das Konzert: Am 26. Juni spielen Erasure ab 19 Uhr im DDV-Stadion Dresden im Vorprogramm von Robbie Williams. Karten dafür gibt es in den SZ-Treffpunkten, unter 0351/48642002 sowie unter www.sz-ticketservice.de.