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Freitag, 04.02.2011

„Wir dürfen nie aufhören, Fragen zu stellen“

Tschechische Schüler schreiben ein Buch über die Vertreibungen nach 1945 und über Verbrechen, die dabei mancherorts an den Deutschen verübt wurden.

Von Steffen Neumann

Die Stimmung im fast vollen Kino der nordböhmischen Stadt Postoloprty ist aufgeladen. Das liegt nicht nur daran, dass die Anwesenden in der Mehrheit junge Menschen sind und unter den Gästen auch der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg ist. Es liegt vielmehr am Anlass: Schüler aus vier Gymnasien stellen das Ergebnis ihrer fast zweijährigen Spurensuche vor, die sie an Orte führte, an denen zwischen 1938 und 1945 Verbrechen begangen wurden. Und das Ergebnis ist das zweisprachige Buch „Tragische Erinnerungsorte – Ein Führer durch die Geschichte einer Region“.

Gefoltert und getötet

Fast auf den Tag vor 65 Jahren wurde mit der organisierten Ausweisung rund drei Millionen Deutscher aus der Tschechoslowakei begonnen. Postoloprty ist einer dieser tragischen Erinnerungsorte, die dem Buch seinen Namen gaben. Bis 1945 vorwiegend deutschsprachig besiedelt, war das damalige Postelberg Schauplatz eines der schlimmsten Massaker der Nachkriegsgeschichte. Mindestens 1000 Deutsche wurden im Juni 1945 durch Armee und Revolutionsgarden gefoltert und getötet.

„Wir konnten nicht ahnen, dass sich acht Kilometer von unserer Heimat entfernt so grausame Ereignisse abgespielt haben“, sagt der 20-jährige Vladimir Chlouba. Er ist Schüler im Gymnasium von Louny. Im Geschichtsunterricht spielte das Thema „Vertreibung der Deutschen“ bisher keine Rolle. „Wie auch, wenn nicht einmal ihr Geschichtslehrer davon wusste“, sagt Zdenek Zakutny und meint sich selbst. Er nimmt seine Schüler in Schutz. Dass über die Ereignisse von damals Schweigen herrscht, zeigte sich auch während des Geschichtsprojekts. „Wir haben nur schwer jemanden gefunden, der mit uns reden wollte, und wenn, dann haben sie es sich später anders überlegt“, bestätigt Chlouba.

Seit er und seine Mitschüler sich für die Ereignisse zu interessieren begannen, hat sich dennoch einiges getan. Das Massaker von Postoloprty ist inzwischen durch die Medien bekannt geworden. Die Stadt selbst hat eine Gedenktafel aufgestellt. Doch für Chlouba war die persönliche Sicht entscheidend. „Wir waren in der ehemaligen Kaserne, der Fasanerie, wo die Verbrechen begangen wurden, und haben mit Zeitzeugen gesprochen. Das hat mein Geschichtsverständnis verändert“, sagt er.

Das Buch schließt eine Lücke im allgemeinen Wissen, aber keine im speziellen der Geschichtswissenschaft. Wer etwas über die Vertreibung der Deutschen erfahren will, kann auf zahlreiche Veröffentlichungen auch in tschechischer Sprache zurückgreifen. „Wir wollten die Jugendlichen in die Lage versetzen, die große Geschichte im Kleinen zu begreifen und eine Beziehung zu ihrer Heimat aufzubauen“, sagt der Historiker Ondrej Matejka, der das Projekt begleitet hat. „Wir möchten gern zeigen, dass Geschichte aus konkreten Geschichten besteht und je nach Standpunkt Veränderungen unterworfen ist.“ Dass dies ausgerechnet zu einem Thema geschieht, das auch heute noch vor einseitigen Betrachtungen nicht gefeit ist, macht das Buch wertvoll.

Wie schwierig die Aufarbeitung der Nachkriegsverbrechen in Tschechien ist, zeigte sich bei der Buchpräsentation selbst. So wollte eine Frau von Außenminister Schwarzenberg wissen, ob die Dekrete des früheren tschechischen Präsidenten Edvard Benes, die die Ausweisung der deutschen Bevölkerung festschrieben, weiter gültig blieben. Der Außenminister zog sich auf die offizielle Formel zurück, dass jene Dekrete bereits tot sind und keine Rechtskraft mehr entfalten. Nicht nur der Historiker Ondrej Matejka würde sich da eine klarere Ablehnung wünschen. Insbesondere was das berüchtigte Gesetz 115 betrifft, das nach Kriegsende an Deutschen verübte Straftaten unter Generalamnestie stellte.

Unschuldig und schonungslos

Dass die tschechische Gesellschaft bereits weiter ist, zeigt nicht zuletzt das Buch „Tragische Erinnerungsorte“, das Außenminister Schwarzenberg mit seiner Schirmherrschaft aufwertet. Die Schüler aus Usti, Kadan, Chomutov und Louny versammeln eine Fülle von Material, das auch weit weniger bekannte Geschehnisse als das Massaker von Postoloprty in Erinnerung ruft. Und es widmet sich nicht nur der Vertreibung der Deutschen, sondern auch dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Nordböhmen. Die Klammer des Ganzen ist die Spurensuche der Schüler. Sie ist nicht vollständig und auch nicht immer ausgewogen, aber sie gibt spannende Einblicke in ihre Arbeit.

„Ich habe so einiges in diesen zwei Jahren gelernt, besonders aber die Fähigkeit, Geschichte kritisch zu betrachten. Wir dürfen nie aufhören, Fragen zu stellen“, resümiert Vladimir Chlouba. Es ist schon viel zur Vertreibung der Deutschen geschrieben worden, aber sicher nicht so unschuldig und schonungslos zugleich wie von den 80 tschechischen Gymnasiasten.