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Freitag, 19.02.2016

„Willkommenskultur ist ein zynischer Begriff“

Die deutsch-iranische Schriftstellerin Shida Bazyar über Integration und Sprache, über Heimat und ihren ersten Roman.

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© Symbolfoto: dpa

  • Shida Bazyar wurde in Deutschland geboren, wird aber ständig gefragt, wo sie eigentlich herkommt.
    Shida Bazyar wurde in Deutschland geboren, wird aber ständig gefragt, wo sie eigentlich herkommt.

Stärker integriert geht es nicht: Shida Bazyar kam 1988 in Hermeskeil zur Welt, ein Jahr nachdem ihre Eltern aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet waren. Sie studierte Literarisches Schreiben, veröffentlichte Kurzgeschichten, war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Heute arbeitet sie als Bildungsreferentin in Berlin. In Kürze erscheint Bazyars Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“, eine Geschichte über Flucht und Integration einer iranisch-deutschen Familie.

Frau Bazyar, Sie sind hier geboren, haben einen deutschen Pass, sprechen und schreiben Deutsch. Fragt man Sie trotzdem oft, woher Sie kommen?

Ja, ständig und in den verschiedensten Kontexten. Oft sofort, nachdem ich jemanden kennengelernt habe oder wenn mir eine Kellnerin den Kaffee bringt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich nie sicher vor den Fragen nach meinem Namen und meiner Herkunft bin. Es scheint noch immer sehr kompliziert in Deutschland zu sein, ein z und ein y im Namen zu haben.

Das klingt etwas genervt …

Ich könnte damit klarkommen, wenn es eine spontane Bemerkung wäre, vergleichbar mit einer, die besonders große Menschen ständig zu hören bekommen. Wenn ich allerdings sage: Ich bin Deutsche, und trotzdem wird nachgefragt: Ja, aber woher kommst du denn wirklich?, dann werden persönliche Grenzen überschritten. In Ländern wie Australien kommt so etwas nicht in diesem Ausmaß vor. Dort ist man Australier, egal wie man heißt oder aussieht.

Also existiert doch keine deutsche Willkommenskultur?

Im Sommer 2015 stand dieser Begriff für eine gute, wichtige Dynamik, die über eine schwierige Situation hinweggeholfen hat. „Kultur“ würde allerdings bedeuten, dass das Willkommen eine feste Instanz ist, und davon kann keine Rede sein. Für mich ist „Willkommenskultur“ deswegen auch ein sehr zynischer Begriff. Nicht nur weil Flüchtlingsheime brennen, sondern auch, weil ich noch vor fünf Jahren überhaupt nicht das Gefühl hatte, dass Flüchtlinge hier willkommen sind. Ständig wird Integration gefordert, aber selbst wenn sich die Menschen bemühen, heißt es später oft: So richtig deutsch bist du doch nicht.

In Ihrem Roman beschreiben Sie, wie eine gebildete Familie aus dem Iran flüchtet und in Deutschland ein neues Leben aufbaut. Wie nah ist diese Geschichte an der Ihrer Eltern?

Die Fakten und das grobe biografische Paket meiner Eltern sind sehr nah am Roman, mehr aber auch nicht. Meine Eltern waren in der iranischen Revolutionsbewegung von 1979 aktiv und flüchteten 1987. Ein Jahr später kam ich zur Welt. Im Roman wird die Tochter bereits in Iran geboren. Natürlich habe ich neben eigenen Recherchen viel im Familienkreis über die Revolution in Iran gesprochen und von meinen Eltern erfahren, wie es war, als Asylbewerber in Deutschland zu sein, ohne ankommen zu dürfen. Beim Schreiben habe ich mich allerdings schnell davon verabschiedet, auf meine Familie zu gucken.

Warum?

Wie die meisten Menschen eignen sich meine Verwandten eher nicht als Romanfiguren. Aber das war nicht der Hauptgrund. Vielmehr wollte ich wissen, was ich mit meiner Fantasie aus den Fakten entwickeln kann. Das war der größte Spaß, der wichtigste kreative Prozess. Letztlich hat das Buch also nicht viel mit meiner Familie zu tun. Es könnte auch die Geschichte vieler anderer Familien sein, die – egal woher – nach Deutschland geflüchtet sind.

Sie erzählen aus vier Perspektiven auf vier Zeitebenen. Wieso haben Sie sich für diese Form entschieden?

Mein Grundkonzept war von Anfang an, unterschiedliche Stimmen und Generationen über Flucht und Integration sprechen zu lassen. Dass der politische Vater im Kapitel über die Revolution 1979 die Hauptrolle spielt, war klar. Ebenso wie die Perspektive der selbstbewussten emanzipierten Ehefrau, die sich 1989 in Deutschland zurechtfinden muss. Beide Figuren sollten nicht die typische Opferhaltung von Flüchtlingen haben. Dass deren Kinder von ihren Erlebnissen 1999 und 2009 erzählen, hat sich beim Schreiben ergeben. 2009 stand für mich wegen der grünen Revolution in Iran als Schlusspunkt fest.

Wann waren Sie zuletzt in Teheran?

Vor drei Jahren. Das war ein Touristinnenurlaub mit meiner Mutter, in dem ich nebenbei auch für den Roman recherchiert habe. Es war wahnsinnig schön. Wir sind durchs Land gereist, haben historische Gebäude besichtigt, Führungen mitgemacht und sind abends beseelt ins Hotelbett gefallen. In vielen Gesprächen mit Iranern habe ich aber auch mitbekommen, welche Probleme die Menschen haben.

Könnten Sie sich vorstellen, im Iran zu leben?

Überhaupt nicht. Nach dem Abitur habe ich eine Zeit lang mal überlegt, ob ich ein Praktikum in Teheran machen soll. Aber dann habe ich mich ganz bewusst dagegen entschieden. Trotzdem fühle ich mich dem Land natürlich eng verbunden.

Haben Ihre Eltern versucht, diese Verbundenheit aufrechtzuerhalten?

Meinen Eltern war beides wichtig: die persische und die deutsche Kultur, da gab es keine großen Unterschiede. Bei uns fanden immer viele große Feste statt, erst Weihnachten, dann drei Monate später das persische Neujahr. Für ein Kind gibt es im Kopf ja ohnehin nicht die Abgrenzung, was Persisch oder Deutsch ist, das war alles ganz selbstverständlich.

Gibt es eine Heimat für Sie?

Ich gehöre zu der Generation, die mit diesem Begriff nicht viel anfangen kann. Ich kenne das Wort aus Geschichten, Romanen und Bilderbüchern, aber es hat nichts mit mir zu tun. Was mit Heimat gemeint ist, war bei mir noch nie an Orte gekoppelt, sondern mehr an mich selbst oder Menschen um mich herum.

Interview: Günter Keil

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 19,99 Euro