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Montag, 07.03.2016

Wie viel Dresden steckte in diesem Dresden-Tatort?

Singende Sachsenmädel und sächselnde Schlagerfans. Ein regionaler Faktencheck.

Von Heinrich Maria Löbbers

66 Wie fanden Sie den Tatort?

Dreharbeiten im Zwinger. Das Kronentor taucht immer wieder auf im Dresden-Tatort. Touristen werden künftig auf Spurensuche gehen.
Dreharbeiten im Zwinger. Das Kronentor taucht immer wieder auf im Dresden-Tatort. Touristen werden künftig auf Spurensuche gehen.

© MDR/Andreas Wünschirs

Viele Jahre musste Dresden ohne Tatort auskommen. Nach einem Leipziger Zwischenspiel wird jetzt wieder in der Landeshauptstadt ermittelt.Wie war‘s?

Der Barock-Faktor

Mord im Zwinger: Das wird die Fremdenführer freuen, Touristen werden fragen, wo die Leiche lag. Und warum das Glockenspiel anders klingt als im Film. Stadtrundfahrt mit Altstadtpanorama ist beim Tatort meist inklusive, diesmal sogar per Straßenbahn. Schon nach drei Minuten waren die wichtigsten Sehenswürdigkeiten durch. Wie schnell doch eine Verfolgungsjagd aus dem Zwinger über die Brühlsche Terrasse auf einem Elbdampfer landen kann. Aber sie wurde ja nicht für Einheimische gedreht. Eine unmotivierte Autofahrt in die Neustadt, ein abgeranzter Plattenbau, ein Allerweltseinkaufszentrum. Dresden könnte so viel mehr.

Der Dresden-Faktor

Die entscheidende Frage ist, vermittelt so ein Tatort über das Stadtbild hinaus etwas vom Lebensgefühl der Stadt? In diesem Fall leider gar nicht. Es tauchen nicht mal typische Dresdner auf. Der Schlagermuff und das Gejammer vermitteln den Eindruck rückwärtsgewandter Engstirnigkeit. Kann Dresden nicht auch mal eine moderne Stadt sein?

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Der Sachsen-Faktor

Immer dasselbe: Ernsthafte Figuren reden Hochdeutsch, die Deppen sächseln. Der Dialekt lässt sich offenbar nicht ernst nehmen. Da ist der völlig überzeichnete Hartzer und Hardcore-Schlagerfan aus dem Plattenbau mit Mutti im Nacken – eher eine traurige Figur. Immerhin klingt sein Sächsisch nicht notdürftig einstudiert.

In der Schlagerwelt blüht die Sachsentümelei. Selbst die ausgeleierte Volksweisheit gibt noch einen Gag her: „Die schönsten Mädchen kommen aus Sachsen, auch wenn sie nicht auf den Bäumen wachsen“, trällert das „Sachsenmädel“. Und: „Wer braucht New York, wenn man auch Zwickau haben kann. Wer mal in Dresden war, muss nicht nach Amsterdam.“ Typisch sächsische Selbstüberschätzung. Wie stellt der schmierige Manager vom Sachsengold-Entertainment fest: „Der Sachse an sich sieht am liebsten andere Sachsen.“

Der Ossi-Faktor

Rollo, Raiko, Maik – gibt’s solche Namen eigentlich nur im Osten – immerhin war keine Mandy oder Peggy dabei. Zünftig gejammert wird trotzdem im „Tatort“-Osten. Früher war alles besser: „Da war Volksmusik noch fürs Volk und da waren wir das Volk.“ Dann kam die neue Zeit: „Alles, was von hier kam, war nix mehr wert und wollte keiner mehr.“ Tausendmal gehörte Ost-Klischees. Fehlte eigentlich nur noch irgendwas mit Stasi.

Der Schlager-Faktor

Roland Kaiser gehört so sehr zu Dresden wie die Eierschecke. Aber statt Kaisermania gibt’s Musikantenstadl im Zwinger. Unvorstellbar, das würde einen Aufschrei geben in der Kulturstadt. Die Dirndl der feschen Madln und die Lederhosen über strammen Wadeln wirken fremd. Das Duo „Toni und Tina“ kopiert Stefanie Hertel und Stefan Mross, die „Herzensbrecher“ und das „Sachsenmädel“ verkörpern Verlogenheit und Lächerlichkeit, Goldene Henne, Achim Menzel & Co machen das Bild komplett. Im verantwortlichen Sender MDR würde sich keiner wundern über Liedtexte wie: „Mein Sachsen, hier bin ich geboren, mein Sachsen, hier gehör‘ ich hin.“ So stellt sich die Welt da draußen wohl den Freistaat vor.

Der Pegida-Faktor

„Alles wird immer unsicherer. Männer heiraten Männer, überall gibt es Moslems und Moscheen“, so offenbart sich zum Schluss die Schlagersängerin und stellt fest: „Die Leute wollen, dass es noch ein Eckchen gibt, wo sich nichts ändert.“ Sind das schon Pegida-Gedanken? Das Unbehagen gegenüber unüberschaubaren Entwicklungen und zu viel Weltoffenheit spielt jedenfalls eine Rolle. Da liegt der Tatort vielleicht gar nicht so falsch. Zum Glück gibt’s aber keine expliziten Pegida-Szenen. Die nerven schon genug im wahren Leben. Nur Insider werden vielleicht bemerkt haben, dass einer der Statisten schon mal von einer Pegida-Bühne gesprochen hat. Im Film taucht er nur ein paar Sekunden auf – ausgerechnet als Vertreter der Lügenpresse.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 66 Kommentare

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  1. Bernd Ringhof

    Man hätte es sich denken können: Ein "Tatort" aus Dresden - da ist die Darstellung von Land und Leuten wichtiger, als alles andere. Jedenfalls für die Lokalpresse. Daß der "Tatort" - abgesehen von einem einfachen "Whodunit" - Themen aufgenommen hat, die nicht auf Dresden beschränkt sind: WTFC ? Mir hat das Darsteller-Team gefallen: Moderne und unmoderne Frauen, ein verschnarchter Vorgesetzter, irgendwann dann wieder der Bezug zum Leben, in dem eben nicht alles Tralala ist. Schimansky brüllte damals "Scheiße" über Duisburg, jetzt verzweifelt die Ermittlerin Sieland über der erschlagenen Kollegin: "Fuck". Was das mit Dresden zu tun haben soll, wollen nur die Dresdner wissen. Damit sie wieder sagen können:" So sin wa aba nischd. Wirglisch !" Nur: Wer will´s wissen ?

  2. M.H.

    Wie fand ich den Tatort?: "Ich habe den Fernseher angeschaltet, und da war er!" ..Und genau so, mein Eindruck, sollte Dresden dargestellt werden. Meine Frau: "Das sind doch keine professionellen Schauspieler...". Ich habe es als medialen Bombenangriff auf Pegida empfunden. Hat man bezüglich Outfit des Kommissars, der per excellence eine Beamtenseele aus vergangener aber nie überwundener Zeit mimte, ein vor 26 Jahren verplombtes DDR Kellerverlies mit Originalrequisiten geöffnet? Meine Hoffnung wäre, dass man dort wenigstens ein paar unfrisierte Akten gefunden hätte, die Antworten zu offenen Fragen bezüglich so mancher Politiker-Vergangenheit würden geben könnten, derer die heute immer noch kräftig moralisierend, als hätten sie die Demokratie erfunden, dick im Geschäft sind. Kommissarinnen, deren Klamotten auch das Thema "unterbezahlte Näherinnen in Ostasien" abarbeiten. Müde Ermittler, die im weißen Overall am Tatort mit dem Pausenbrot herumkrümeln - für so blöd hält man uns also...

  3. Fragender

    Ein "Schlag ins Gesicht der Sachsen", die dies auch noch bezahlen (MDR-Produktion-öffentlich rechtlich). "Wunderbar" wie die Sachsen als "Dumpfbacken" überzeichnet worden und damit dem Erwartungsbild, welches Bürger aus den "alten Bundesländern" von uns haben sollen, um von den eigenen Problemen abzulenken (tolle hessische Kommunalwahl) voll entspricht. Ganz "toll", die in bayerischen Trachtenlook (Lederhose-wo rennt jemand bei uns so rum?) auftretende "Männerband Herzensbrecher", die Volksmusiksängerin mit dumfbackigem Text im Trachtendirndl (wo gibts das in Sachsen?) sowie als Krönung des Ganzen der Volksmusikfan und "typische Sachse", Walter Ungerland - das Ganze grenzt schon arg an Hetze gegen die Menschen, die in Sachsen leben. Aber die hoch dotierten MDR-Verantwortlichen habe ihre "Heimat" sicherlich anderen Orts und Frau Wille wurde vermutlich erfolgreich umgepolt. PS: Der Ungerland (Specht) hat seine Rolle übrigens gut gespielt, wäre aber besser beraten, abgelehnt zu haben.

  4. Hochländer

    Das war der erste und der letzte Tatort aus Dresden, den wir uns angesehen haben. Nur Klamauk und nichts dahinter. Von einer ordentlichen Kriminalhandlung ---Fehlanzeige. Da gibt es weitaus bessere Tatorte.

  5. Ein Dresdner

    Der gestrige Tatort war sicherlich der letzte, den ich mir angesehen habe. Seit langem beobachte ich die Oberflächlichkeit mit der Themen behandelt werden. Selbst wenn man der Meinung ist, aktuelle Politik, Geschehnisse einfließen zu lassen, dann bitte doch mit Hintergrund und nicht mit propagandistischen Parolen, egal von welcher Seite. Das gab es schon mal.

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