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Montag, 12.02.2018

Wie liegt die Stadt so wüst

Der Kreuzchor gedenkt der Zerstörung Dresdens mit Mauersberger und Mozart.

Von Jens Daniel Schubert

Es ist eine gute Tradition. Am Sonnabend vor dem 13. Februar zur Vesperzeit gibt es mit dem Kreuzchor ein Gedenkkonzert. Auch in diesem Jahr begann es mit Rudolf Mauersbergers „Wie liegt die Stadt so wüst“. Es ist eine eindringliche Trauermotette, die mit den Klagegesängen des Jeremias die Schuld der Zerstörung in der menschlichen Überheblichkeit, in menschlicher Schuld sieht. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen heute das Gedenken an die Zerstörung Dresdens vom Erinnern an deutsche Kriegsschuld lösen wollen, ist es doppelt beeindruckend, wie der Kreuzkantor bereits 1945 Trauer und Mahnung in Klang gegossen hat.

Der zweite Teil des Gedenkkonzertes war die Aufführung des Mozart-Requiems. Der lateinische Text der Totenmesse ruft zwei Dinge in Erinnerung: Die Endlichkeit und Unvollkommenheit des Lebens finden Erfüllung in der Unbegrenztheit danach, die der Christ in Gott sieht. Und wenn man an einen das Leben umfassenden Sinn glaubt, hat man für sein Leben eine Verantwortung, die der Text als Jüngstes Gericht beschreibt. An diesem „Tag des Zornes“ werden „Schafe und Böcke“ getrennt, die Guten und die Bösen, die, die dieser Verantwortung gerecht, Gottgefällig gelebt haben und die Selbstgefälligen.

Mozart nutzte diese gefühlsgeladenen Texte zu einer dramatischen Komposition, die die Bilder, die im Requiem beschrieben werden, anschaulich illustriert. Der Kreuzchor, wegen krankheitsbedingter Ausfälle in den eigenen Reihen durch das Vocal Concert Dresden verstärkt und begleitet von der Kammerakademie Potsdam, hat das Werk in seinen kontrastreichen Farben plastisch ausgeformt. Kreuzkantor Roderich Kreile arbeitete die Widersprüche und Entwicklungen sehr lebendig aus. Sein „Dies irae – Tag des Zorns“ brach wie ein Gewitter herein, atmete die Gefahr und die Angst vor diesem Tag ebenso wie die Faszination, dass es einen gerechten, richtenden Gott gibt. Mit dem „Tuba mirum“, der Posaune, die vor diesen Richter ruft, griff das hervorragend besetzte Solistenensemble in die Erzählung ein. Gerade im Benedictus, in dem Kreile mehr den moderaten großen Bogen klingen ließ, schien die Musizierfreude der Solisten abwechslungsreiche Impulse zu geben. Mozarts Requiem, durch seine geheimnisvolle Entstehungsgeschichte und großartige Einspielungen eine überaus populäre Komposition, wurde im Kontext des Gedenkkonzertes zu einer eindrucksvollen Erinnerung und Mahnung. Das Publikum war noch lange nach dem letzten Ton ergriffen und still.

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