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Mittwoch, 09.05.2018 Ich & Wir

Wie diskutieren Sie im Klassenzimmer, Frau Skomski?

Eine Mathematiklehrerin aus Dresden erzählt, warum sie ihren Schülern das logische Denken beibringt – aber auch das Zuhören und Mitreden.

Anne Skomski ist Jahrgang 1969 und arbeitet als Oberstufenberaterin am Hülße-Gymnasium in Dresden. Sie unterrichtet Mathematik und Physik und ist mit einem Lehrer verheiratet. Das Paar hat drei Kinder.
Anne Skomski ist Jahrgang 1969 und arbeitet als Oberstufenberaterin am Hülße-Gymnasium in Dresden. Sie unterrichtet Mathematik und Physik und ist mit einem Lehrer verheiratet. Das Paar hat drei Kinder.

© Thomas Kretschel

Mathematik liebe ich schon immer. Eine große Liebe ist es geworden, seit ich Schülerin an einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialschule in Riesa war. Warum? Weil man mit Mathe absolut logisch denken lernt. Es geht um die Art des Denkens, um Frustrationstoleranz, wenn es nicht gleich funktioniert. Mir gefällt es, in viele Richtungen zu denken, wenn ich ein Problem lösen will. Spezialfälle in Betracht zu ziehen, systematisch vorzugehen, zu abstrahieren – das sind Fähigkeiten, die in jedem Bereich nützlich sind. Das hilft mir in vielen Situationen meines Lebens, und deshalb finde ich Mathe total spannend. Diesen Zusammenhang Schülern zu vermitteln ist schwierig. Vor allem, weil Fernsehmoderatoren und andere Promis gern zum Besten geben, dass aus ihnen etwas geworden ist, obwohl oder gerade weil sie in Mathe nie gut waren. Damit stellen sie sich ein schlechtes Zeugnis aus. Strukturierter Durchblick? Fehlanzeige!

Gerade in den jüngeren Klassen versuche ich, nicht nur als Mathelehrerin rüberzukommen. Zum Beispiel sehen Schüler häufig nicht ein, dass sie ein Lineal brauchen, um eine Überschrift zu unterstreichen. Ich versuche ihnen klarzumachen, dass man sein Denken besser unter Kontrolle bekommt, wenn man sich alles systematisch geordnet aufschreibt, wenn man sich Strukturen aufbaut. Unterstreichen gehört dazu! So etwas weise ich nicht an, das erkläre ich immer wieder. Die Zeit dafür nehme ich mir gern. Und wenn sich eigentlich beste Freundinnen in der Pause streiten, klären wir das am Anfang der Stunde. Solche Konflikte müssen gelöst werden, damit sie sich wieder auf den Unterricht konzentrieren können. Wichtig ist, dass sich die Schüler trauen, darüber zu sprechen. Das ist in dem Moment schwerwiegender, als Bruchrechnung oder Potenzgesetze zu üben.

In den Grundkursen der Sekundarstufe II arbeite ich natürlich auch mit Schülern, die nicht so gern Mathe machen. Die sagen: „Mathe kann ich gar nicht. Frau Skomski, erwarten Sie bitte nicht zu viel.“ Aber auch sie lernen, dass sie mit Fleiß und Beharrlichkeit ein gutes Abitur schaffen können. Es bringt nichts, nur Algorithmen auswendig zu lernen und dann die nächste Schublade im Kopf aufzumachen. Meinen Unterricht mache ich ja auch nicht immer nach demselben Schema. Das wäre mir zu einfach und viel zu langweilig. Dass ich mich auf jede Klasse neu einstelle, in jeder Stunde schauen muss, was heute geht und was nicht, das macht für mich erst den besonderen Reiz meines Berufes aus. Ich weiß nicht, wie viele Entscheidungen ich in einer Unterrichtsstunde treffe. Dafür muss ich allerdings so über den fachlichen Dingen stehen, dass ich auf die Schüler reagieren kann. Das, was ich vermitteln möchte und muss, ist nur ein Gesichtspunkt. Bei den Schülern läuft noch viel mehr ab. Deshalb versuche ich, ein Unterrichtsgespräch aufzubauen, in dem sie mitreden können. Erstaunlich für mich ist immer wieder, dass die Schüler Unterrichtsmethoden wie Gruppen- und Projektarbeit, selbstorganisiertes Lernen und was es da alles so gibt, in Mathe nicht besonders mögen. Sie erwarten, dass ich klare Strukturen vorgebe und ein Gerüst aufbaue. Ein gewisses Grundvertrauen kann dabei nicht schaden. Sie sollen nicht den Eindruck bekommen, dass ich denken könnte: „Was haben die denn wieder für dumme Fragen gestellt? Haben die denn gar nichts verstanden?“

Wenn ein Schüler richtig frustriert ist, spreche ich mit ihm allein. In einer 8. Klasse, die ich neu übernommen hatte, stand ein Schüler in Mathe auf Vier. In anderen Fächern war er brillant. Er hat sich in meinem Unterricht komplett ausgeklinkt und wollte das Gymnasium verlassen, er kam einfach nicht mehr mit. Da habe ich für ihn Aufgaben zusammengestellt, die dort ansetzten, wo er noch Bescheid wusste. Er war fleißig und fand wieder Anschluss. Das sind die gewissen Momente, in denen man spürt, dass man es richtig gemacht hat.

Mathematiklehrer haben viel Unterrichtszeit und damit Gelegenheit, auf jeden Schüler einzugehen. Man macht die Klassenzimmertüre zu und ist sein eigener Gestalter. Klar, der Lehrplan muss erfüllt werden. Aber wie man das macht, entscheidet jeder Lehrer selbst. An unserer Schule kümmern wir uns intensiver um die schwachen Schüler. Aber auch von denen, denen es leichter fällt, hat sich noch keiner bei mir beschwert, weil er sich unterfordert fühlt. Im Leistungskurs habe ich einige Schüler, die mir interessante Fragen stellen. Es macht mir Freude, mit ihnen über mathematische Probleme zu sprechen, die im Unterricht keine Rolle spielen. Ja, solche Schüler gibt es auch!

Seit 2009 bin ich am Julius-Ambrosius-Hülße-Gymnasium in Dresden Oberstufenberaterin, das heißt, ich kümmere mich um die Organisation des Unterrichts in den 11. und 12. Klassen und um das Abitur. Die Schüler kommen auch zu mir, wenn sie mit Entscheidungen eines Lehrers nicht einverstanden sind. Meist entstehen solche Probleme, weil nicht deutlich genug gesagt wird, was man will. Definitiv ist die Grundvoraussetzung jeder Kommunikation, dass man zuhört. Viele reagieren schon gereizt, wenn sie mit einer Meinung konfrontiert werden, die nicht ihre ist. Ganz schlimm wird es, wenn sich Menschen in ihrer Lebenseinstellung kritisiert fühlen. Da gibt es gegenseitige Unterstellungen, das wird eine Spirale ohne Ende. Ich versuche zu vermitteln, bleibe neutral, und wenn ich alle Seiten gehört habe, versuche ich, sie wieder zusammenzubringen. Sie können sich ja nicht aus dem Weg gehen. Es hat mit sozialer und emotionaler Intelligenz und mit Selbstwertgefühl zu tun, dass man die Sache, um die es geht, von der Person abstrahiert. Wer sich seiner selbst einigermaßen sicher ist und dabei logisch denkt, kann sich auch mit anderen Standpunkten vernünftig auseinandersetzen. Konkrete Beispiele? Nein, die werde ich nicht erzählen. Solche Informationen gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das muss in der Schule geklärt werden, wenn Schüler sich ungerecht behandelt, ungerecht bewertet fühlen.

Wenn ich einen Rat brauche, spreche ich entweder mit dem Klassenlehrer oder einem Fachlehrer. Stellt es sich heraus, dass das Problem mehrere Schüler oder mehrere Fächer betrifft, kann der Klassenlehrer kurzfristig eine Klassenkonferenz einberufen, an der alle Fachlehrer der Klasse teilnehmen. Alle Beteiligten sind an einem Tisch und direkte Kommunikation findet statt. Ich kann viel besser unterrichten, wenn ich mehr über die Kinder weiß.

Wir Lehrer sind zur Neutralität verpflichtet, auch in politischen Fragen. Schule soll künftig stärker politische Bildung vermitteln. Das finde ich schwierig und bin ehrlich gesagt froh, dass ich nicht Gemeinschaftskunde unterrichte.

Im Lehrerzimmer sprechen wir in letzter Zeit auch über die Bildungsoffensive des Freistaats. Durch mein Alter bin ich eine von denen, die nicht verbeamtet werden. Ich empfinde dieses Vorgehen als ungerecht. Gleiche Arbeit sollte gleich bezahlt werden. Auch junge Kollegen sind nicht begeistert vom Beamtentum. Sie fürchten, dann kurzerhand an eine andere Schule oder in ländliche Gegenden versetzt werden zu können.

Unbestritten, im Lehrerzimmer wird hin und wieder gelästert, auch über Schüler. Aber ich kann es absolut nicht ertragen, wenn man aus einzelnen Leistungen auf die Persönlichkeit schließt. Die Daseinsberechtigung eines Schülers am Gymnasium fängt für manchen Lehrer erst an, wenn der Schüler sein Abitur mit mindestens 2,0 besteht. Das finde ich furchtbar. Ich mag es auch nicht, wenn über einen Schüler mit schwachen Leistungen geurteilt wird, er sei nur faul. Deshalb ist es wichtig, dass man von seinen Schülern frühzeitig noch ein bisschen mehr weiß, sich für sie interessiert. Manche Lehrer erfahren erst beim Abiball, welche Talente in ihren Schülern schlummern.

Wir dürfen mit den Schülern in gewissen Grenzen über soziale Netzwerke kommunizieren. Ich mache das nicht, sondern gebe ihnen bei Bedarf meine Mailadresse. Es wird stark zunehmen, dass sich Schüler, Lehrer und Eltern digital austauschen. Mir wäre es lieber, Schüler und Eltern klopfen in der Schule an meine Tür, und ich kann direkt mit ihnen sprechen. Prinzipiell gehe ich im Schulhaus eher zu einem Kollegen, als dass ich ihn in seinem Vorbereitungszimmer anrufe. Beim Telefonieren hört man wenigstens noch die Stimme. Werden nur noch Mails oder Kurznachrichten verschickt, bleibt vieles auf der Strecke, Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Lehrerin zu sein ist genau das, was ich immer wollte und was mich glücklich macht. Gegenüber meinen Studienfreunden, die als Mathematiker arbeiten, empfinde ich nur einen Nachteil: Ich möchte auch gerne einmal außerhalb der Ferien Urlaub machen.

Notiert von Birgit Grimm.

In der Reihe „Ich & Wir“ erzählen Menschen aus Sachsen, wie sie die Brüche in der Gesellschaft erleben.