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Wie beim Autofahren im Nebel

Guter Wille kann Klugheit nicht ersetzen, politischer Glaube nicht den Verstand.

06.01.2017
Von Werner J. Patzelt

Autofahren im Nebel
SZ-Kolumnist und Politikwissenschaftler Werner Patzelt.

© Ronald Bonß

Es hat seinen Reiz, am Jahresende das Erlebte mit dem zu Jahresbeginn Erwarteten zu vergleichen. Wer vermutete wohl im Januar 2014, dass zwölf Monate später ein Etwas namens Pegida der Anlass persönlicher Zerwürfnisse sein könnte? Wer im Januar 2015, dass im Dezember Hunderttausende anderswo Geflüchtete nach Deutschland gelangt wären, und viele das für unvermeidlich, ja ethisch geboten hielten? Wer ahnte im Januar 2016, dass zu Weihnachten die Kanzlerin als besiegbar gälte, auch übers Jahr ein Populist ins Weiße Haus einzöge? Und was erwarten wir heute vom Schicksal des Euro, von russischer Großmachtpolitik, von der Sicherheit im Lande, vom Ausgang wichtiger Wahlen?

Keiner hat eine Kristallkugel, die das Kommende wissen lässt. Sollen wir darum auf Einschätzungen dessen verzichten, worauf es sich einzustellen gilt? Geschehenes kennt ein Dummkopf auch; doch ist er wirklich klüger als jemand, der sich beim Vorausblick verschätzt? Wer aber mit seinen Erwartungen sehr weit neben dem wirklich Eingetretenen lag: Täte der nicht gut daran, seine Annahmen über das Funktionieren der Welt da draußen zu überprüfen? Etwa wenn unübersehbar wird, dass es Repräsentationslücken gibt, auch unwillkommene geopolitische Zusammenhänge, und unter Flüchtenden nicht nur Kriegsopfer sowie Verfolgte? Oder dass guter Wille nicht praktische Klugheit ersetzen kann, politisches Glaubenwollen nicht die Benutzung des Verstandes? Mein Rat: Schreiben Sie auf, welche wichtigen politischen Ereignisse Sie für 2017 erwarten. Notieren Sie die Gründe für Ihre Einschätzungen. Überprüfen Sie, ob einerseits Wunschdenken, andererseits Katastrophenlust die Vorhersage leiten mag.

Am Ende des Jahres vergleichen Sie das Geschehene samt seinen erkennbaren Gründen mit den Aufzeichnungen vom Januar. Lernen Sie dann aus dem Vergleich. Jahrelang wiederholt, schützt das vor den Krankheiten politischer Rechthaberei oder faktenfreien Schwadronierens. Und wer zu Jahresbeginn gute Vorsätze zu fassen pflegt, schließe möglichst den folgenden ein: Ich will mir beim Erarbeiten einer politischen Meinung ebenso viel Mühe geben wie beim Kauf eines Wagens, und ich will beim politischen Argumentieren so umsichtig sein wie beim Autofahren im Nebel. Eine wundervolle politische Kultur entstünde dann!

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