erweiterte Suche
Donnerstag, 28.09.2017 Perspektiven

Westdeutsche Blockade

Nicht staatlich bestellte Museumskuratoren setzen sich für DDR-Kunst ein. Das tun engagierte Privatleute und leidenschaftliche Kunstkenner.

Von Eduard Beaucamp*

6

Bild 1 von 2

Abgehängt. Ist das Wiedervereinigungswerk der beiden deutschen Kunstentwicklungen gescheitert?
Abgehängt. Ist das Wiedervereinigungswerk der beiden deutschen Kunstentwicklungen gescheitert?

© plainpicture

  • Abgehängt. Ist das Wiedervereinigungswerk der beiden deutschen Kunstentwicklungen gescheitert?
    Abgehängt. Ist das Wiedervereinigungswerk der beiden deutschen Kunstentwicklungen gescheitert?
  • Eduard Beaucamp
    Eduard Beaucamp

In diesem Frühjahr zeigte das Stiftungsmuseum im holländischen Zwolle, einer wohlhabenden Handelsstadt im weiteren Speckgürtel Amsterdams, die bislang wohl schönste und klügste Tübke-Ausstellung, die auch Meisterwerke aus dem Dresdner Albertinum präsentierte. Sie wurde täglich von tausend, insgesamt von 85 000 staunenden Menschen besucht. Die Ausstellung war so erfolgreich, dass sich das Museum gleich zur Folge-Tat entschloss und nun im Herbst die umfassende Mattheuer-Ausstellung aus Rostock übernimmt. Die faszinierten Holländer fragen den Westdeutschen, wie es möglich sei, dass diese großartigen Maler 27 Jahre nach der Wiedervereinigung im Ausland immer noch unbekannt sind.

Man kann es nicht laut genug in alle Welt hinausposaunen, dass der Grund in einer westdeutschen Kunstblockade liegt, in den Netzwerken eines lobbyistischen Kunstbetriebs, der mit dem Wohlwollen der Kulturpolitik eisern noch immer an einer von West nach Ost gebauten Sperrmauer festhält, die auch die bedeutendsten ostdeutschen Künstler bis heute gnadenlos ausgrenzt und Werke, die als Stiftung in westliche Sammlungen (etwa in Köln dank Peter Ludwig) gelangt sind, im Depot verstecken. Diese Werke werden auch nur ungern ins Ausland geliehen, um die westliche Konkurrenz nicht durch einen Vergleich verblassen zu lassen.

Nach den Ausstellungen in Zwolle werden Tübke und Mattheuer den Holländern vertrauter sein als den Westdeutschen, die bis heute solche Darbietungen nicht sehen durften. Angebote, diese Ausstellungen in westdeutsche Häuser weiterzureichen, wurden abgelehnt. Der schlimmste Aktivist bei diesen Kampagnen, das sei für das Geschichtsbuch festgehalten, ist die marktbeherrschende westdeutsche Künstlerprominenz, die seit Jahrzehnten nicht müde wird, die Ostkollegen, vor allem die Leipziger Maler, zu beschimpfen, zu beleidigen und zu demütigen und mit Boykott, Intrigen und Eklats zu bekämpfen.

Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich eine so diskriminierende Veranstaltung wie die Berliner Schau zum Jubiläum des Grundgesetzes und des Mauerbruchs im Gropius-Bau von 2009  („60 Jahre, 60 Werke“), welche die unliebsamen Ostdeutschen auf polemische Weise ausschloss, 2017 noch einmal wiederholen würde – diesmal nicht in Berlin, sondern in Peking. In diesem Herbst setzt dieselbe „Stiftung“ wie damals, hinter der sich ein rheinisches Netzwerk verbirgt, mit politischer Unterstützung und einer Eröffnungsrede des Außenministers in China eine Riesenschau mit 320 Werken von 55 deutschen Künstlern in Szene. Sie unterschlägt wieder zwei Nachkriegsgenerationen hochproduktiver ostdeutscher Kunst. Diese Schau hintertreibt die Pioniertat von Peter Ludwig, der schon 1996 im Pekinger Nationalmuseum durch Schenkung eines bedeutenden Werkensembles Ost und West versöhnen wollte. Gerade die ostdeutsche Kunst, die in, trotz, mit und gegen die DDR-Diktatur entstanden ist, musste in China faszinieren.

Nicht genug: Im eigenen Land kommt es jetzt noch schlimmer. Im Dresdner Albertinum, dem sächsischen Staatsmuseum der Moderne, hat sich eine Direktorin, die aus der niedersächsischen Kunstvereinsprovinz berufen wurde, entschlossen, die ostdeutsche Nachkriegsmoderne aus der Schausammlung ins Depot zu verfrachten oder nur noch in Sonderschauen zu zeigen. Dieser Bildersturm, der sich des Beifalls aus dem westdeutschen Establishment sicher sein darf, macht sprachlos und provoziert Fragen. Wann hört man damit auf, Westler, die mit der ihnen anvertrauten Museumskunst nichts anfangen können, auf ostdeutsche Museumspositionen zu holen? Wissen manche Kuratoren nicht mehr, dass ihre allererste Aufgabe die Achtung, Pflege und Vermittlung der Bestände ist? Wie ist es ums Geschichtsbewusstsein von Kunsthistorikern bestellt, denen der Kopf nur noch von Jeff Koons und Jonathan Meese schwirrt? Wie sieht ihr Kunstverständnis aus, wenn sie aus Museen Kunsthallen mit Bühnen für einen gesellschaftlichen Kommunikationszirkus und einen sauertöpfischen Moralismus nach dem Muster der diesjährigen documenta machen wollen? Was ist von einer Museumspolitik wie in Dresden zu halten, die seit Jahrzehnten einen höchst zweifelhaften Umgang mit Leihgaben von Künstlerstars auf Kosten hochqualifizierter Bestände betreibt, um westliche Modernität vorzutäuschen? So blockierte viele Jahre die „Rheingold“- Sammlung Säle des Albertinums, die der betrügerische und verurteilte Kunstberater Helge Achenbach, der sich seinerseits von der rheinischen Museumsprominenz beraten ließ, initiiert hatte.

Man sehnt sich zurück nach der Ära von Werner Schmidt, als der Besucher Anfang der 1990er-Jahre im oberen Treppenhaus des Albertinums von Rodins Denkerfigur und Mattheuers grandiosem Bilderensemble mit Sisyphus, Prometheus und dem Sturz des Denkmalkopfes empfangen wurde. Anders als die Dresdner ließen sich die Leipziger Bürger die Bilder ihrer Leipziger Schule nicht nehmen. Hier haben die Nachwende-Direktoren das bedeutende Erbe respektiert und gepflegt. Der neue Museumschef Weidinger, ein Wiener, erkennt das enorme Potenzial und will künftig ein ganzes Galeriegeschoss der ruhmreichen Schule einräumen. Neo Rauch bekennt sich heute wieder emphatisch zu seiner Herkunft und seinen Lehrern. Freimütig sagte er neulich in einem Zeitungsgespräch, dass die Hochschule zu DDR-Zeiten trotz aller Repressionen liberaler und lebenslustiger gewesen sei als in unseren künstlerisch kleinkarikierten Jahren.

Leider muss man festhalten, dass in Dresden das Wiedervereinigungswerk der beiden deutschen Kunstentwicklungen gescheitert ist. Das meiste für eine Anerkennung und Aussöhnung haben bis heute nicht Kuratoren und Kunsthistoriker, sondern Privatleute getan, unverformte Kunstkenner und leidenschaftliche Liebhaber, durchweg Unternehmer: Peter Ludwig, Bernhard Sprengel, Henri Nannen, Siegfried Seiz, Fritz P. Mayer und schließlich, ganz spektakulär, Hasso Plattner, der in sein wiederaufgebautes Potsdamer Museumspalais Barberini die Netzwerker nicht erst hineinließ und in diesem Frühjahr mit seiner Ostkunst-Sammlung ein glanzvolles Debüt gab. Alle Zweifel an der hohen Qualität der Leipziger, Dresdner oder Berliner Nachkriegsmalerei wurden hier im Vergleich mit einer gleichzeitig gezeigten Schau mit Werken aus der Phillips Collection aus Washington souverän zerstreut.

* Eduard Beaucamp, 80, schreibt seit 1966 Kunstkritiken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er ist ein Kenner von DDR-Kunst und schätzt vor allem die Malerei der Leipziger Schule.

Leser-Kommentare

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Hans-Peter

    Bravo! Auch wenn solche Beiträge zur Kunstpolitik im Albertinum erst dann erst genommen werden, wenn der Schwreiber ein Westdeutscher ist. Kommen sie von einem Ostdeutscher, dann offenbart er sich als kleinlicher Zukurzgekommener, der nur seine DDR wieder haben will.

  2. Joachim Herrmann

    Kunst ist immer Ausdruck von Gesellschaft. Und vor Allem, was in Gesellschaft sein darf und was kann. Die Demokratie ist eben nicht so weit in bundesdeutschen Landen entwickelt, das nicht sein kann, was nicht sein darf. Der vorletzte Artikel, mit einem schwulstigen- " Ich lege schon auch Wert auf das Ostdeutsche" stammelte sich selbst ad absurdum. Deshalb kann man zu Vorliegendem nur BRAVO sagen. Endlich mal EINER, der sich dem WEST stream entgegen stellt. Gerade in dogmatischen Zeiten sucht sich Kunst Ventile und die waren in der DDR nicht zu übersehen. Aber, wenn ein Gesellschaftssystem zusammen gebrochen wird, dann sind (in der Regel) zumeist auch die Künstler davon betroffen. Na und das die BRD nunmal der bessere Staat mit allen Dogmen und Wohlfeilheiten ist, das haben wir ja 26 Jahre zuhauf spüren dürfen. Da helfen auch solcherart Ausreden, wie die der neuen "Chefin" nicht. Zumal sie ja für diese Aufgabe "überqualifiziert" scheint. Wiedermal eine verlängerte Werkbank- diesmal..?!

  3. Wolfgang Kind

    Vielen Dank für die, wenn auch anonym gehaltenen, uns weitgehend unbekannten Hintergrundinformationen.

  4. boblinger

    Na, das ist aber ein lautes Schweigen hier, nachdem im Auftakt der Debatte bei Kaiser noch im Forum ad hominem gegangen wurde. Woran liegts? Traut sich bei einem Kritikerpapst der FAZ aus dem Westen plötzlich keiner mehr, der ins gleiche, für mich sehr nachvollziehbar gewählte, Horn stößt?

  5. C.G.

    @ J. Herrmann, die neue Chefin, pardon, Managerin, ist mitnichten überqualifiziert. Ich möchte sagen, sie ist für diesen Job überhaupt nicht qualifiziert. Vorige Woche stand in unserer SZ bereits ein Artikel zu diesem Thema. Dem konnte man entnehmen, dass diese Dame keinerlei Erfahrung im Bereich der Museumsführung, -leitung, hat. Ich frage mich, wer in Dresden diese Frau für fähig hielt, diesen Bereich der weithin bekannten SKD zu führen und ob hier nicht eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einen West-Import, (leider wieder das leidige Ost-West-Thema, aber in diesem Fall naheliegend), geschaffen wurde. Warum? Soll die ostdeutsche Kunstszene gezielt kaputt gemacht werden? Dieser Fall scheint(!) exemplarisch zu sein, wie uns Ostdeutschen die Idendität genommen werden soll. (Siehe folg.)

  6. C.G.

    2; Übrigens hat Kunst nicht nur etwas mit Staatsnähe zu tun, (ja, die gibt, gab es auch), allerdings hat Kunst auch etwas mit Können zu tun, und da waren unsere Künstler hervorragend ausgebildet - im Gegensatz zu manch heutigem, selbsternannten Künstler, wo die Kunst nicht(!) vom Können kommt, sondern nur, indem man sich ein Netzwerk aufbaut und seine „Werke“ lautstark und selbstbewusst an extravagante, selbsternannte Eliten verscherbelt. Und dazu kommen dann die Menschen, die glauben, wenn sie den sog. Kunstverstehern nach dem Maul reden, ebenfalls zu diesen, sich vom Pöpel unterscheidenden Schichten, zu gehören. Beispiele gibt es immer wieder zu bewundern und ich spiele bewusst nicht(!) an drei Busse an. Pinkelnde Polizistin, verdreckte Badewanne, Holzbank für 60T€, an solche Beispiele denke ich. Im Übrigen bin ich mit @1 auf einer Länge. Der vorwöchige Beitrag sorgte im Forum allenthalben für Ablehnung der, (durchaus berechtigten), Kritik an der derzeitigen Museumsführung.

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.